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Okt
02

Arsenal wieder obenauf – Der Özil-Effekt

Am 1. September galt Arsène Wenger noch als Geizhals und Zauderer. Sein FC Arsenal lebte eher vom Glanz vergangener Tage als von der realen Aussicht auf Erfolge in der nahen Zukunft. Am 2. September kam Mesut Özil für 50 Millionen Euro Ablöse von Real Madrid – und mit einem Mal sind die Gunners wieder eine heiße Adresse.

In der Phase des üblichen Transfer-Gossip zwischen Mai und Anfang September war der FC Arsenal in diesem Jahr die Lachnummer des europäischen Fußballs. 90 Millionen Euro Budget hatte Arsène Wenger zur Verfügung, um den Vierten der abgelaufenen Premier-League-Saison zu verstärken.

An Kalibern wie Gonzalo Higuain, Luis Suarez, Wayne Rooney, Karim Benzema, Cesc Fabregas, Luiz Gustavo oder Angel di Maria sollen die Gunners dran gewesen sein. Geholt haben sie niemanden. Naja fast niemanden. Die ablösefreien Mathieu Flamini und Yaya Sanogo kamen immerhin. Aber wer sich im Werte- und Wertsystem der Premier League auskennt, der weiß, dass ablösefreie Transfers eigentlich nicht zählen…

August 2013: Wenger auf dem Tiefpunkt seiner Ära

Die Fans der Londoner wurden zum Ende der Transferperiode immer ungeduldiger. Sie gingen vor, während und erst recht nach dem verpatzten Saisonauftakt gegen Aston Villa (1:3) auf die Barrikaden. Durch Plakate und Gesänge mit dem Inhalt „Spend some fuckin‘ money“ appellierten sie an ihre allmählich verblassende lebende Trainerlegende, endlich einen Kracher zu verpflichten. Der letzte Titelgewinn, der Sieg im FA-Cup 2004/05 liegt schließlich schon lange zurück.

Natürlich hat sich auch die Internet-Gemeinde lustig gemacht über Wenger, den geizigen Franzosen, der wie Dagobert Duck auf seinen Geldsäcken saß, während die Konkurrenz von ManCity, Chelsea, Tottenham, PSG, Monaco, Real, Juventus oder Neapel munter shoppte. Hervorzuheben ist hierbei eine wirklich gelungene Version des „Macklemore“-Hits „Thrift Shop“.

Der 150-Millionen-Tag

Dann kam der 2. September, der letzte Tag der Transferperiode in den vier großen europäischen Ligen. Es war der Tag, an dem sich nach monatelangem Gezeter endlich der 100 Millionen Euro teure Wechsel von Tottenhams Gareth Bale zu Real Madrid vollzog. Sehr viel überraschender, und das ist gehörig untertrieben, ging am gleichen Tag  auch der Wechsel von Reals Nummer zehn Mesut Özil für 50 Millionen Euro zum FC Arsenal über die Bühne. Ausgerechnet zum FC Arsenal, der mit einem Mal den Stempel des Transfer-Losers los war und ihn zu Rekordmeister Manchester United weiterreichte.

Mit diesem Tag änderte sich alles. Eine, von Özil abgesehen, mit der Mannschaft der Vorsaison identische Elf mutierte plötzlich zum „Team to watch“. Die bestenfalls vierte Kraft auf der Insel schwang sich in der Selbst-, aber auch in der Fremdwahrnehmung zu einem Titelkandidaten auf, der die aktuelle Vakanz an der Spitze des englischen Fußballs ernsthaft übernehmen könnte. Und das kurioserweise, eben weil die Mannschaft nur auf einer Schlüsselposition verändert wurde.

Wieder ein ernsthafter Titelanwärter?

In der Tat scheint die Gelegenheit so günstig wie lange nicht: Manchester United hat seit der Zepterübergabe vom legendären Sir Alex Ferguson zu David Moyes massiv zu kämpfen und krebst nach sechs Spieltagen mit nur sieben Punkten im Mittelfeld der Liga herum. Die Negativ-Stimmung hat bereits einen Grad erreicht, der für Moyes‘ Zukunft das Schlimmste befürchten lässt.

Auch der FC Chelsea und Manchester City müssen ihre Startruppen nach den Trainerwechseln zu José Mourinho beziehungsweise Manuel Pellegrini erst noch auf Kurs bringen. Die stärksten Rivalen des FC Arsenal scheinen aktuell Tottenham Hotspur und der FC Liverpool zu sein. Beide hatten die Kanoniere seit dem Beginn der Ära Wenger vor ziemlich genau 17 Jahren konstant im Griff.

