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Okt
07

Anfield calling – Klopps große Versuchung

Bevor geklärt ist, ob er kommt, wird Jürgen Klopp in Liverpool schon wie der leibhaftige Messias gefeiert. In Online-Umfragen halten ihn 70 bis 80 Prozent der Fans für die beste Lösung, die Daily Mail hieß ihn bereits als „New King of the Kop“ willkommen. Auch in Deutschland scheint die Wandlung des früheren Dortmunder Trainers in einen „Liverpöhler“ beschlossene Sache. Wäre sein Engagement an der Anfield Road aber tatsächlich eine gute Idee?

Klopp und die Liverpool-Fans: Emotion hoch zwei

Die Umfragewerte und die riesige Sympathiewelle nicht erst seit dieser Woche sprechen dafür, dass Jürgen Klopp in Liverpool eine gewaltige Akzeptanz genießen dürfte. Womöglich würde man ihm sogar das Verpassen des Europapokals verzeihen – wenn es dem einen, ganz großen Ziel dient: Seit 1990 wartet der einstige englische Rekordmeister auf seine 19. Meisterschaft.

Das Image von Klopp stillt alle Sehnsüchte der Reds-Anhänger. In Dortmund hat er schon einmal einen gefallenen Klub der großen Emotionen reanimiert und mit ultimativem Power-Fußball zumindest zwischenzeitlich zur Nummer eins in Deutschland gemacht. Seit er den BVB 2013 auch ins Finale der Champions League führte, eilt ihm vor allem in England und Spanien ein Ruf wie Donnerhall voraus.

Mit seiner emotionalen Art passt Klopp zu keinem Klub in England besser als zum FC Liverpool. Die Anfield Road ist zwar nur etwa halb so groß wie das Westfalenstadion in Dortmund, doch auf dem Kop ist die Stimmung ähnlich einzigartig wie auf der Süd. Hier lebt ein Mensch wie Klopp auf, nur an Emotionen kann er sich aufladen. Klopp Emotionen schlagen sich auch auf seinen Fußball nieder: Der ist leidenschaftlich, geradeaus, mitreißend. Mit seiner offenen Art würde er in Liverpool auch den letzten Fan im roten Teil der Stadt einfangen.

Klopp und die Medien: Potenzial trotz Sprachschwäche

Die Medienlandschaft in Großbritannien ist mit keiner anderen auf der Welt zu vergleichen. Im Mutterland des Fußballs und des Boulevards herrscht ein enormer Konkurrenzkampf zwischen den zahlreichen Medien, deren Spektrum von seriös (u.a. Guardian, Times, BBC) bis skrupellos (Sun, Mirror etc.) ist.

Sie alle verbindet ein Problem: Die Pressearbeit der Premier-League-Vereine ist durchaus als restriktiv zu bezeichnen. Außer bei den obligatorischen Pressekonferenzen vor dem Spieltag sowie den Interviewsituationen nach einer Partie ist eigentlich nichts Neues herauszufinden. Deswegen werden Zitate nicht selten vorläufig zurückgehalten oder aus der halbhohlen Hand Geschichten konstruiert – selten zum Vorteil der Spieler und Trainer.

Obwohl Klopp kein perfektes Englisch spricht, bieten sich für ihn Chancen im Umgang mit den Medien. Während allenfalls José Mourinho für Skandale zu gebrauchen und ein entsprechend beliebter Gesprächspartner ist, wägen andere Star-Trainer wie Arsène Wenger und weiland vor allem Sir Alex Ferguson jedes Wort ab. Motto: Wer wenig sagt, sagt auch nichts Brisantes.

Klopp hat schon bei Pressekonferenzen vor Dortmunder Champions-League-Partien geschickt und humorvoll den Doppelpass mit der Insel-Presse gespielt. Treibt er dieses Spiel fort, hätte er zumindest am Anfang einen immensen Rückhalt bei den Journalisten. Und sollten die Ergebnisse stimmen, lieben ihn die Engländer sowieso.

