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Sep
26

Bayern ist so gut wie durch! – Der Trend geht zum Zwischenfazit

Irgendwie liegt es in der menschlichen Natur, Dinge „Paroli laufen zu lassen“ (danke, Horst Hrubesch). Das kann in vielen Lebensbereichen hilfreich sein, denn so erhält man einen Überblick über den Status quo. Im Fußball nervt der Trend zum Zwischenfazit jedoch enorm. Dummerweise nimmt er zu. Das ist zumindest mein Zwischenfazit.

Nicht einmal fünf komplette Spieltage sind in der 1. Fußball-Bundesliga absolviert, da werden schon die ersten Vereine abgeschrieben, während andere ihre Saisonziele gar nicht mehr verfehlen können. Nach dem gestrigen 3:0 gegen den VfL Wolfsburg etwa konnten sich die Spieler und Verantwortlichen des FC Bayern München fast schon zur Deutschen Meisterschaft gratulieren lassen. Logo, haben die Bayern doch schon sieben Punkte Vorsprung auf Borussia Dortmund. Das kann man in 29 noch ausstehenden Partien auch gar nicht mehr verspielen! Ach so: Letztes Jahr hatte der FCB nach sechs Spielen sogar acht Zähler mehr als der BVB auf dem Konto. Meister wurde wer nochmal? Auch in der Saison 2008/09 legten die Bayern einen starken Start hin, zur Winterpause hatten sie neun Zähler mehr als der VfL Wolfsburg. Meister wurden die Niedersachsen.

Um eines klar zu stellen: Es ist überhaupt nicht die Schuld der Bayern, dass ich an dieser Stelle ein wenig gegen meinen Würgereiz zu kämpfen habe. Die Bayern tun einfach das, was sie fast jedes Jahr tun: Sie starten mit einer Siegesserie in die Saison. Genauso verlässlich gönnt sich der FCB aber seit Jahren im Herbst, spätestens jedoch im Winter eine Schwächephase. Deren Dauer entscheidet dann oft darüber, ob es am Ende zum Titel langt oder nicht. Daran dürfte auch der in dieser Saison breiter aufgestellte Kader nichts ändern. Und prompt wären die schönen Zwischenfazits des Spätsommers Makulatur.

Aber klar, irgendwie muss man ja Sendeminuten voll kriegen und Spalten füllen. Und wenn es eben ist, dass die Meisterschaft bereits zu Gunsten des FC Bayern entschieden ist. Genauso kann Frankfurt schon für die Champions League planen, der BVB sollte seinen Spielbetrieb einstellen und Hoffenheim sowie der HSV sind – getreu dem Motto „the trend is your friend“ – nach ihren Siegen zuletzt so was von im Kommen. Ferner begrüßen wir Braunschweig, Cottbus und den FSV Frankfurt herzlich in der 1. Bundesliga.

Der Hang zum Extremen in der Berichterstattung nimmt auf eine ungesunde Weise zu und treibt immer seltsamere Blüten: Kurz vor dem Bundesliga-Start etwa hat nicht allein die Bild-Zeitung (von der man nichts anderes erwarten konnte) die Gewinner und Verlierer der Saisonvorbereitung gekürt, sondern fast die gesamte Sport-Medienlandschaft. Und Axel Springer-Ableger Sport-Bild erklärte nach dem 2. Spieltag der Nation, wer in 2012/13 top und wer flop ist. Nach 180 Minuten! Ich erinnere mich, dass Mario Gomez vor zwei Jahren erst am 8. Spieltag seinen ersten Saisontreffer erzielt hat, am Saisonende war er Torschützenkönig. Ich erinnere mich, dass die aktuell so starke Frankfurter Eintracht zur Winterpause der Saison 2010/11 ganz nah dran war an einem Europapokal-Platz. Am Ende der Spielzeit war die SGE abgestiegen.

Doch es geht noch besser: Zwischenfazits in Live-Spielen. Ich weiß nicht, ob es in den Redaktionskonferenzen eine Ansage gibt, aber mittlerweile werden bereits in den Anfangsminuten eines Spiels die ersten Bilanzen gezogen. So attestierte ZDF-Mann Bela Rethy beim Champions League-Auftakt in der vergangenen Woche zwischen dem FC Bayern und dem FC Valencia beim Spielstand von 0:0 nach nicht einmal fünf Minuten messerscharf: „Beide Mannschaften tun sich schwer, ins Spiel zu kommen.“

Allerdings scheint der Trend zum übertriebenen Bilanzieren nicht neu zu sein. Bereits in den 1970er-Jahren stellte der ARD-Kommentator Holger Obermann fest: „Zwei Minuten gespielt, immer noch hohes Tempo.“ Und falls es jemand noch nicht bemerkt hat: Die Mannschaft, die bei Anpfiff Anstoß hat, weist eine 100-prozentige Ballbesitzquote auf, bis der Gegner zum ersten Mal an die Kugel kommt. Ein wahrlich sagenhafter Wert! Das wäre doch was für künftige Zwischenfazits nach den ersten Sekunden…

P.S.: Nachdem ich 1989 die erste Schulklasse erfolgreich hinter mich gebracht hatte, habe ich es mir ebenfalls nicht nehmen lassen, schon einmal auf mein Abitur im Jahr 2001 anzustoßen. Ein legendärer Abend!

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