Start nach Maß

Selbst international scheint etwas drin zu sein für die Gunners. In der starken Dortmunder Gruppe F startete die Elf mit dem deutschen Quartett Mesut Özil, dem immer wichtiger werdenden Per Mertesacker, dem aktuell verletzten Lukas Podolski und Nachwuchshoffnung Serge Gnabry mit Siegen gegen Olympique Marseille und den formstarken SSC Neapel. Die beiden anstehenden Spiele gegen Vorjahresfinalist Borussia Dortmund dürften zum Gradmesser werden.

Doch auch so verdient die bisherige Saison des FC Arsenal bereits die Zwischennote eins mit Sternchen: Elf Pflichtspiele, zehn Siege (allesamt aus den letzten zehn Spielen), Platz eins in der Premier League und Platz eins in der Champions-League-Gruppe stehen zu Buche. Da können momentan nur Teams wie der FC Barcelona, Atletico Madrid oder der FC Bayern mithalten.

Özil macht den Stellenwert aus

Lässt sich diese positive Entwicklung allein auf Mesut Özil zurückführen? Nicht ausschließlich, aber eben zu einem guten Teil. Mit seiner Verpflichtung hat Arsenal in alle Richtungen ein Ausrufezeichen gesetzt. Zwar ist es noch sehr früh, um ein Urteil zu fällen, doch Özils Zwischenbilanz spricht jetzt bereits dafür, dass der 24-Jährige international einer der Top-Griffe des Sommers war: In fünf Pflichtspielen war er an sechs Toren direkt beteiligt, ist unter anderem mit vier Torvorlagen der beste Vorbereiter der Premier League.

Was aber noch viel wichtiger ist und was man im Fußball nie unterschätzen sollte: Mit Özil gilt Arsenal wieder etwas – das Gegenbeispiel sieht man gerade in Manchester, wo mit Ferguson scheinbar auch der Respekt vor den Red Devils verschwunden sind. Die Stimmung in London hat sich um 180 Grad gekehrt, Fans und Mannschaft gehen wieder Hand in Hand, die Gegner haben wieder großen Respekt und auch die Medien zollen ihre Anerkennung.

Hier ein paar Schlagzeilen ausgewählter englischer Medien am Tag nach dem souveränen 2:0-Sieg gegen Napoli in der Champions League:

The Sun: „Der Zauberer von Öz. Wenger war im Traumland. Mesut der Magier ist einfach zu gut für den traurigen Rafa. Er war Dynamit und hatte einen exquisiten Abschluss.“

Daily Express: „Özil ist einfach wunderbar! Es war eine außergewöhnliche Vorstellung. Der König der Vorlagen hat bewiesen, dass er auch der Prinz des Abschlusses sein kann. Arsenal hat für seine 42 Millionen Pfund umgehend etwas zurückbekommen.“

The Guardian: „Der deutsche Zauberer zeigt Wenger den Weg zu neuen Arsenal-Abenteuern. Özil gibt Arsenal den Glauben zurück, nach enttäuschenden Jahren auf dem Weg zu etwas Gutem zu sein. Özil ist bis jetzt der perfekte Kauf.“

The Independent: „Özil hat auf Arsenal einen Einfluss wie Eric Cantona vor 21 Jahren auf Manchester United. Wenger und seine Mannschaft dürfen wieder von europäischer Größe träumen. Wenn Özil Arsenal irgendwann verlassen hat, wird er sicher denselben Status haben wie die besten Ausländer der Klubgeschichte, wie Thierry Henry, Patrick Vieira und Dennis Bergkamp.“

The Telegraph: „Özil bringt die Siegermentalität ins Emirates Stadion zurück. Real Madrid muss im Cibeles-Brunnen geweint haben, als Özil Neapel auseinandernahm. Mesut Özil war nicht nur der beste Kauf des englischen Sommers, sondern auch der dümmste Verkauf. Arsenals Rekordtransfer beweist, dass ein kühler Kopf die meiste Zerstörung bringt.“

So kann es für den FC Arsenal weitergehen. Und auch dem englischen Fußball würde es sicher nicht schaden, wenn die drei Big-Shots von ManUnited, ManCity und Chelsea das Nachsehen hätten.

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