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Mai
16

14 Jahre Thomas Schaaf bei Werder – Eine Bilanz

Als Thomas Schaaf im Jahr 1999 kam, stand Werder Bremen vor dem Abstieg. Als er den Verein 14 Jahre später verließ, entging er mit den Bremern erneut nur knapp der zweiten Liga. Doch in den 5119 Tagen dazwischen hat Thomas Schaaf die Grün-Weißen zu ungeahnten spielerischen Höhen geführt.

Wer hat nicht alles versucht, das schwere Erbe von „König Otto“ an der Weser fortzuführen? Nachdem die 14-jährige Regentschaft Rehhagels mit zwei Meisterschaften, zwei Pokalsiegen und dem Europacup der Pokalsieger im Jahr 1995 ihr Ende fand, scheiterten Aad de Mos, Hans-Jürgen Dörner, Wolfgang Sidka und der damals noch als Feuerwehrmann verschriene Felix Magath am langen Schatten des Werder-Idols.

Trainer Nummer fünf nach Rehhagel war einer, mit dem niemand gerechnet hatte: Am 10. Mai 1999 übernahm der bisherige Amateurtrainer Thomas Schaaf, zu diesem Zeitpunkt bereits 27 Jahre im Verein, das wankende Schiff. Nur einen Tag später schaffte Werder durch ein 1:0 gegen Schalke 04 den Klassenerhalt, einen Monat darauf schlug Bremen die vom 1:2 gegen Manchester United im Champions-League-Finale traumatisierten Bayern im Endspiel um den DFB-Pokal.

Wie Schaaf und Allofs Bremen wieder sexy machten

Ende 1999 kam mit Klaus Allofs der zweite Architekt der späteren Erfolge. Werder war in jener Zeit alles andere als spannend, genau genommen war man sogar auf dem Weg eine graue Maus zu werden. Spieler wie Dirk Weetendorf, Rade Bogdanovic, Pawel Wojtala oder Lodewijk Roembiak wurden alsbald aussortiert und durch junge Akteure wie den Peruaner Claudio Pizarro, Fabian Ernst oder Tim Borowski ersetzt.

Wenig später läuteten Schaaf und Allofs den Generationenwechsel ein, indem sie Ikonen der 90er wie Andreas Herzog und Dieter Eilts in den Ruhestand schickten. Werder, das ganz nebenbei auch noch über einen gewissen Ailton und den blutjungen Torsten Frings verfügte, war Anfang des neuen Jahrtausends wieder auf dem Weg, eine Spitzenmannschaft zu werden.

Micoud war der Schlussstein im Konstrukt

Ein Baustein fehlte allerdings noch: Schaaf brauchte einen „Flair Player“, Frankreich-Kenner Allofs fand ihn in Johan Micoud, der zeitlebens in der „Équipe Tricolre“ im Schatten eines gewissen Zinédine Zidane stand. „Le Chef“ sollte von 2002 an vier Jahre lang als Kopf der Mittelfeld-Raute fungieren und in dieser Zeit 31 Tore erzielen und 39 Treffer direkt vorbereiten.

Die heute als taktisch veraltet geltende Raute war damals Werders Faustpfand gegenüber der Konkurrenz. Mit Frank Baumann auf der „Sechs“ sowie spielstarken „Achtern“ wie Tim Borowski, Fabian Ernst oder Krisztian Lisztes stellte Bremen in der Double-Saison 2004 das aufregendste Mittelfeld der Liga.

Prunkstück war jedoch der Angriff mit 28-Tore-Mann Ailton und Ivan Klasnic, der 13 Treffer zum Titel beisteuerte – und mit seinem Führungstor am 32. Spieltag beim 3:1 in München nach einem Kahn-Patzer dem FC Bayern im eigenen Stadion die Schale entriss. Die Abwehr war damals ganz nebenbei auch nicht so verkehrt: Immerhin spielten vor Keeper Andreas Reinke Top-Leute wie Valérien Ismaël, Ümit Davala oder Mladen Krstajic.

Spektakel belohnt den Mut der Macher

Nichtsdestotrotz ließ Bremens auf Spektakel ausgelegtes Spiel mit fünf nominellen Offensivspielern dem Gegner immer wieder Räume. So kommt es nicht von ungefähr, dass Werder in den „Goldenen Jahren“ mit sechs Champions-League-Teilnahmen zwischen 2003 und 2010 im Schnitt 41 Gegentore pro Bundesliga-Saison kassierte. Die durchschnittliche Trefferquote von 71 Toren kompensierte diesen Umstand allerdings locker.

