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Nov
07

Bayern-Rivale oder Hoffenheim 2.0 – Was wird aus RB Leipzig?

Nach zehn Spieltagen ohne Niederlage, punktgleich mit Bayern München Tabellenzweiter der Bundesliga: Aufsteiger RB Leipzig ist längst mehr als ein starker Neuling. Einige Fans frohlocken – und noch mehr befürchten –, dass der Brauseklub bereits in dieser Saison ein echter Rivale für die Bayern ist. Andererseits drängen sich einige Parallelen zur TSG Hoffenheim auf, die in der Saison 2008/09 nur eine Halbserie lang die Illusion eines echten Meisterschaftskandidaten aufrechterhalten konnte. Wo wird sich Leipzig einsortieren?

Der beste Aufsteiger der Bundesliga-Geschichte nach zehn Spieltagen ist RB schon. Nie zuvor gelang es einem Liga-Neuling, nach knapp einem Drittel der Saison ohne jede Niederlage dazustehen. Sieben Siege und drei Unentschieden geben dem durch den Energy-Drink-Giganten Red Bull beneidenswert alimentierten Retortenklub aus Sachsen gar die Chance ein, am übernächsten Freitag (18.11.) mit einem Remis bei Bayer Leverkusen gar an die Tabellenspitze zu springen – wenn auch womöglich nur für einen Tag.

Und bereits jetzt haben sich viele Fans und Experten den 21. Dezember dick in ihrem Kalender angestrichen, um Augenzeuge einer möglichen Wachablösung im deutschen Fußball zu werden: Drei Tage vor Weihnachten wird nämlich der siebeneinhalb Jahre alte Klub RB beim 26-maligen Deutschen Meister FC Bayern vorstellig.

Bei RB wird noch tiefgestapelt – trotz vieler Trümpfe

Anders als auf dem Rasen, wo bislang fast alle Gegner mit dem Leipziger Vollgasfußball ihre Mühe und Not hatten, ist in der externen Kommunikation beim Aufsteiger noch die Handbremse angezogen. „Es ist außergewöhnlich, dass wir in den vergangenen Wochen so viele Punkte gesammelt haben“, sagte etwa Kapitän Dominik Kaiser nach dem lockeren 3:1 am Sonntag gegen Europa-League-Teilnehmer Mainz 05.

„Wir greifen auf gar keinen Fall die Bayern an“, erklärte Angreifer Yussuf Poulsen, der wie viele im Team mittlerweile müde scheint, nach jedem weiteren guten Spiel auf den vermeintlichen neuen Liga-Kracher am Jahresende angesprochen zu werden. Auch Trainer Ralph Hasenhüttl möchte sein Team „generell mit niemandem vergleichen.“ Die Mannschaft leiste zwar „gerade unglaublich viel, aber wir sind aber erst einen kurzen Weg gegangen.“

Diese Tiefstapelei nimmt den Leipzigern längst niemand mehr ab. Das würde nicht zur Philosophie des Klubs und erst recht nicht zu der von Red Bull passen. Die Trümpfe sind denn auch reichlich. Allerdings hat jeder auch einen potenziellen Haken.

Die Gründe für den Erfolg von RB Leipzig

1) Geld

Davon ist reichlich vorhanden bei RB, dieser Insel inmitten des wirtschaftlich darbenden Ostens. Multimilliardär Dietrich Mateschitz sei Dank. Auch wenn an vieler Stelle nicht zu Unrecht darauf verwiesen wird, dass RB mit seinen Millionen deutlich mehr auf die Beine gestellt hat als viele Traditionsvereine mit ähnlichen Summen, kommt der Leipziger Aufstieg natürlich nicht von irgendwoher.

Das große Aber:

Denn keine noch so gute Philosophie hätte Leipzig mit den wirtschaftlichen Möglichkeiten des SC Freiburg oder von Darmstadt 98 so schnell so weit nach oben gebracht. Allein vor dieser Saison konnten knapp 50 Millionen investiert werden. Wenn Mateschitz und sein Chef-Einkäufer Ralf Rangnick ernst machen würden, könnte man auch locker das Fünffache auf den Transfermarkt werfen.

2) Einkäufe

Allerdings versteht es Rangnick bis dato, sein Geld in „sympathische“ Transfers zu investieren. Nicht ausgereifte Superstars werden in die Messestadt geholt. Vielmehr kauft RB fast exklusiv Rohdiamanten unter 23 Jahren – bei den meisten dieser Spieler scheint der Durchbruch zum Top-Star allerdings nur eine Frage der Zeit zu sein. Dies hat den Vorteil, dass bereits jetzt hohe Qualität zur Verfügung hat, das Gehaltsgefüge noch im Rahmen ist und man im Falle eines Falles eine stattliche Ablösesumme erzielen könnte.

