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Mrz
08

„1:7? Halb so wild“ – Wie Rudi Völler das Debakel herunterspielt

Der eine oder andere Fußball-Fan wird gestern mit offenem Mund vor dem Fernseher gesessen und genüsslich die Barca-Show verfolgt haben. Auch wenn die Lobhudelei auf die „beste Mannschaft der Welt“ allmählich nervt, muss man deren Brillanz dennoch anerkennen. Trotzdem: Auch der FC Barcelona ist nur so stark, wie der Gegner es zulässt. Und der hat gestern einiges zugelassen: zunächst die Spieler auf dem Platz, dann der Sportdirektor in der Analyse.

Vor ziemlich genau drei Jahren hat der FC Bayern München einen rabenschwarzen Abend im Camp Nou erlebt. Christian Lell, Breno, Massimo Oddo und Kollegen waren heillos überfordert gegen den katalanischen Renommierclub, der den Platz nach zwei Toren von Lionel Messi sowie je einem Treffer von Samuel Eto’o und Thierry Henry mit 4:0 als Sieger verließ. In den Tagen danach sah sich der FC Bayern einem medialen Spießrutenlauf ausgesetzt. Nicht nur Deutschland, sondern ganz Europa lachte über die „Klinsmänner“. Auch die Bayern-Führung ging seinerzeit mit den eigenen Spielern hart ins Gericht.

Schnitt. Gestern wurde Bayer Leverkusen im Camp Nou nach allen Regeln der Kunst vorgeführt. Dem 1:3 aus dem Hinspiel, welches Barcelona bereits so gut wie sicher ins Viertelfinale gebracht hat, folgte ein 1:7 gegen den Titelverteidiger. Leverkusens höchste Pleite in einem Pflichtspiel seit fast 40 Jahren bedeutete zugleich auch für den Gegner einen Rekord: Nie zuvor hat eine Mannschaft ein K.O.-Spiel in der Champions League höher gewonnen. Auch die 5 Tore in einem Spiel von Lionel Messi sind ein Rekord, der ein paar Jahre Bestand haben dürfte. Vielleicht schickt „La Pulga“ ja noch einen Blumenstrauß an den Rhein als Dankeschön.

Der Grundstein für einen Spießrutenlauf der „Werkself“ war also gelegt. Oder anders ausgedrückt: Der Grundstein wäre gelegt gewesen. Denn wenn man heute die Zeitungen aufschlägt, hält sich die Kritik erstaunlicherweise in Grenzen. Ok, die „Bild“ vergibt Kollektiv-Sechsen an jeden Bayer-Spieler, der gestern die Stadionführung in Barcelona mitmachen durfte. Doch der grundsätzliche Tenor lautete: „Leverkusen war zwar nicht gut, doch gegen Barcelona kann man halt nix machen.“

Derart milde ging es gestern auch unmittelbar nach dem Spiel zu, bei der „Analyse“ auf Sat1, als „Terrier“ Johannes B. Kerner, die altersmilde „Lichtgestalt“ Franz Beckenbauer und Bayer-Sportdirektor Ruuuuuuuuudi Völler zum Debakel wenig mehr zu sagen hatten als „Da kann man nix machen, die sind einfach gut.“ Sorry, aber gerade Rudi Völler, der die ganze Bandbreite zwischen nettem Onkel und Choleriker im Repertoire hat, hätte ruhig mal Tacheles reden können. Denn was seine Mannschaft geboten hat, war nix! Und wenn schon Völler versucht, sein Team zu schützen, um das Saisonziel Champions League-Qualifikation zu erreichen, dann muss doch wenigstens Moderator Johannes B. Kerner mal sagen, dass man sich so nicht präsentieren kann. (Vom „Kaiser“ ist eine Schelte ja eh nur noch zu erwarten, wenn sich der FC Bayern blamiert).

Stattdessen machte Bayer auch im Rückspiel den Eindruck, als würde man das Duell mit Barca als Teil 2 eines Ausflugs verbuchen. Zwar war gestern niemand mehr so blöd, sich auf dem Spielfeld um Messis Trikot zu bemühen, doch von Robin Dutt bis hin zu jedem Spieler hatten alle nur große Augen für das Stadion und eine gehörige Portion Ehrfurcht für den Gegner übrig. Alt-Manager Reiner Calmund hätte wahrscheinlich in Abwandlung eines alten Bonmots gesagt: „Wenn wir ins Camp Nou kommen, stinkt es immer nach Scheiße – so voll haben wir die Pampers.“

Ins Bild passt daher auch die Szene nach dem 1:7, als sich der kleine Robin diebisch freute, dass er einmal zum großen Pep in die Coaching-Zone durfte und sich ein Kompliment für das schön herausgespielte „Ehrentor“ abholen durfte. (Ist in diesen Tagen nicht alles eine Frage der Ehre?). War auf jeden Fall ne coole Aktion von Pep! Beim Gesamtergebnis von 10:2 muss man schließlich auch mal gönnen können…

Wenn jede Mannschaft nach Barcelona mit der Einstellung fährt, dass man gegen die beste Mannschaft der Welt ohnehin kaum was holen kann und dass man Künstlern wie Messi oder Iniesta bloß nicht weh tun darf, dann kann die UEFA den Henkelpott eigentlich heute schon nach Katalonien schicken. Bayer hat jedenfalls alles andere als eine gute Visitenkarte für den deutschen Fußball abgegeben, der sich auch auf Vereinsebene gerne im Kommen sieht.

Aber ich habe die zarte Hoffnung, dass nicht jeder Gegner so brav, wenn nicht gar so demütig ist wie Leverkusen. Es wird Zeit für eine Neuauflage des „Classico“ in der Königsklasse…

3 Kommentare

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  1. Nils sagt:

    Krasse Nummer gestern… aber weniger Gegenwehr als Leverkusen kann man kaum bringen. „Trikotausch-Fußball“ hat es Kollege Fuss auf Sat1 genannt. Trifft’s ganz gut finde ich :-)

    Ein 7:1 hat übrigens auch ManU schon mal geschafft. Im Viertelfinale der Champions League 2006/07 schossen sie den AS Rom mit 7 Treffern bei einem Gegentor aus dem Old Trafford und folglich auch aus dem Turnier.

  2. Heibel sagt:

    Auch der FC Bayern hat mal 7:1 gewonnen, 2009 gegen Sporting Lissabon. Eine Runde später hat der FCB dann das beschriebene 0:4-Waterloo erlebt. Insofern teilt sich Barca den Rekord mit ManUnited und Bayern

  3. KFC sagt:

    Nach dem Spiel kann man nur hoffen, dass der Bayer Konzern es genau wie mit Uerdingen macht. Ich habe keine Lust auf Weichflötten-Fußball, wie ihn Leverkusen praktiziert. Vom Management bis zum Zeugwart scheint alles ein inkonsistentes Gebilde zu sein. Im Fußball muss man auch zu seinen Werten stehen. Und dass heißt für mich auch konspirative Kritik zu äußern. Gerade nach so einem Spiel halte ich das für zwingend erforderlich. Vor dem Spiel wird dann noch gesagt, dass man in Barca was holen will. Da bekomme ich echt Fisteln am Ars… Naja bleibt zu hoffen, dass Leverkusen jetzt in der Bundesliga einbricht. So eine Mannschaft möchte ich nächstes Jahr nicht international sehen. Bleibt nur die Frage was man sich bei dem Spiel der Retortenclubs Wolfsburg gegen Leverkusen wünschen soll???

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