Die Namen waren dabei austauschbar, das Feuerwerk jedoch blieb. Nach Micoud und Ailton kamen Diego, Klose oder Özil. Man kann reinen Gewissens behaupten, dass ein gutes Dutzend internationaler Starspieler durch die Hände von Thomas Schaaf gegangen ist – die meisten von ihnen hat der bärbeißige Schnurrbartträger erst zu solchen gemacht.

Doch Schaaf war natürlich nicht der einzige Vater des Erfolgs. Bremens weitere Trümpfe zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren das exzellente Scouting sowie der Mut von Allofs und Schaaf, auch so genannte „schwierige Charaktere“ zu verpflichten. Bis Ende der 2000er Jahre wurde dieser Mut in aller Regel belohnt.

Unterm Strich zu wenig Zählbares

Einziges Manko: Werder holte bei allem Potenzial eindeutig zu wenige Titel. 2007 etwa bekam man die Meisterschaft auf dem Silbertablett serviert, als Schalke am 33. Spieltag beim BVB verlor. Weil allerdings auch Werder gegen Frankfurt patzte, war Stuttgart der lachende Dritte.

Auch international wäre mehr drin gewesen: 2006 war man in der Champions League gegen Juventus eigentlich schon eine Runde weiter, bis Tim Wiese seine Show-Rolle hinlegte und den Italienern den Siegtreffer servierte. 2007 haben die Wechselquerelen um Miroslav Klose den Einzug ins UEFA-Cup-Finale (mit)verhindert, 2009 hatte man – endlich im Endspiel angelangt – nicht das nötige Glück. So stehen unterm Strich für Thomas Schaaf „nur“ eine Meisterschaft und drei Pokalsiege.

Als das Glück ging, kamen auch die Fehler

Mit den Abgängen von Mesut Özil im Sommer 2010 zu Real Madrid und dem von Per Mertesacker ein Jahr später zum FC Arsenal war das Märchen bei seinem letzten Kapitel angelangt. Der Verein hatte vorher schon angefangen, schlecht einzukaufen. Carlos Alberto, Marcelo Moreno, Wesley – um nur einige zu nennen – gingen ins Geld und mangels Leistung auch schnell wieder woanders hin.

Andere Vereine hatten Werder beim Scouting mittlerweile eingeholt, wenn nicht überholt und brachten zudem aus der eigenen Jugend größere Talente hervor als die Grün-Weißen. Bayern, Dortmund, Stuttgart oder Freiburg produzierten in den letzten Jahren unzählige Spieler, die mehr sind als eine Eintagsfliege. Aus dem Werder-Nachwuchs kam zuletzt dagegen wenig. Auch aus diesem Grund verpasste man 2011, 2012 und 2013 das internationale Geschäft und musste gerade in den Rückrunden sportliche Einbrüche verkraften.

Die späte Rechnung für die vergangenen Erfolge

Trotz des großen personellen Umbruchs im Sommer 2012, als teure Stars wie Tim Wiese, Torsten Frings, Naldo, Marko Marin oder Claudio Pizarro abgegeben wurden, dürfte Werders Personaletat nach wie vor klar in der oberen Hälfte der Liga rangieren. Konstante Champions-League-Einnahmen wirken eben auch in den Verträgen nach. Hinzu kommt der teure Stadionausbau, den der Verein mitgetragen hat.

Beide Posten kann man Thomas Schaaf nicht anlasten. Sehr wohl aber, dass er bis in die noch laufende Saison hinein an seinem Offensivkonzept festgehalten hat. Dabei hat sich der Fußball auch taktisch längst gewandelt. Kaum ein Team bietet heutzutage mehr als vier „echte“ Offensivspieler auf. Das Sichern des Raums vor der Abwehr genießt höchste Priorität – genau hier haben die Raute und das von Schaaf ebenfalls häufig praktizierte 4-1-4-1 jedoch ihre größten Schwächen.

Hinzu kommt, dass Werder in den letzten Jahren der Ära Schaaf nicht mehr über die Spieler mit der nötigen Klasse verfügte, um ihren Fußball erfolgreich beibehalten zu können. Irgendwann erzielte man eben nicht mehr ausreichend Tore, um die wachsende Zahl an Gegentreffern zu kompensieren. Nach 33 Spieltagen der Bundesliga-Jubiläumssaison lautet das Torverhältnis 48:63. In besseren Jahren waren die Zahlen noch vertauscht…

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