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Feb
20

Anstoß Watzke: Werksvereine sind eine Gefahr für den Fußball

Hans-Joachim Watzke, der nicht gerade als Leisetreter bekannte Geschäftsführer von Borussia Dortmund, ist zum wiederholten Mal als Anwalt der Traditionsvereine aufgetreten. Beim Sportbusiness-Kongress „Spobis“ in Düsseldorf äußerte sich Watzke kritisch über Vereine wie Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg, und forderte außerdem einen neuen Schlüssel bei der Verteilung der TV-Gelder, der den Faktor Tradition stärker berücksichtigt. Hat er Recht? Oder weigert sich da einer, das Leistungsprinzip anzuerkennen?

„Wir können nicht noch drei Mannschaften gebrauchen, die vor 25.000 Zuschauern spielen und auswärts nur 500 Zuschauer mitbringen. Da kollabiert das System, da ist es vorbei mit der Roadshow im Ausland.“ (Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer Borussia Dortmund)

„Traditionsvereine wie der 1. FC Kaiserslautern oder der 1. FC Köln, die immer ausverkaufte Stadien haben, werden durch die Werksklubs um drei Plätze zurückgeschoben – bis in die 2. Liga.“ (Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender Eintracht Frankfurt)

Im Fußball ist der Widerstreit zwischen den Traditionalisten, die am liebsten eine 1. Bundesliga mit den gleichen Vereinen wie in den 60er und 70er Jahren hätten, und den Verfechtern der „Projekte“, die Klubs aus den Niederungen mit viel Geld und Konzept in die Beletage bringen wollen, ein ungleicher. Es steht außer Frage, dass sich die meisten Fußballfans lieber ein Zweitligaspiel 1. FC Köln gegen den 1. FC Kaiserslautern anschauen als ein Bundesligaspiel VfL Wolfsburg gegen 1899 Hoffenheim – und sich dabei unverhohlen wünschen, dass die Ligazugehörigkeit doch umgekehrt sein möge.

Das Leistungsprinzip muss unantastbar bleiben

Auch ich denke mir oft, dass die Bundesliga in meinen Jugendtagen (also in den 90ern und frühen 00ern) noch sehr viel mehr „meine“ Bundesliga war, als sie es heute ist. Hätte man mir vor 15 Jahren gesagt, welche Vereine in der Saison 2012/13 im Oberhaus spielen, hätte ich vermutlich einmal herzhaft gelacht und mich anschließend nach den „richtigen“ Mannschaften erkundigt.

Doch all den Wolfsburgs, Hoffenheims, Augsburgs oder Fürths muss man lassen, dass sie sich ihre Zugehörigkeit im Oberhaus verdient haben. Weil die Bundesliga – anders als die US-Profiligen – Gott sei Dank dem Leistungsprinzip folgt und schwache Mannschaften eine Klasse nach unten geschickt werden anstatt das Recht zu erhalten, zur „Belohnung“ für eine miese Saison die vielversprechendsten Talente verpflichten zu dürfen. Dieses Leistungsprinzip, das Aufstieg und Fall ermöglicht, MUSS erhalten bleiben. Ich möchte keine 1. Liga haben, die zu einem bestimmten Stichtag „eingefroren“ wird. Tenor: Kein Abstieg und kein Aufstieg mehr – alles was darunter spielt, kann ja Farmteam werden.

„50+1“ nur pro forma existent?

Nichtsdestotrotz muss man sich auch fragen dürfen, WIE manche Vereine zu einer Top-Mannschaft werden konnten. Dankenswerterweise haben wir in Deutschland nach wie vor die „50+1“-Regel, die verhindert, dass Milliardäre in bester Abramowitsch-Manier einen Verein zu ihrem Hobby machen und diesen mit einer Wirtschaftspolitik zum Davonlaufen an die Spitze bringen.

Der FC Chelsea und Manchester City etwa waren vor zehn bzw. fünf Jahren wirtschaftlich und sportlich tot – heute haben sie u.a. den FC Arsenal, der sich zuvor durch kluge Personalpolitik und eine über Jahre gewachsene Spielphilosophie zur Nummer zwei im englischen Fußball aufgeschwungen hatte, um zwei Ränge nach hinten geschoben. Eine derart krasse Verdrängung ist in Deutschland aufgrund gewisser Limitierungen seitens der DFL zum Glück so schnell nicht möglich.

