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Apr
28

Anfangs Ende: Hart, aber richtig

Die Entlassung von Markus Anfang als Trainer des 1. FC Köln wirft nur auf den ersten Blick Fragen auf. Aber: Sportchef Armin Veh muss für die neue Saison eine Lösung mit Zukunft präsentieren.

Ja, es gibt auch Positives zu bilanzieren von der nicht einmal zehn Monate langen Amtszeit von Markus Anfang beim 1. FC Köln: Der Effzeh führt drei Spieltage vor dem Saisonende die Tabelle in der 2. Bundesliga an. Womöglich muss nicht einmal eines der verbleibenden Spiele bei Greuther Fürth, gegen Jahn Regensburg und beim 1. FC Magdeburg gewonnen werden, um das Ziel direkter Wiederaufstieg zu erreichen.

In diesem Kontext mag die Entlassung eines Trainers mit Vertrag bis 2021 unverständlich erscheinen. Und natürlich wäre es etwas stilvoller gewesen, den gebürtigen Kölner zumindest noch die Saison zu Ende bringen zu lassen. Denn sollte der Aufstieg gelingen, ist es natürlich Anfangs Werk und nicht das seiner Interimsnachfolger André Pawlak und Manfred Schmid.

Anfang wäre in der 1. Liga Freiwild gewesen

Allerdings: Spätestens die jüngste Negativserie mit nur zwei Punkten aus vier Spielen hat gezeigt, dass es mit dem 44-Jährigen im Oberhaus nicht weitergegangen wäre. Die FC-Führung um Sportchef Armin Veh musste verhindern, dass ein Trainer ohne jeglichen Kredit in die neue Saison geht. Bei jeder Niederlage – und davon kassieren Aufsteiger für gewöhnlich einige – wäre die Diskussion um Anfang aufs Neue entbrannt.

Wie das laufen kann, zeigt ein Blick in die Vereinschronik: Nach dem Aufstieg 2003 hielt der FC trotz vier Niederlagen zum Abschluss in der 2. Liga an Friedhelm Funkel fest. Der Saisonstart in der 1. Liga ging mächtig in die Hose, durch diese „Treue“ der FC-Führung wurde wertvolle Zeit verschenkt.

Anfangs Rauswurf zum jetzigen Zeitpunkt ist nicht nur durch den Missmut vieler Fans nach der 1:2-Niederlage vom Freitag gegen das abstiegsbedrohte Darmstadt 98 zu rechtfertigen.  Unter dem Strich hat der für seine erfolgreiche Arbeit bei Holstein Kiel zurecht gefeierte Anfang in Köln die Erwartungen allenfalls teilweise erfüllt.

Lange Mängelliste

Der mit Abstand beste Kader der 2. Liga mit Nationalspieler Jonas Hector, drei Top-Torjägern (Simon Terodde, Jhon Cordoba, Anthony Modeste) und zahlreichen Edelkickern wie Johannes Geis, Louis Schaub oder Vincent Koziello hat seine Klasse zu selten auf den Platz gebracht. Platz eins nach 31 Spielen ist schön, 76 erzielte Tore sind ein toller Wert – doch angesichts der individuellen Klasse sind acht Niederlagen ein genauso indiskutabler Wert wie 41 Gegentore. Nur achtmal stand die Null bei Keeper Timo Horn und seinen prominenten Vorderleuten.

Die 2. Liga war und ist in dieser Saison in der Breite dabei so schwach, dass Köln sich solche Schludrigkeiten leisten konnte. 2007/08 etwa hatte der FC unter Christoph Daum sehr viel mehr für den Aufstieg tun müssen. Kontrahenten damals waren Borussia Mönchengladbach, die üppig alimentierte TSG Hoffenheim oder der FSV Mainz 05 mit einem gewissen Jürgen Klopp auf der Trainerbank. Alle vier Vereine hätten damals den Aufstieg verdient gehabt, bis zum letzten Spieltag ging es eng zu, Köln erreichte das Ziel. In dieser Saison war es eher ein Schneckenrennen, in dem der 1. FC Köln und der Hamburger SV als haushohe Favoriten mehr Federn als nötig gelassen haben.

