«

»

Mai
08

Being Claus Horstmann – Was nun, FC?

Der fünfte Abstieg des 1.FC Köln ist besiegelt. Manch ein FC-Fan mag trauern und mit dem Schicksal hadern, aber wer 20 von 34 Spielen verliert, findet sich zu Recht eine Klasse tiefer wieder. Doch wie geht es nun weiter? Klar ist, dass der Umbruch kommen wird und muss.

„Wir haben auf dem Platz und zum Teil auch neben dem Platz die Performance eines Absteigers gezeigt“ (Claus Horstmann)

Mit dem „Neuaufbau“ in der 2.Fußball-Bundesliga hat der 1.FC Köln bereits reichlich Erfahrung. Vier Mal ging es bislang runter, vier Mal kehrte man relativ zügig ins Oberhaus zurück: 2003 und 2005 nach nur einem Jahr, 2000 und 2008 nach zwei Jahren. In wirtschaftlicher Hinsicht war eine schnelle Rückkehr in die 1.Bundesliga wichtig, um die laufenden Kosten zu decken und den Kader finanzieren zu können. Nach dem fünften Abstieg stellt sich die Lage etwas anders dar: Dieses Mal dürfte die Mannschaft komplett auseinanderfallen. Allein deswegen wird das „Projekt Wiederaufstieg“ schwierig. Doch vielleicht liegt im erzwungenen Backen kleiner Brötchen auch die Chance, es endlich einmal besser zu machen als in der Vergangenheit.

Da FC-Geschäftsführer Claus Horstmann von einem Rücktritt absieht, dürfte dem vom Boulevard einst „Strategiechef“ getauften Macher eine Schlüsselrolle beim Neuaufbau zukommen. Gemeinsam mit dem neuen Präsidium um Werner Spinner und Toni Schumacher müssen schnellstmöglich Lösungen gefunden werden. Ich versetze mich einfach mal in Horstmanns Kopf und klappere seine to-do-Liste ab.

Baustelle 1: Sportdirektor

Als allererstes muss der seit März vakante Posten des Sportdirektors besetzt werden. Anforderungsprofil: Ein exzellent vernetzter Fachmann, der keinen Konflikt scheut, sich aber in der Öffentlichkeit trotzdem gut verkaufen kann und zugleich bereit ist, für ein Butterbrot zu arbeiten. Auf gut Deutsch sucht der FC die Eier legende Wollmilchsau. Der Markt gibt jedoch wenig her. Ein Problem ist, dass sich kaum jemand den Schleudersitz Köln antun würde – erst recht nicht nach dem Abstieg. Der trotz zahlreicher Dementis immer noch gehandelte Jörg Schmadtke etwa steht a) nicht in nächster Zukunft zur Verfügung und ist b) ein ähnlich bärbeißiger Typ wie der im März geschasste Volker Finke.

Ex-FC-Spieler Rachid Azzouzi hat in Fürth mit geringen Mitteln eine Mannschaft auf die Beine gestellt, die Jahr für Jahr im oberen Tabellendrittel der 2.Liga gespielt hat. 2012 ist ihm endlich der Aufstieg gelungen. Ob er tatsächlich seinen sicheren Job in Franken aufgeben würde, um sich in Köln der ultimativen Herausforderung zu stellen? Fakt ist, dass Azzouzi ein exzellenter Kenner der 2. Liga ist. Auch im Tätigen guter Transfers mit Mini-Budget (zuletzt u.a. Olivier Occean) ist er erfahren. Last but not least ist er ein smarter Zeitgenosse, der gut rüberkommt. Einzige Gefahr: Azzouzi ist so smart, dass der kölsche Boulevard ihm in Krisenzeiten mit ziemlicher Sicherheit attestieren dürfte, zu soft zu sein. Alles in allem wäre der Deutsch-Marokkaner aber eine Top-Lösung – und weil er seinen Ende Juni auslaufenden Vertrag in Fürth noch nicht verlängert hat, wäre er sogar ablösefrei verfügbar. Daher sage ich: Sofern es menschlich, strategisch und finanziell zwischen Vorstand und Azzouzi passt, sollte man ihn holen.