Klopp und die Sprache: Mehr als Pep ist drin

Jaja, die Sprache. Englisch lernt man in Deutschland in der Schule. Dem 1967 geborenen Abiturienten Klopp ging es nicht anders. Arbeitet man anschließend nicht gerade in einem internationalen Konzern, leiden die ohnehin schon nicht Oxford-tauglichen Sprachkenntnisse oft etwas. Das merkt man auch Klopp an, der bei Antworten auf Englisch meist nur bei kurzen, schlagfertigen Ausführungen eine gute Figur macht. Muss er ins Detail gehen oder spezielle Dinge erklären, wird die Barriere offenkundig. Das kann besonders auf dem Trainingsplatz und in der Kabine ein Nachteil sein.

Aber: Sprachen kann man lernen. Wenn Klopp einen größeren Ehrgeiz mit dem Englischen zeigt als etwa Bayern-Coach Pep Guardiola mit dem Deutschen, sollte er um Weihnachten herum bereits passabel parlieren und auch die eine oder andere Zote verstehen, wenn nicht gar verbalisieren können.

Bei einer Sache kann ihm aber wohl keiner helfen. Der Dialekt der Liverpooler (Scouse) hat schon viele Auswärtige zum Verzweifeln gebracht. Ex-Nationalspieler Dietmar Hamann, immerhin von 1998 bis 2011 auf der Insel aktiv, verstand nach eigenen Angaben in Gesprächen mit den Ur-Liverpudlians Steven Gerrard oder Jamie Carragher meist nur Bruchstücke. Zu Klopps Glück macht der Anteil der Briten im Team des FC Liverpool weniger als die Hälfte der Spieler aus.

Zudem könnte er auf die Unterstützung einer Reds-Ikone bauen: Robbie Fowler hat deutlich gemacht, dass er allzu gerne in den Trainerstab des Deutschen aufrücken würde. „Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht interessiert bin“, sagte der einstige Torjäger und Zuschauerliebling: „Ich würde es lieben.“

Klopp und die Mannschaft: Geduld ist gefragt

Die meisten seiner Spieler in Mainz und Dortmund schwärmten von Klopps Ansprache. Für Taktik und Gegneranalyse setzt er wie gewohnt auf das Zusammenspiel mit seinen Co-Trainern Zeljko Buvac und Peter Krawietz.

Auch die Spieler in Liverpool sind beileibe kein Fallobst. Der brasilianische Mittelfeldstar Philippe Coutinho (23) etwa hat sich nicht von ungefähr auf den Zettel von Real Madrid gespielt. Für großes Potenzial trotz junger Jahre stehen auch u.a. der Ex-Hoffenheimer Roberto Firmino (24), die belgischen Angreifer Christian Benteke (24) und Divock Origi (20) oder der gerade erst von einer hartnäckigen Verletzung genesene englische Nationalstürmer Daniel Sturridge (26).

Auch der belgische Nationalkeeper Simon Mignolet (27) gehört zu den Besten in der Premier League. Nicht zu vergessen der deutsche Neu-Nationalspieler Emre Can (21), der unter dem entlassenen Brendan Rodgers eine riesige Entwicklung genommen hat und trotz einiger Unkonzentriertheiten zuletzt ein Mann für die Zukunft bei den Reds ist.

Liverpool „bezahlt“ allerdings gerade für viele mittelprächtige Personalentscheidungen in den letzten Jahren. Teure Altlasten wie Mario Balotelli sind wieder entsorgt worden, andere Flops wie der 31 Millionen Euro teure englische Nationalspieler Adam Lallana binden dagegen Kapazitäten.

Dazu verlor der Verein seit der knapp verpassten Meisterschaft 2014 zwei Schlüsselspieler: Superstar Luis Suarez wechselte für 80 Millionen Euro zum FC Barcelona, Klub-Ikone Steven Gerrard war im vergangenen Sommer mit 35 Jahren über den Zenit und verabschiedete sich nach Los Angeles.

Besonders die Abwehr des FC Liverpool um den mittlerweile 34 Jahre alten Ivorer Kolo Touré ist in der Premier League nicht mehr als gehobenes Mittelmaß. Das Mittelfeld mit teuren Akteuren wie Nationalspieler James Milner (29) steht für biederes Ballgeschiebe und nicht für die Explosivität im Kopf und in den Beinen, die für Klopps Fußball benötigt werden.

