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Okt
15

1998 lässt grüßen – Löw-Krise erinnert ans Vogts-Ende

Geschichte wiederholt sich? Der Niedergang der deutschen Fußball-Nationalmannschaft erinnert stark an den Abschied auf Raten von Bundestrainer Berti Vogts nach der verpatzten WM 1998. Damals fehlte dem DFB der Mut zum radikalen Wandel. Sollte Löws Ende nach einer Klatsche bei Weltmeister Frankreich besiegelt sein, darf sich das nicht wiederholen.

Egidius Braun war bereit für die Revolution. Zumindest einen halben Tag lang. Nachdem am 7. September 1998 – mehr als zwei Monate nach dem WM-Viertelfinalaus gegen Kroatien – die alternativlose Trennung von Bundestrainer Berti Vogts endlich vollzogen war, holte sich Braun seinen „Che Guevara“ an Bord.

Paul Breitner, als Spieler schon ein echter Querkopf, war Feuer und Flamme für das Amt des Bundestrainers  – obwohl er als Coach lediglich im Nachwuchsbereich Erfahrungen gesammelt hatte. Der Weltmeister von 1974, damals 47 Jahre alt, wollte den Verband in seinen Grundfesten reformieren und dabei so ziemlich jeden Kopf austauschen.

Das missfiel dem konsensorientierten Rheinländer Braun. Und so entband der DFB-Präsident den forschen Breitner von seinen Aufgaben, ehe dieser offiziell vorstellt war. Es folgten sechs weitgehend verschenkte Jahre, der deutsche Fußball fiel in dieser Zeit immer weiter zurück.

Parallelen zu Vogts deutlich erkennbar

Nun ist Joachim Löw ja noch im Amt. Und man mag dem Weltmeister-Trainer von 2014, der zumeist für begeisternden und erfolgreichen Offensivfußball stand, durchaus wünschen, dass er die Kurve noch kriegt.

Doch mit jedem Spiel und jeder weiteren fußballerischen Enttäuschung scheint das Ende der Löw-Ära unweigerlich näherzurücken. Der Bundestrainer ist gewiss ein Stück weit ein Opfer dessen, dass die einst exzellente Nachwuchsarbeit stockt: Im Land von Gerd Müller, Rudi Völler oder Miroslav Klose fehlen torgefährliche Stürmer, dazu kommen Probleme auf den defensiven Außenbahnen.

Vor allem aber hält Löw zu lange an den hochdekorierten Recken früherer Tage fest – wie übrigens auch Vogts, der die Weltmeister von 1990 und Europameister von 1996 durchschleppte, als deren Zenit längst überschritten war. Weiter sollte Löw allmählich erkennen, dass sein zermürbender Ballbesitzfußball so ganz ohne Esprit, Tempo und Durchschlagskraft wirkungslos ist. Das Vorrunden-Aus bei der WM war kein Zufall, sondern ein logisches Produkt. Fast jeder Gegner weiß mittlerweile, wie er gegen das einst beste Team der Welt zu spielen hat. Auch Vogts hielt eisern am Libero fest, als der Rest der Welt schon erfolgreich die Viererkette praktizierte.

Die Spitze greift nicht durch

Es gibt noch mehr Parallelen: Sowohl Braun als auch der heutige DFB-Boss Reinhard Grindel legten in der größten Krise eine „Weiter-so-Haltung“ an den Tag. Nibelungentreue statt knallharter Analyse, An-Stühlen-Kleben anstatt Wille zum notwendigen Wandel. Es ist ja so schön gemütlich beim größten Fußballverband der Welt.

Doch bereits 1998 kam die Trennung vom Bundestrainer eindeutig zu spät. Alle Besänftigungsversuche der Öffentlichkeit waren nichts mehr wert, als sich die Nationalmannschaft beim „Neuanfang“ gegen den Zwerg Malta zu einem 2:1 mühte und gegen Rumänien nicht über ein 1:1 hinauskam – jeweils mit schlimmem Fußball. Auch der Restart unter Löw misslang. Tiefpunkt war das 0:3 am Samstag in den Niederlanden. Gegen eine talentierte, technisch beschlagene und temporeiche Mannschaft freilich. Aber eben auch gegen eine Auswahl, die sich zuletzt zweimal nicht für ein großes Turnier qualifizieren konnte.

Eine weitere Klatsche bei Weltmeister Frankreich am Dienstag, und Löw wäre wohl nicht mehr zu halten. Immerhin startet Anfang 2019 die EM-Qualifikation. Mit schwerem Ballast darf man in diese Ausscheidung keinesfalls starten, zumal das Nehmen dieser Hürde in der Verfassung der letzten Monate kein Selbstläufer wird.

Alternativen sind rar

Allerdings ist der Markt an deutschen Top-Trainern klein. Jürgen Klopp wird den FC Liverpool ebenso wenig für den DFB stehen lassen wie Thomas Tuchel das Star-Ensemble von Paris St. Germain. Jupp Heynckes ist mit 73 Jahren im verdienten Ruhestand angekommen, und diesen sollte man dem Immer-mal-wieder-Bayern-Trainer auch gönnen.

Jede andere Lösung würde zunächst einmal zumindest mutig erscheinen. Doch wie war das denn bei Löw? Als Jürgen Klinsmann ihn 2004 in seinen Trainerstab holte, galt der Badener als gescheiterter Vereinstrainer. Erst in den zwei Jahren unter dem reformfreudigen Ex-Nationalstürmer konnte Löw sein Profil schärfen. Bei seiner Berufung nach dem Sommermärchen 2006 als Klinsmanns Nachfolger gab es allenfalls noch Restzweifel an seiner Eignung.

Dem DFB kann man nur eines raten: Wenn eine Trennung von Löw alternativlos erscheint, dann darf dieser nicht nur deswegen eine weitere Chance erhalten, weil man auf den ersten Blick keine renommierte Alternative zur Hand hat. Bequem ist es schon lange genug am Frankfurter Riederwald.

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