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Sep
17

3. Spieltag – Himmelvaartskommandos und Hoppnungslose Fälle?

Die Saison ist noch jung, doch die ersten Krisen-Clubs der Liga sind bereits gefunden. Mit großem Etat und großen Hoffnungen gestartet, haben sich der Hamburger SV und 1899 Hoffenheim am Tabellenende eingenistet. Beide stehen nicht von ungefähr dort unten.

Eigentlich verdienen die stark gestarteten Frankfurter und Nürnberger einen eigenen Artikel. Auch Hannover 96, das spektakulär wie nie zuvor auftritt, bietet eigentlich Anlass zur Würdigung. Von den „Großen Drei“ aus München, Dortmund und Schalke, die sich erwartungsgemäß frühzeitig im oberen Tabellendrittel eingenistet haben, möchte ich gar nicht reden. Doch wie das nun einmal ist: Für Journalisten sind die Enttäuschungen immer ein Stück weit interessanter als die positiven Erscheinungen: In Hamburg und in Hoffenheim herrscht nach dem ersten Spiel seit dem Ende der Sommertransferperiode bereits Alarmstufe Rot.

Hamburg: Probleme nur teilweise behoben

0:1 gegen Nürnberg, 1:2 in Bremen, 2:3 in Frankfurt – trotz enger Ergebnisse steht der Hamburger SV völlig zu Recht im Tabellenkeller. Letzten Endes hat der Bundesliga-Dino Spiele gegen drei Mannschaften verloren, die im Idealfall um einen Mittelfeldplatz mitspielen können. Wer mit dem Abstieg nichts zu tun haben möchte, muss in solchen Partien eigentlich punkten…

Der HSV hat nicht erst seit gestern zwei grundlegende Probleme: Mangelnde Durchschlagskraft im Angriff und eine bisweilen hühnerhaufengleich agierende Abwehr. Mit dieser Kombination steigt man normalerweise ab. Doch es gibt Hoffnung: Mit René Adler im Tor und Rafael van der Vaart in der Offensivzentrale verfügt man über Spieler, die das Team auf ein neues Level heben können – wären da nicht die neun anderen Spieler in Weiß-Rot… Nein, ernsthaft: Durch die Last-Minute-Transfers der Mittelfeldspieler Milan Badelj, Petr Jiracek und vor allem van der Vaart sollte die Mittelfeldzentrale der Hamburger mittelfristig zu den stärkeren in der Bundesliga gehören und dem Team mehr Stabilität verleihen. Das „Herz“ der Mannschaft schlägt also.

Doch das Herz zum Schlagen zu bringen, war eine teure Angelegenheit. Dadurch sind zwei weitere “Operationen“ mindestens bis zum Winter verschoben worden. Die Viererabwehrkette, die im Vergleich zur schwachen Vorsaison personell unverändert ist, agiert auf einem erschreckenden Niveau. Auch der Angriff mit Artjoms Rudnevs und Markus Berg bleibt eine Problemzone. Viele Hoffnungen ruhen selbstverständlich auf Rafael van der Vaart, der allein durch seine Anwesenheit Räume für die Kollegen schafft. Für mich steht auch außer Frage, dass van der Vaart am Saisonende eine gute Tor-/Vorlagen-Statistik haben wird. Doch durch die Konzentration der Offensive auf den Niederländer entsteht nicht nur eine enorme Abhängigkeit von seiner Tagesform, sondern auch ein riesiger Druck.

Van der Vaart wurde in Hamburg empfangen wie ein Messias. Ähnlich erging es 2009 Lukas Podolski in Köln. Es gibt noch weitere Parallelen: Ihren Herzen folgend, haben sich beide einem Verein angeschlossen, der sportlich weit unter den eigenen Ansprüchen performt. Ferner besitzen die meisten Kollegen bei Weitem nicht die eigene Klasse. Das ist eine heikle Situation, die noch heikler wird, wenn die eigenen Leistungen ebenfalls nicht stimmen sollten. Diesen Negativstrudel darf man nicht unterschätzen.