Doch natürlich – und da hat Hans-Joachim Watzke Recht – ist der deutsche Fußball nicht frei von Investoren, Mäzenen und Gönnern: Bayer in Leverkusen, VW in Wolfsburg, Red Bull in Leipzig, Dietmar Hopp in Hoffenheim, Hasan Ismaik bei 1860 München sind der beste Beweis dafür, dass man trotz 50+1 einen Verein nach eigenem Gusto führen kann (Red Bull, Hopp, Ismaik) oder zumindest mit einer Art (Blanko-)Scheck (Bayer, VW) die Voraussetzungen dafür schaffen kann, dass man ein bisschen länger auf der sportlichen Überholspur bleibt als ein Verein, der erst etwas leisten muss, bevor Sponsoren, Preisgelder & Co. die Kassen füllen.

Bundesliga 2027/28: Bayern vs. RB Leipzig?

Malt man den Teufel an die Wand, dann sieht die 1. Bundesliga in weiteren 15 Jahren vielleicht so aus: Ein paar Traditionsvereine, die es geschafft haben, ihr Potenzial in sportlichen Erfolg umzumünzen, duellieren sich mit Bayer Leverkusen, dem VfL Wolfsburg, 1899 Hoffenheim, RB Leipzig und vielleicht noch dem einen oder anderen Verein, den heute noch niemand auf dem Zettel hat, um die Deutsche Meisterschaft.

Traditionsvereine, die suboptimal gewirtschaftet und falsche Personalentscheidungen getroffen haben, werden dann genauso mit der (ewigen?) Zweitligazugehörigkeit abgestraft wie kleinere Vereine, die sich einst trotz geringer Mittel über harte, gute Arbeit ins Oberhaus gebracht haben, wie Freiburg oder Mainz, nun aber im Kampf gegen die Großen noch schlechtere Karten haben als heute.

Wie viele Limitierungen braucht der Fußball?

Ich habe natürlich keine Beweise für dieses Szenario, aber es erscheint mir nicht zu weit hergeholt. Das „Problem“ ist, dass der Fußball immer die Fans mitnehmen muss, wenn er seinen gesellschaftlichen Status erhalten will. In einer Liga wie der oben geschilderten erscheint mir das nur schwer vorstellbar.

Doch was kann man tun? Die Zahl der „unterstützten“ Vereine vielleicht limitieren, so wie man es den Zweiten Mannschaften der Profi-Vereine untersagt, in die 2. Bundesliga aufsteigen zu dürfen? Wenn man die Fußballkultur erhalten möchte, muss man gewiss bestrebt sein, möglichst viele Vereine mit großer Geschichte und Anhängerschaft in den ersten beiden Ligen zu halten.

Borussia Dortmund hat es vorgemacht

Doch braucht man hierfür ein Regulativ? Letzten Endes ist nämlich alles eine Frage der Führung. Traditionsvereine haben gegenüber den „Werksklubs“ das Faustpfand der Manpower im Hintergrund. Rot-Weiß Essen kann noch so tief fallen – der Verein wird die Menschen immer faszinieren. Auch der 1. FC Köln ist bei all den Misserfolgen der letzten 20 Jahre immer noch ein schlafender Riese, der – einmal geweckt – eine Lawine lostreten kann. Vereinen wie Hoffenheim oder Wolfsburg ist so etwas selbst in den Stunden ihrer größten Erfolge nicht gelungen.

Borussia Dortmund hat gezeigt, dass der Weg für einen Traditionsverein aus dem sportlichen und finanziellen Wachkoma zurück an die Spitze ein kurzer sein kann, wenn man die richtigen Maßnahmen ergreift und ein paar Jahre Geduld mitbringt – ganz ohne Mäzen oder Investor.

Werksklubs und „Projekte“ erlauben, aber Popularität belohnen

Dennoch halte ich den Watzke-Vorstoß, die TV-Gelder nicht nur nach dem sportlichen Erfolg, sondern auch nach Faktoren wie Zuschauerzahl, TV-Quoten und landesweite Popularität zu verteilen, für durchaus diskutabel. Man soll nur mal bei „Sky“ nachfragen, ob der Sender der DFL so viel Geld für die Übertragungsrechte an den Spielen von Bayern München, Schalke 04 oder des 1.FC Köln zahlt, oder ob man für Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg das Portemonnaie öffnet. Natürlich ist es schwierig, Parameter zu finden, mit denen alle Vereine zufrieden sind. Doch wir leben in Deutschland nun einmal in einer (Fußball-)Welt, um die uns viele beneiden. Ob das noch so sein wird, wenn die Arenen halb leer sind und sich niemand mehr mit den Vereinen im Oberhaus identifiziert, sei einmal dahingestellt.

Ich sage daher: Wer es unter Einhaltung der DFL-Regularien in die 1. Liga schafft, muss willkommen sein. Doch im Interesse des Fußballs sollte man die Vereine, die die Menschen überhaupt erst in die Stadien locken, stärker belohnen!

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