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Jul
11

Back to reality – Schönen Urlaub, Mädels!

Die deutschen Fußball-Frauen sind raus bei der Heim-WM! Auch die letzten Unverdrossenen können nun das Gerede vom „Sommermärchen“ unserer „Nationalelfen“ einstellen. Die mit großem Brimborium angekündigte Heim-WM war vielmehr ein Flop für den deutschen Frauenfußball.

Nicht einmal zwei Wochen nach dem Auftakt im ausverkauften Berliner Olympiastadion ist die Mission Titelverteidigung bereits gescheitert. Die deutschen Fußballfrauen wollten bei der Heim-WM ein Stück weit aus dem Schatten der Männer heraustreten, in dem sie trotz zweier WM- und sieben EM-Titeln immer noch standen.

Das Turnier wurde vom DFB, den Sponsoren und den übertragenden Sendern zu einem Mega-Event „hochsterilisiert“ (danke, Bruno). Die Mannschaft bekam eine Aufmerksamkeit wie nie zuvor. Einige deutsche Damen, allen voran Lira Bajramaj, wurden von Sponsoren und Medien im Vorfeld zu Stars aufgebaut. Das Einzige, was jetzt „nur“ noch folgen musste, waren Siege. Immerhin drei sind es geworden, aber die gab es eben nur in der Vorrunde.

Der Neid-Faktor I: Wie viel Schuld trägt die Bundestrainerin?

Bundestrainerin Silvia Neid wird von vielen Medien als Hauptschuldige ausgemacht. From Hero to Zero, könnte man auch sagen. Die erfolgsverwöhnte Fußballlehrerin habe entscheidende Fehler gemacht, heißt es. Doch ob eine personelle Entscheidung oder eine taktische Vorgabe richtig oder falsch war, wird im Fußball immer erst rückblickend bewertet. Die Leute, die Silvia Neid nach dem Nigeria-Spiel noch zur Demontage von Sturm-Legende Birgit Prinz gedrängt und nach dem Frankreich-Spiel dafür gefeiert haben, kritisieren nun nach dem Aus gegen Japan, dass der sichtlich beschädigte langjährige Sturmstar 120 Minuten auf der Bank blieb.

Auf der anderen Seite ist die Bundestrainerin letztlich für die Spielphilosophie und deren Umsetzung – in welcher Besetzung auch immer – zuständig. Und die Mannschaft hat entweder die Philosophie der Trainerin nicht verstanden, oder Silvia Neid hatte den verkehrten Plan in der Tasche.

Rückblickend – da ist es wieder, dieses Wort ¬– hatte die Mannschaft eigentlich ideale Voraussetzungen: Acht Lehrgänge mit verschiedenen Schwerpunkten standen seit Anfang April auf dem Programm. In der Theorie also mehr als genug Zeit, um sich einzuspielen. Doch auf der anderen Seite bedeutet das auch, dass der Kader fast drei Monate aufeinander hockte. Zudem ist es bei einer so langen Vorbereitung immer schwierig, das richtige Maß aus An- und Entspannung zu finden. Die Ergebnisse aus der Vorbereitung, als ein Kantersieg gegen durchaus namhafte Gegner den nächsten jagte, lassen durchaus die Vermutung zu, dass die Mannschaft bereits zu früh in Form war. Oder aber…

Sonnenseiten bedingen auch Schattenseiten

Die Heim-WM wurde als große Chance für den deutschen Frauenfußball gesehen. Endlich bekam man die fast ungeteilte Aufmerksamkeit. Nie war die Gelegenheit günstiger, die Werbetrommel für sich und sein Produkt zu rühren. Viele Spielerinnen erhielten die Anerkennung für ihre Erfolge der Vergangenheit, schlossen Werbeverträge ab, wurden bekannt und waren gefragt – kurz, sie bekamen die Sonnenseiten des Fußballgeschäfts zu spüren. Doch wo Sonne ist, ist auch Schatten: Immer Rede und Antwort stehen, auch Negativ-Schlagzeilen verkraften, und trotzdem gewinnen und schönen Fußball spielen. Auch das sind Anforderungen an einen modernen Fußballer.

