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Jul
28

Arturo Vidal – Das fehlende Puzzleteil

Nach wochenlangem Transferpoker ist Arturo Vidal beim FC Bayern angekommen. Durch seine Verpflichtung scheinen die Münchner alle Teile für ein weiteres Triple beisammen zu haben. Allerdings birgt die Zusammenarbeit zwischen dem wilden Chilenen und dem als Feingeist geltenden Trainer Pep Guardiola auch Risiken.

Am 29. August 2012 blätterte Bayern München 40 Millionen Euro für einen gewissen Javi Martinez von Athletic Bilbao hin. Der damalige Trainer Jupp Heynckes frohlockte: „Javi ist der Spielertyp, der uns gefehlt hat.“ Was er meinte: Der Baske war eine Maschine, die im Defensivbereich jeden Zweikampf annahm und Löcher stopfte, bevor sie entstanden. Der Bundesliga-Rekordtransfer sollte sich mit dem Triple 2013 bezahlt machen.

Auch wenn Martinez immer noch in München unter Vertrag steht – in den letzten beiden Jahren freilich von Verletzungspech in epischem Ausmaß gebeutelt –, so kann man doch den Eindruck gewinnen, dass der 28. Juli 2015 für den FC Bayern ein ähnlich bedeutsamer Tag ist, der womöglich in ein weiteres Triple mündet. Arturo Vidal sei Dank.

Aggressive Leader in einer Gruppe braver Ballzirkulierer

Der stark tätowierte Iro-Träger Vidal hebt sich nicht nur optisch von der zuweilen bieder wirkenden Gruppe braver Ballzirkulierer à la Philipp Lahm oder Xabi Alonso ab, die in der Vorsaison das zentrale Mittelfeld bei Bayern München bevölkerten.

Auf Vidals Kerbholz stehen Diskothekenschlägereien oder Alkoholfahrten, die letzte erst vor sechs Wochen während der Copa America – die Chile angeführt von Vidal erstmals gewann. Der mittlerweile 28 Jahre alte Ex-Leverkusener, der sich selbst als „Krieger“ bezeichnet und diesen Beinamen auch bei seinem letzten Verein Juventus Turin trug, ist ohne Frage das, was man im modernen Fußball als Aggressive Leader bezeichnet.

Mehr taktische Möglichkeiten dank Vidal

Als Abräumer, Zeichensetzer, aber auch als fußballerischer Impulsgeber wird dem 35-Millionen-Mann (Vertrag bis 2019 plus ein Jahr Option) eine Schlüsselrolle zukommen. Vidals „Andersartigkeit“ eröffnet Trainer Pep Guardiola neue taktische Möglichkeiten, allein in der Grundausrichtung scheinen nun etwa auch ein 3-4-3 oder ein 4-3-3 Optionen zu sein.

Dass Vidal nebenbei ein glänzender Kicker ist, der auch im Abschluss seine Qualitäten hat (28 Serie-A-Tore in den letzten drei Spielzeiten), stört da gewiss nicht. Zugleich nimmt Vidals Präsenz den Weltklasse-Außenverteidigern wie Philipp Lahm oder David Alaba wohl die (vage) Hoffnung, in der neuen Spielzeit regelmäßig in der Zentrale zum Einsatz zu kommen. Auch hier könnte es den FCB schlechter treffen als mit diesen beiden auf den defensiven Außenbahnen.

Vidal ist eigentlich kein „Pep-Spieler“

Vidal ist mit seiner Spielweise nicht der klassische Spielertyp, den sein neuer Trainer Pep Guardiola eigentlich favorisiert. Mit seinem teilweise übertrieben aggressivem Spiel wandelt Vidal eigentlich ab der ersten Minute auf dem schmalen Grat zum Platzverweis. Auch wenn man ihm lassen muss, dass er dafür nur sehr selten welche erhält: der letzte liegt fast vier Jahre zurück.

Dem in München längst nicht mehr gottgleich verehrten Guardiola, der sich von Fanseite zuletzt eine zu große Einflussnahme auf die Vereinsidentität vorwerfen lassen musste, behagen normalerweise andere Typen. Akteure, die den Ball halten, das Spiel dominieren und auch defensiv brenzlige Situationen im Verbund möglichst ohne Foul lösen.

In Vidal hat sich der FC Bayern einen Spieler geholt, der als „Giftpilz“ das gegnerische Spiel effektiv stören und auch die Mitspieler im Umschaltspiel notfalls unsanft auf Kurs bringen kann. Kontersituationen, die vor allem in der Rückrunde der vergangenen Saison keine Seltenheit waren, könnten so der Vergangenheit angehören.

Vidal ein Wunschspieler des Trainers oder des Vorstands?

Bei aller Klasse Vidals: Dass Guardiola künftig einen Spieler in seinen Reihen hat, der so gar nicht seinem Schema entspricht, berechtigt schon zu der Frage, ob er ihn wollte, weil er erkannt hat, dass es ohne diesen Typus nicht geht? Oder ist Vidal vielmehr ein Wunschspieler des Vorstands um Karl-Heinz Rummenigge und Matthias Sammer, dem sich Guardiola (ausnahmsweise) zu beugen hat?

Dass Guardiola mit streitbaren Charakteren seine Probleme hat, zeigt das allseits bekannte Kapitel Zlatan Ibrahimovic. Mit seinem Wunschtransfer des Sommers 2009 lag Guardiola beim FC Barcelona schnell heillos überkreuz – eine Fehde mit Nachwirkungen. Erst vor wenigen Tagen sagte der exzentrische Ibrahimovic in einem ESPN-Interview über Guardiola: „Good coach, bad person.“ Nach der Erfahrung mit dem schwierigen, aber genialen Schweden hat Guardiola seine Mannschaften ohne Bad Boys zusammengestellt. Bis jetzt.

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