Im Winter würde Klopp sicherlich allzu gerne noch einmal auf Einkaufstour gehen. Angesichts der immensen TV-Einnahmen in England kein großes Problem, zumal Brendan Rodgers allein in den letzten beiden Transferperioden sagenhafte 260 Millionen Euro in den Sand setzen durfte.

Klopps Alternativen zu Liverpool: Lange abwarten

Nun MUSS Jürgen Klopp den Job in Liverpool trotz angeblich fortgeschrittener Verhandlungen keineswegs annehmen. Doch wie heißen die Alternativen? Bei Bayern München könnte zur Saison 2016/17 ein Nachfolger für Pep Guardiola benötigt werden. Aber Klopps Umschaltfußball und das bayerische Tiki-Taka sind so gegensätzlich wie Tag und Nacht. Noch dazu würde Klopp mit einem Wechsel zum Erzrivalen seinen Legendenstatus in Dortmund gefährden. Und ob das Gros der Bayern-Fans mit dem einstigen Feindbild auf der eigenen Trainerbank leben könnten, ist auch eine Frage.

Aufgrund gänzlich fehlender Sprachkenntnisse im Spanischen und Italienischen kommt für Klopp außerhalb der Bundesliga nur England infrage. Beim Meister FC Chelsea könnte nach dem Fehlstart etwas frei werden – aber wohl nur, wenn Zampano José Mourinho seinen Stuhl freiwillig räumt. Der FC Arsenal ist durch Wenger ähnlich auf „Klein-Klein“ getrimmt wie der FC Bayern. Manchester City hat kürzlich den Vertrag mit Manuel Pellegrini verlängert und dürfte eher Guardiola auf dem Zettel haben. Zudem ist der Klub unter den Big Five in England bei allen finanziellen Möglichkeiten der mit dem geringsten Flair. Ein Faktor, der für Klopp nicht unwichtig sein dürfte.

Bliebe also außer Liverpool nur Manchester United. Sicherlich reizvoll. Als Klub vielleicht noch einen Tick mythischer als der LFC. Doch bei den Red Devils läuft alles darauf hinaus, dass Klublegende Ryan Giggs bei Louis van Gaal noch ein bisschen in die Lehre geht und nach dem Ausscheiden des Niederländers den Posten des Cheftrainers übernimmt. Die Zahl der realistischen Alternativen ist also gering.

Fazit: Do it, Kloppo

Die Paarung Klopp und Liverpool scheint eine „Marriage in Heaven“ zu sein. Vieles passt hier zusammen – oder hat zumindest Potenzial dazu. Dass die Mannschaft vom Spielerpotenzial derzeit nicht zu den besten vier im Lande gehört, dürfte wegen der geringeren Erwartungshaltung den Einstieg sogar erleichtern.

Klopp und auch das Umfeld müssten aber wohl Geduld mitbringen, bis seine Handschrift erkennbar macht. Generell benötigt Klopp für seinen Fußball mehr Konterspiel-Typen als der FC Liverpool derzeit bietet. Die Abwehr müsste verjüngt werden, das Mittelfeld an Dynamik zulegen. Bis die richtigen Spieler an der Merseyside sind, würde es wohl zwei bis drei Transferperioden dauern.

Als Lohn winkt der Nimbus der Unsterblichkeit in einer fußballverrückten Stadt. Vergleichbar mit dem Status des Trainers, der in Deutschland womöglich eines Tages den FC Schalke zur Meisterschaft führt…

Für Klopp gibt es bei allen Chancen natürlich auch ein Risiko: Scheitert er, dürfte er im Ausland „verbrannt“ sein. Realistisch wäre dann am ehesten eine Rückkehr in die Bundesliga. Der FC Bayern wäre wohl kaum an einem Gescheiterten interessiert, Schalke ist undenkbar. Aber der BVB würde Klopp in ein paar Jahren sicherlich zurücknehmen.

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