Wer bei den Männern den Adler auf der Brust trägt, kennt die Aufmerksamkeit und die damit einhergehende Ablenkung bereits aus seinem Verein zur Genüge. Deutsche Nationalspieler haben immer mit einer immensen Erwartungshaltung zu kämpfen, und die meisten von ihnen schaffen es damit umzugehen. Bis die Frauen einmal an diesen Punkt kommen, dass die Erwartungshaltung zur Normalität wird, werden noch Jahre vergehen. Vorausgesetzt, die Medien und Sponsoren bleiben nach der enttäuschenden WM am Frauenfußball dran – was man durchaus in Frage stellen darf. Eine eigene Sportschau zur Frauenfußball-Bundesliga ist jedenfalls eher nicht zu erwarten…

Immerhin: Bei der nächsten WM, 2015 in Kanada, wird die Erwartungshaltung „dank“ des Viertelfinal-Aus sicherlich geringer sein. Und auch die zu erwartenden Anstoßzeiten aufgrund der Zeitverschiebung (vermutlich 22 Uhr und später nach Mitteleuropäischer Sommerzeit) dürften für eine geringere Resonanz in der Bevölkerung sorgen…

Der Neid-Faktor II: Stutenbissigkeit?

Man kann ja nicht ins deutsche Teamquartier hinein schauen, aber innerhalb der Mannschaft gab es schon eine Mehrklassengesellschaft. Nicht auszuschließen, dass auch der Neid ein leistungsmindernder Faktor war. Immerhin gewinnt man Fußballspiele nur als Team, und Missgunst kommt schnell auf, wenn jemand die ganze Aufmerksamkeit erhält, aber in den Augen anderer zu wenig leistet. Stars werden nur geduldet, wenn sie dem Team etwas zurückgeben.

Da fällt mir spontan Lira Bajramaj ein, die vor der WM mehrere Sponsorenverträge (u.a. mit Nike) abgeschlossen hatte und zum Gesicht der WM aufgebaut werden sollte – in der Hoffnung, dass sie auch sportlich der Star der WM wird. Nach schwacher Vorbereitung fand sich Bajramaj allerdings fast immer auf der Bank wieder. Verdrängt wurde sie von Melanie Behringer, quasi ihrem Gegenentwurf: hier Bajramaj das Glamour-Girl, die Dribbelkünstlerin; da Behringer das Kraftpaket, deren Stärke eher im Kampf lag. Obwohl Stammspielerin, interessierte sich jedoch niemand für sie.

Hinter Bajramaj wurden vor allem Mittelfeldspielerin Kim Kulig (zog sich gegen Japan einen Kreuzbandriss zu), Celia Okoyino da Mbabi und Alexandra Popp zum Liebling der Medien. Dahinter waren vielleicht noch Torhüterin Nadine Angerer, Birgit Prinz, Inka Grings und Simone Laudehr gefragt – der Rest interessierte im Grunde nicht.

Man wird vermutlich nie erfahren, wie es um die Chemie innerhalb der Mannschaft bestellt war, aber eine gewisse Portion Missgunst wäre ja eigentlich nur zu menschlich.

Am Ende bleibt die Enttäuschung

Exemplarisch sei hier Birgit Prinz genannt: Die 33-jährige hatte ihre Karriere eigens noch einmal verlängert, um möglichst mit dem 3.WM-Titel, und dann auch noch in eigenen Land errungen, abzutreten. Jetzt, wo das Turnier vorbei ist, erinnert sie irgendwie an Michael Schumacher. Auch der siebenmalige Formel-1-Weltmeister wollte seiner Weltkarriere mit einem weiteren Titel nach Comeback noch einmal die Krone aufsetzen. Heute fährt er hinterher. Früher war er nicht immer beliebt, aber respektiert wegen seiner Erfolge. Heute wird er von den meisten bemitleidet.

Der der deutsche Frauenfußball steht gerade an einer Weggabelung. Das nächste Jahr wird zeigen, wohin der Weg führt. Immerhin bietet die durch das Viertelfinal-Aus verspielte Olympia-Qualifikation auch eine Chance: Man kann nun alles auf den Prüfstand stellen und hat bis zum nächsten Turnier, der EM 2013, zwei Jahre Zeit, seine Lehren zu ziehen.

Bis dahin aber erst mal schönen Urlaub, Mädels! Es sind schon ganz andere an ihren Zielen gescheitert, um dann umso stärker zurückzukommen.

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