Aus meiner Sicht wird der HSV auch mit van der Vaart ein superschweres Jahr haben. Noch ist die Saison jung, und mit ein, zwei Siegen aus den nächsten Spielen stünde man zunächst einmal deutlich über dem Strich und könnte etwas ruhiger agieren. Dafür müssten sich aber Adlers und van der Vaarts Kollegen endlich steigern. Ansonsten wird sich die Krise zuspitzen. In den nächsten 12 Tagen stehen 3 Bundesligaspiele an – die Gegner heißen Dortmund, Gladbach und Hannover und sind wahrlich keine Laufkundschaft. Der eine oder andere HSV-Fan wird jetzt schon das Schlimmste befürchten…

1899 Hoffenheim: Wie lange hat Hopp Geduld?

Einzig die TSG 1899 Hoffenheim gibt aktuell ein noch schlechteres Bild ab als der HSV. Saisonübergreifend hat die Mannschaft von Markus Babbel die letzten 8 Pflichtspiele verloren. Von den zu Saisonbeginn formulierten Europacup-Träumen kann man sich bereits jetzt verabschieden. Die Saison ist zwar noch jung, doch eine völlig sorglos agierende Mannschaft wie Hoffenheim wird nicht von jetzt auf gleich den Turnaround zu einem abgeklärten Spitzenteam schaffen.

Mäzen Dietmar Hopp beteuerte zwar jüngst seine Loyalität zu Trainer/Sportdirektor Markus Babbel, doch der Geldgeber war in der Vergangenheit nie für ausgeprägte Geduld bekannt. Dadurch hat nicht zuletzt Hopp selbst ein besseres Abschneiden seines Teams in den letzten Jahren verhindert. Das schlägt sich auch in der regelmäßigen Neuausrichtung in der Einkaufspolitik nieder. Von „Low-Budget“ bis „Was kostet die Welt“, von „Spieler selber groß machen“ bis „fertige Stars kaufen“ war in den letzten Jahren alles dabei – teilweise mehrfach.

Auch wenn aus dem Kraichgau anderes zu vernehmen ist, so ist gerade das Defensivauftreten der Mannschaft erschreckend. Nimmt man das 0:4 im Pokal hinzu, hat die TSG 15 Gegentore in 4 Spielen kassiert. Freiburg hat gestern – auch dank gütigster Mithilfe einer körperlos agierenden Abwehr sowie des als Leader geholten (Ex-)Nationalkeepers Tim Wiese – fünf Tore erzielen dürfen. Das dürfte dem SCF zuletzt 1994 gegen den FC Bayern gelungen sein…

Markus Babbel verweist darauf, dass man nur „Kleinigkeiten“ verändern müsse. Das ist der dreisteste Euphemismus für „Alles muss besser werden“, den ich je gehört habe. Auch die TSG erinnert mich an den 1. FC Köln. Der wankte in der Vorsaison ebenfalls bereits nach dem ersten Rückschlag bedenklich. Auch die TSG hat sich in zwei der vier bisherigen Pflichtspiele komplett demontieren lassen, in den anderen beiden Spielen war man ebenfalls schwächer als der Gegner und konnte, als es darauf ankam, nicht zulegen.

Seit dem Abgang von Trainer Ralf Rangnick im Januar 2011 beschäftigt die TSG mit Markus Babbel bereits den dritten Trainer. Gelingt in der nun anstehenden englischen Woche gegen Hannover, die ebenfalls schlecht gestarteten Stuttgarter (das hat dort Tradition) und Abstiegskandidat Augsburg nicht die Wende, dürfte auch Markus Babbel bald schon wieder Geschichte sein. Sein Nachfolger dürfte sich dann mit Babbels Einkäufen herumschlagen und hätte erst im Winter wieder die Chance, seine eigenen Vorstellungen umzusetzen (vielleicht ja nach einem weiteren „Relaunch“ der Vereinsphilosophie?). Auch für die TSG heißt es also: Jetzt oder nie! Die Frage ist nur: wie?

2 Kommentare

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  1. Astronautovic sagt:

    Kleine Anmerkung: Die Rothosen haben in Bremen 0:2 verloren. Knapp war das meiner Meinung nach nicht. Hätte Hunt auch den ersten Elfer rein gemacht, wäre das Ergebnis noch deutlicher ausgefallen. Abwehr vom HSV sehe ich auch als größtes Problem. Bezeichnend wenn der HSV-Manager, der ohne Frage ein ausgewiesener Finanzfuchs ist, aber kein Fußballfachmann, seine ehemaligen B-Spieler aus Chelsea mitbringt.

  2. Heibel sagt:

    Danke Astronautovic! Da du auf dem Platz standest, hast du das Endergebnis sicher noch präsenter als ich. Bei mir kommt das davon, wenn man sich in meinem Alter auf sein Gedächtnis verlässt.
    Außerdem: Keine Frage, dass der HSV alle Spiele verdient verloren hat. Der HSV bewirbt sich dieses Jahr eindrucksvoll als Nummer 1 im Norden – wenn man die Tabelle von Süden aus liest ;-)

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