Das große Aber:

Das dürfte sich ändern, wenn die Leistungskurve von RB auch in den nächsten zwei, drei Jahren weiter steil bergauf zeigt und man in der Champions League nicht nur mitspielen, sondern auch angreifen will. Dann müssen selbst entwickelte Topspieler für teures Geld gehalten oder tatsächlich doch fertige Superstars für horrende Ablösen geholt werden. In dem Fall bleibt aus Leipziger Sicht zu hoffen, dass Mateschitz‘ Brause- und somit Geldquelle nie versiegen möge.

3) Ralf Rangnick

RB-Sportdirektor Ralf Rangnick hat bei 1899 Hoffenheim von 2006 bis 2009 bewiesen, dass er ein sogenanntes „Projekt“ mit sattem Startkapital zur Blüte führen kann. Mit RB ist er gerade auf einem guten Weg, eine ähnlich gute Rolle zu spielen wie die TSG in der Hinrunde der Saison 2008/09, als die Kraichgauer mit Vollgasfußball sensationell zur Herbstmeisterschaft gestürmt waren. Das 1:2 der Hoffenheimer kurz vor Weihnachten beim damaligen wie heutigen Ligaprimus Bayern München gilt bis heute als eines der besten Spiele der Bundesliga – und nicht wenige Experten sind der Ansicht, dass die bessere Mannschaft damals verloren hat. Am 21.12.2016 erwartet eigentlich ganz Fußball-Deutschland einen ähnlichen Leckerbissen.

Das große Aber:

Der Hoffenheimer Höhenflug in der Beletage des deutschen Fußballs dauerte tatsächlich nur dieses eine halbe Jahr: Viele Spieler hoben in der Folge ab, die Mannschaft verlor peu à peu ihre Leistungsträger an andere Vereine – wo sich in vielen Fällen herausstellte, dass deren dauerhaft abrufbares Niveau deutlich unter dem des Herbstes 2008 anzusiedeln ist. Selbst Architekt Rangnick war Ende 2010 Geschichte in Hoffenheim. Sein Ego und das von TSG-Mäzen Dietmar Hopp passten unter keinen Hut mehr. Auch Mateschitz ist ein eigenwilliges Alphatier mit kurzer Lunte…

4) Ralph Hasenhüttl

Der Trainer aus Österreich hat Rangnick im Sommer abgelöst, der RB in der Vorsaison in Doppelfunktion in die 1. Bundesliga geführt hatte. Das Markanteste an Hasenhüttls Philosophie ist ein Umschaltspiel, das an den erfolgreichen Fußball von Borussia Dortmund zwischen 2010 und 2013 unter Jürgen Klopp erinnert.

Das große Aber:

Die gesamte Leipziger Vereinsstruktur ist auf dieses Spiel ausgerichtet, alle Jugendteams trainieren Umschalten und Gegenpressing bis zum Abwinken. Doch auch gegnerische Mannschaften lernen dazu, wie man nicht zuletzt in Dortmund nach 2013 erfahren musste. Im modernen Fußball müssen Spielideen ständig erweitert und verfeinert werden, um auf Jahre hinaus den Erfolg zu sichern. Auch Leipzig wird sich irgendwann einen Fußball aneignen müssen, der weniger wild und atem(be)raubend ist.

5) Absoluter Fokus

In Leipzig steht der Erfolg des Teams derzeit über allem. Kein Spieler schert aus – und wenn doch, sitzt er auf der Bank. Die Mannschaft bezieht ihre aktuelle Stärke nicht nur aus Talent, sondern auch aus einem herausragend eingestellten und abgestimmten Kollektiv. Diese Kombination aus Talent und Organisation macht es Leipzig für jeden Gegner immens schwer.

Das große Aber:

Die Geschichte des Fußballs hat oft genug gezeigt, dass mit Erfolg auch schnell Sattheit und Hybris einkehren. In Hoffenheim hat Rangnick dies bereits erfahren: Von jedem Medium in Deutschland und vielen aus dem Ausland auf einen goldenen Schild („Das Wunder vom Dorf“) gehoben, glaubten Spieler wie Chinedu Obasi, Tobias Weis oder Selim Teber irgendwann, sie wären die neuen Ronaldos und Messis. Gibt sich ein Spieler Allüren hin und geht nicht mehr die schmerzhaften letzten Meter, sorgt er aber entweder für eine Kettenreaktion oder bringt die anderen gegen sich auf. So oder so verliert eine Mannschaft ihre Balance.

1 Kommentar

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  1. Kalle Grabowski sagt:

    Zum Thema Rangnick fehlt noch die Anmerkungen, dass er einfach nicht mit gestandenen Persönlichkeiten umgehen kann. Das gilt für Spieler wie auch für den Trainer. Er ist
    einfach ein sagenhafter Klugscheisser.

    Das wird früher oder später für Hasenhüttl ein Thema. Rangnick wird immer mehr Trainer als irgendwas anderes sein.

    Ich vertraue da auf Rangnick, dass Fuschl am See sich NICHT direkt als Spitzenteam etabliert:-)

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