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Feb
12

Beinahe-Szenario: Jürgen Klopp und Matthias Sammer beim HSV

Der Hamburger SV durchlebt aktuell die wohl schwierigste Phase seiner Vereinsgeschichte. Der Bundesliga-Dino offenbart dabei die üblichen Symptome eines künftigen Absteigers. Dabei hätte der HSV vor ein paar Jahren genauso gut die Weichen für eine höchst erfolgreiche Zukunft stellen können. Pech und Unvermögen haben es verhindert.

Im Frühjahr 2008 lag der Hamburger SV als direkter Verfolger von Bundesliga-Spitzenreiter Bayern München klar auf Champions-League-Kurs. Nachdem Erfolgstrainer Huub Stevens sein Ausscheiden zum Saisonende angekündigt hatte, nahmen die Hanseaten nun die Suche nach einem Nachfolger für den Niederländer auf.

Schnell kristallisierte sich der als „junger Wilder“ der Trainerzunft geltende Jürgen Klopp als heißer Anwärter heraus. Der damals 41-Jährige hatte den ewigen Zweitligisten Mainz 05 im Jahr 2004 in die Bundesliga geführt und mit begeisterndem Forechecking-Fußball immerhin zweimal den Klassenerhalt geschafft. Im Sommer 2008 wurde er nun verfügbar. Bayern München hatte ihn bereits auf der Kandidatenliste, entschied sich im direkten Duell der Jürgen K.’s aber im Januar 2008 für den Sommermärchen-Macher Klinsmann – und bereute dies alsbald.

Beiersdorfers folgenschweres Veto

Für den HSV die Chance, zuzuschlagen. Die Mannschaft war seinerzeit mit Stars wie Rafael van der Vaart, Piotr Trochowski, Nigel de Jong, Vincent Kompany oder Ivica Olic auf der Höhe ihres Könnens überdurchschnittlich gut bestückt. Der Klub zahlte Gehälter auf Champions-League-Niveau. Vorstandschef Bernd Hoffmann hegte den seinerzeit nicht ganz unberechtigten Glauben daran, den Verein in den Top 20 Europas etablieren zu können.

Woran der Klopp-Deal letztlich scheiterte, erklärte der Betroffene im Jahr 2011 ausführlich in einem Interview mit „Bild“: „Die Vorstände Bernd Hoffmann und Katja Kraus wollten mich. Aber Sportdirektor Didi Beiersdorfer konnte sich einfach nicht entscheiden. Also hatte er einen Scout losgeschickt, damit der mal guckt, wie ich ausschaue. Und dann war man überrascht, dass ich so aussehe, wie ich aussehe. Da hab’ ich dann bei Herrn Beiersdorfer angerufen und gesagt: ,Falls ihr noch Interesse habt – ich sage hiermit ab!‘ Nein, das ging ja gar nicht.“

Klopp ergänzte: „Wer in diesem Geschäft arbeitet, der muss wissen, wie ich arbeite. Da muss ich keinen Scout an die Linie beim Training stellen. Das ist dilettantisch. Genauso wie die Einschätzung, ich wäre unpünktlich. Das hat mich damals sehr getroffen. Denn es gibt wahrscheinlich keinen pünktlicheren Menschen als mich. Und dann hieß es noch, ich sei immer nach der Mannschaft auf den Trainingsplatz gekommen, wäre schlecht rasiert und hätte Löcher in den Jeans. Also, diese Beurteilung war echt daneben. Wobei, halt! Das mit dem schlecht rasiert, das stimmt natürlich.“

Oberflächlichkeit verhinderte mögliches Märchen à la BVB

Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob eine gestriegelte Version von Jürgen Klopp in Hamburg genauso viel Vertrauen erhalten hätte wie der authentische „Kloppo“ in Dortmund. Von seiner impulsiven Art her passt der gebürtige Schwabe sicherlich besser zu einem emotionalen Klub wie Borussia Dortmund.

Mit seiner großen Tradition und den tollen Rahmenbedingungen hätte Klopp aber gewiss auch in Hamburg schnell sein System umgesetzt – zumal er weitaus bessere Startbedingungen vorgefunden hätte als bei den Westfalen. Dort entwickelte er einen finanziell angeschlagenen Mittelklasseverein in fünf Jahren zum zweifachen Deutschen Meister, DFB-Pokalsieger und Champions-League-Finalisten.