Anfang ist es dabei nie gelungen, trotz einiger Wunschtransfers (darunter „seiner“ Kieler Dominick Drexler und Rafael Czichos) eine Mannschaft zu formen. Offensiv genügten Geniestreiche einzelner Akteure oft zum Sieg. Defensiv war aber vieles Kraut und Rüben. Beim 4:0-Erfolg gegen Holstein Kiel am 31. März etwa hatte Köln Glück, dass der Gegner zahlreiche Einladungen zu Toreschießen ausließ. Chancen, die Mannschaften eine Klasse höher für gewöhnlich nutzen. Und die Partie gegen die „Störche“ war noch einer der Fälle, in denen es glimpflich ausging.

In der Mannschaft stimmt es nicht, die „Klappe halten“-Geste von Winterzugang Florian Kainz an den seit Wochen starken Drexler beim 0:3 in Dresden am Ostersonntag war hierfür ein sichtbares Indiz. Die fehlende Geschlossenheit spiegelte sich auch im Spiel gegen den Ball in der gesamten Saison wider. Das offensive System wurde bei gegnerischem Ballbesitz zu selten mit Engagement gefüllt, die Kölner Kontrahenten fanden oft gigantische Räume vor.

Sportchef Veh ist gefordert

Natürlich ist Sportchef Armin Veh für die Kaderzusammenstellung wie übrigens auch für die Trainerwahl zuständig. Der Stuttgarter Meistercoach von 2007 konnte sich nie komplett von dem Verdacht freimachen, bei seiner ersten Anstellung als Sportchef immer noch in erster Linie wie ein Trainer zu denken. Der eigenwillige Augsburger verzichtete aber immerhin darauf, sich für die letzten drei Spiele selbst auf die Bank zu setzen. Er tut gut daran.

An Veh ist es aber nun, eine lange to-do-Liste zügig und effizient abzuarbeiten. Für den Fall des Aufstiegs muss am Kader nachjustiert werden. Charakterlich und auch bei der individuellen Qualität dürfte auf manchen Positionen die Luft in der 1. Liga dünn werden. Mit dem aktuellen Kader wäre Köln ein Abstiegskandidat – so groß ist die Diskrepanz beim Personal zwischen Ober- und Unterhaus.

Vorrangig aber muss Veh einen Trainer finden, der passt. Anfang war der Wunschkandidat des 58-Jährigen, er wurde eigens aus seinem Vertrag in Kiel herausgekauft. Pal Dardai, der am Saisonende bei Hertha BSC aufhört, soll dem FC laut Bild schon abgesagt haben. Nach vier intensiven Jahren in Berlin will der Ungar aber eine Pause einlegen.

Bruno Labbadia (53) hatte zwar als Spieler Mitte der 90er-Jahre eine erfolgreiche Stippvisite in Köln (52 Spiele, 23 Tore), doch „der schöne Bruno“, der den VfL Wolfsburg im Sommer auf eigenen Wunsch verlässt, wäre den Fans kaum zu vermitteln.

Der Kölner ist ja Nostalgiker, aber eine Rückkehr von Peter Stöger (dessen einstiger Co-Trainer Schmid nun auch Pawlak assistiert), geschweige denn ein zweites Comeback von Christoph Daum wären ein falsches Signal.

Wenn der Autor ein wenig träumen darf: David Wagner hat mit Huddersfield Town zwei Wunder in zwei Jahren geschafft mit dem Aufstieg in die Premier League 2017 und dem Klassenerhalt 2018. Der 47-Jährige ist mehr als nur der Trauzeuge von Jürgen Klopp – was ja heutzutage schon reicht, um ein paar Imagepunkte zu sammeln. Wagner steht für eine Vision, für aggressiven Mannschaftsfußball, für den er notfalls auch ohne große Namen auskommt. Allerdings ist der Deutsch-Amerikaner begehrt. Schalke 04 sucht ja auch einen Trainer. Und Hertha. Und Stuttgart…

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