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Jul
08

Sassuolo Calcio – Nur fast das Hoffenheim Italiens

In Deutschland ist Hertha BSC als Zweitligameister in die erste Liga aufgestiegen, in Frankreich der neuerdings superreiche AS Monaco – beides prominente Namen. Anders in Italien. Hier hat mit US Sassuolo Calcio ein Kleinstadtklub ohne eigenes Stadion erstmals in seiner 91-jährigen Vereinsgeschichte den Sprung in die Serie A geschafft. Ein Fußballmärchen ist der Aufstieg von Sassuolo aber nur bedingt, denn der Klub weist die eine oder andere Gemeinsamkeit mit einem deutschen „Dorfklub“ namens 1899 Hoffenheim auf.

41.000 Einwohner zählt die Stadt Sassuolo, die zwischen Bologna und Modena in der Emilia-Romagna liegt. Nie gehört? Nicht schlimm. Es gibt gewiss auch den einen oder anderen Italiener, der mit dem Namen Sassuolo wenig bis gar nichts anzufangen weiß. Noch, muss man wohl sagen. Denn durch den sensationellen Aufstieg in die Serie A als Zweitligameister werden die Stadt und der Verein mindestens ein Jahr lang auf der großen Bühne des Weltfußballs mitmischen.

Dabei wäre es zu schön, wenn man die romantische Geschichte eines Klubs erzählen könnte, der als waschechter Underdog den reichen Vereinen ein Schnippchen geschlagen hat. Dem ist nur teilweise so. Denn in Sassuolo mangelt es zwar an Vielem, einen Geldgeber gibt es aber trotzdem. Was den Klub von Hoffenheim unterscheidet? Lest selbst.

Einmal ins Rollen gekommen, nicht mehr zu bremsen

Sassuolos Weg in die Beletage war lang und schleppend. 1922 gegründet, qualifizierten sich die Schwarz-Grünen erst 1981 erstmals für die Serie C2, Italiens vierhöchste Fußballiga. Genau die richtige Kragenweite für einen Klub, dessen Stadion Enzo nur 4.000 Zuschauer fasst und ohnehin kaum besucht wird, möchte man meinen. Zumal es schleppend weiterging: Nach 25 Jahren der Viertklassigkeit gelang erst in der Saison 2005/06 über die Relegation gegen den AS Sansovino der Aufstieg in die dritthöchste Spielklasse, die Lega Pro Prima Divisione.

Dort angekommen, nahm die Entwicklung von Sassuolo Calcio rasant Fahrt auf: Im ersten Jahr scheiterten die Schwarz-Grünen erst im Playoff am Aufstieg in die Serie B, 2008 gelang unter dem heutigen Milan-Trainer Massimiliano Allegri schließlich als Drittligameister der Sprung in die Serie B. Auch dort sorgte der Kleinstadt-Verein schnell für Furore: 2009 verpasste Sassuolo die Aufstiegsrunde zur Serie A nur hauchdünn, 2010 musste man als Vierter der zweiten Liga dem traditionsreichen FC Turin mit 1:1 und 1:2 im Playoff den Vortritt lassen. 2012 war für den Dritten der Serie B der einstige Champions-League-Finalist Sampdoria Genua eine Nummer zu groß.

Keine Heimspiele, viele Trainerwechsel – trotzdem erfolgreich

2013 umging Sassuolo schließlich die ungeliebte Playoff-Hürde: Durch den 1:0-Sieg gegen Mitaufsteiger AS Livorno sicherte sich die Mannschaft von Eusebio Di Francesco am letzten Spieltag die Zweitligameisterschaft und damit den direkten Aufstieg in die Serie A.

Allein dieser Umstand ist schon bemerkenswert. Noch bemerkenswerter wird er aber dadurch, dass der Klub genau genommen seit fünf Jahren kein echtes Heimspiel mehr hatte. Mit dem Aufstieg in die Serie B erfüllte das Stadio Enzo Ricci nämlich nicht mehr die Auflagen des italienischen Verbandes, Sassuolo musste ins 20.000 Zuschauer fassende Stadio Alberto Braglia im nahegelegenen Modena umziehen – mit dem Resultat, dass der Verein 2013/14 sogar eine Klasse über den eigentlichen Hausherren spielen wird.

Ebenfalls bemerkenswert ist die personelle Fluktuation auf Sassuolos Trainerposten: In der zehnjährigen Amtszeit von Präsident Carlo Rossi beschäftigte der Klub trotz dreier Aufstiege sage und schreibe elf Trainer. Serie-A-Aufstiegstrainer Eusebio Di Francesco ist der erste Coach unter Rossis Ägide, der in seine zweite Saison als Übungsleiter gehen darf bzw. will…

Dass es in Sassuolo in den vergangenen acht Jahren dreimal nach oben ging, hat vor allem mit einem Mann zu tun: Giorgio Squinzi, Mäzen und CEO des Baustoffherstellers „Mapei“, der seinen Sitz in Sassuolo hat. Der 70-Jährige, dessen Herz ausgerechnet dem AC Milan gehört, öffnet seit 2002 regelmäßig die Schatulle für den ortsansässigen Verein. Logisch, dass auch „Mapei“ längst Hauptsponsor der Fußballmannschaft ist.

Talente statt teurer Stars

Allerdings ist es nicht so, dass Sassuolo mit Geld um sich geworfen hat, um nach oben zu kommen (liebe Grüße nach Hoffenheim und Leipzig). Der Verein hat in den letzten zehn Spielzeiten insgesamt nur neun Millionen Euro für Neuzugänge ausgegeben. Man versteht sich eben als Ausbildungsverein.

Mittelstürmer Richmond Boakye etwa, 20-jährige Leihgabe von Juventus Turin, schoss Sassuolo mit elf Toren in der Vorsaison zum Aufstieg und wurde nun nach Turin zurückbeordert. Auch der zweite Aufstiegsheld, der 18-jährige Rechtsaußen Domenico Berardi aus der eigenen Jugend, wird aktuell von Juventus, Manchester United und Manchester City umworben.

Nur zwei Spieler im Team sind älter als 28 Jahre, laut transfermarkt.de ist der gesamte Kader des Aufsteigers gerade einmal 26 Millionen Euro wert – nur 3,5 Millionen mehr als der deutsche „Nobody-Aufsteiger“ Eintracht Braunschweig. Damit dürfte relativ klar sein, wer als absoluter Underdog in die nächste Serie-A-Saison startet. Bislang hat Sassuolo nur 1.500 Dauerkarten abgesetzt. Man möchte ihnen wünschen, dass es noch ein paar mehr werden.

1 Kommentar

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  1. Michael Augustin sagt:

    Interessante Story! Pflichtlektüre für Mario Gomez…
    Wenn Du Lust hast: http://augenklicke.wordpress.com/
    Gruß aus Hamburg!

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