Wie gegenläufig die Entwicklungen des HSV und des BVB seit 2008 sind, verdeutlicht der Wechsel des damaligen Dortmunder Torjägers Mladen Petric wenige Wochen nach Klopps Amtsantritt in die Hansestadt. Die Borussia konnte damals nicht nein sagen zu 7,5 Millionen Euro Ablöse – und Petric ließ sich bei seiner Präsentation bei den Rothosen zitieren, dass er sich von dem Wechsel „bessere Chancen“ erhoffe, „einmal Deutscher Meister zu werden.“ Wie sich die Zeiten doch ändern können…

Der HSV schlingert in die Bedeutlungslosigkeit

Wir drehen das Rad der Zeit ein wenig weiter. Anstatt Klopp übernahm 2008 Martin Jol beim HSV (übrigens ebenfalls eher jemand vom Schlag Trainingsanzug-Träger als Designeranzug-Träger). Unter dem Niederländer spielte der Verein bis zum April 2009 um alle drei Titel mit, scheiterte aber letztlich im Halbfinale des DFB-Pokals und des UEFA-Cups jeweils an Werder Bremen und beendete die Meisterschaft aufgrund der fast schon traditionellen Endspurtschwäche als Fünfter – hauchdünn vor den von Klopp trainierten Dortmundern.

Für Jol, den es zu Ajax Amsterdam zog, übernahm 2009 Bruno Labbadia, der nicht einmal eine Saison überstand. Das Aus im Halbfinale der Europa League 2009/10 wurde in der Hansestadt seinerzeit als große Enttäuschung wahrgenommen, weil das Finale im eigenen Stadion stattfinden sollte. Doch rückblickend war dieser Einzug in die Runde der besten vier die bislang letzte Glanzstunde des HSV.

Ein Jahr sportlich führungslos

Turbulent ging es auch auf der Führungsebene zu. Bereits im Juni 2009 wurde Beiersdorfer nach Streitigkeiten mit Hoffmann geschasst. Der selbst in die Kritik geratene Vorstandsboss schaufelte sich fortan durch seine erfolglose Suche nach einem Beiersdorfer-Nachfolger sein eigenes Grab.

Nachdem DFB-Chefscout Urs Siegenthaler kurz vor der Unterschrift absagt hatte, wurde im Mai 2010 der gerade erst als Profi zurückgetretene Bastian Reinhardt gemeinsam mit dem künftigen Trainer Armin Veh zum neuen „starken“ Mann ernannt. Der damals 34-jährige Reinhardt konnte sich auf die Erfahrung eines parallel zur Profi-Karriere absolvierten Sportmanagement-Studiums berufen. Dass er mit der Situation beim HSV letztlich überfordert war, ist aber nicht ihm, sondern den Entscheidungsträgern um Bernd Hoffmann anzulasten.

2010/11: Die Sammer-Farce

Der musste sich seinen Fehler bald eingestehen und hatte im Januar 2011 mit DFB-Sportdirektor Matthias Sammer endlich einen „dicken Fisch“ an der Angel. Alle Beteiligten inklusive des DFB gaben grünes Licht für einen Einstieg des „Feuerkopfs“ zur Saison 2011/12, doch Sammer machte in letzter Sekunde einen Rückzieher – hartnäckigen Gerüchten zufolge soll der Anruf eines gewissen Uli H. aus M. der Anlass gewesen sein. Seit 2012 arbeitet Sammer nun für ebendiesen Herrn und dessen Verein.

Hoffmann hatte nach der Sammer-Episode beim Aufsichtsrat keinen Kredit mehr, sein Ende 2011 auslaufender Vertrag wurde nicht verlängert. Bereits im März 2011 verabschiedete sich der frühere Sportfive-Manager vorzeitig. Und der HSV schlingerte unter dem als „Granate“ vom FC Chelsea geholten neuen Sportdirektor Frank Arnesen immer tiefer in die Krise…

Klopp und Sammer – ein (virtuelles) Traumpaar

Auch wenn der Gedanke jedem HSV-Fan in der Seele wehtun muss, wäre die Trainer/Sportdirektor-Paarung Jürgen Klopp/Matthias Sammer voraussichtlich eine Garantie für sportlichen Erfolg gewesen, obwohl (oder gerade weil) beide angesichts ihrer impulsiven Art im Duo vermutlich für ständige Reibung sorgen würden.

Derzeit hat das Schicksal sie als prominente Vertreter von Borussia Dortmund und dem FC Bayern München zu Konkurrenten gemacht, die auch schon ein paarmal aneinander geraten sind. Doch das muss nicht heißen, dass die beiden Erfolgsmenschen nie zusammenfinden werden – nur beim Hamburger SV wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht passieren. Diese Chance wurde bereits vertan.

2 Kommentare

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  1. Mattes sagt:

    Was ich mich bei dieser Geschichte nur immer Frage: Wäre Klopp denn sonst zum HSV gegangen gewollt? Waren die Gespräche denn schon so weit? Oder hat Klopp nur frühzeitig alle Spekulationen beendet?

    1. Heibel sagt:

      So wie ich das damals wahrgenommen habe, waren die schon recht weit. Dann gab es das Dementi, und auf einmal ging es zwischen Dortmund und Leverkusen, die sich da auch noch eingeschaltet hatten. Bayer hat dann Labbadia genommen. Die werden sich im Nachhinein auch denken: Mit Kloppo wäre das wohl besser gelaufen…

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