Baustelle 2: Trainer

Der Trainer muss in erster Linie zur Philosophie des Vereins, der Führung und des Sportdirektors passen. Neu-Präsident Werner Spinner kündigte bei seiner Wahl vor wenigen Wochen an, der Mannschaft einen „kölschen Kern“ geben zu wollen. Angesichts der wirtschaftlichen Lage wird der FC nun sogar zu dieser Maßnahme gezwungen. Aber warum auch nicht? Die Kölner B- und A-Jugendmannschaften gehören seit Jahren zu den erfolgreichsten im Lande, auch die U23 hält sich Jahr für Jahr souverän in der Regionalliga. Andere Vereine leben es vor, sie werfen ihre eigenen Talente ins „kalte Wasser“ – und erstaunlich viele halten sich an der Oberfläche und lernen zu schwimmen. Nur in Köln war man in dieser Hinsicht bislang ängstlich, wenn nicht gar misstrauisch. Der neue Trainer MUSS daher bereit sein, eine junge, unerfahrene, aber entwicklungsfähige Mannschaft zu betreuen.

Holger Stanislawski, der nach der Absage von Mike Büskens als Top-Kandidat gilt, hat das in St. Pauli über Jahre erfolgreich geschafft. 2010 gelang ihm sogar mit einer Mannschaft, die schwerpunktmäßig aus in Deutschland geborenen oder aufgewachsenen Spielern unter 25 Jahren bestand, der Aufstieg in die 1.Bundesliga. In Hoffenheim, wo Stanislawski 2011 anheuerte, erhielt er ebenfalls den Auftrag, vermehrt auf Spieler aus dem eigenen Unterbau zu setzen. Weil dem Vorstand die Geduld fehlte, wurde „Stani“ jedoch nach knapp acht Monaten im Amt bereits wieder vor die Tür gesetzt, obwohl er sich der Unterstützung seiner Spieler sicher war. Damals stand er im Mittelfeld der Tabelle. Stanislawskis Nachfolger Markus Babbel, der nach einer abermaligen Neuausrichtung in Hoffenheim nun wieder auf Shopping-Tour gehen darf, war auch nicht erfolgreicher…

Auch in dieser Personalie gilt: Ist man menschlich, strategisch und finanziell auf einer Wellenlänge, sollte man Holger Stanislawski holen. Der 42-jährige ist authentisch, geradlinig, hatte in der Vergangenheit einen guten Draht zu seinen Spielern und schloss den DFB-Trainerlehrgang 2009 als Jahrgangsbester ab. Auch die inhaltliche Kompetenz ist also vorhanden.

Baustelle 3: Mannschaft

Lukas Podolski ist bereits weg und sichert mit seiner Ablöse (inkl. aller noch zu erwartenden Zusatzzahlungen knapp 16 Mio. Euro) die Lizenz. Zu Geld machen lassen sich auch Pedro Geromel (3 bis 5 Mio. Euro), Michael Rensing (darf „dank“ Ausstiegsklausel für 500.000 Euro gehen), Martin Lanig (darf dank Klausel für 0,7 Mio. Euro gehen – wenn die denn jemand zahlen will), Sascha Riether (darf für 1,8 Mio. Euro gehen) sowie ggf. Slawomir Peszko und Mato Jajalo (je ca. 1 bis 1,5 Mio. Euro).

Andere Spieler sind entweder zu alt und/oder haben ihren Marktwert im letzten Jahr so weit gedrückt, dass eine (teure) Vertragsauflösung die einzige Alternative zu einer Weiterbeschäftigung zu sein scheint. Insbesondere Milivoje Novakovic, 32 Jahre alter Torjäger a.D. mit Vertrag bis 2014, ist hier gemeint.

Natürlich geht es nicht nur mit 17- bis 22-jährigen, die den Verein und die Stadt im Herzen tragen. Ein paar erfahrene Spieler, die erstligaerfahren und hungrig sind, dürfen nicht fehlen. Einige von ihnen wird man erst noch dazu holen müssen, manche sind aber bereits im Kader und dürften auch mit in die 2. Liga gehen.

Wer darf bleiben?

Tor

U19-Nationalkeeper Timo Horn (18) gehört die Zukunft. Er ist bereits in der abgelaufenen Spielzeit zur Nummer zwei avanciert und dürfte sich im nächsten Jahr einen Konkurrenzkampf mit dem aus Frankfurt zurückkehrenden Thomas Kessler (26) liefern. Letzterer ist wie Horn ein „kölscher Jung“, hat seine Bundesliga-Tauglichkeit bereits nachgewiesen – übrigens unter Trainer Holger Stanislawski.

Im Tor besteht kein zwingender Handlungsbedarf.

Abwehr

In der Abwehr dürfte man an Innenverteidiger Kevin McKenna (32) und Linksverteidiger Christian Eichner (29) festhalten. Beiden fehlte es in der 1.Liga nie an Engagement, aber leider hin und wieder an Klasse. Für das Unterhaus sollte ihre Qualität aber ausreichen. Rechtsverteidiger Miso Brecko (28) dürfte ebenso ein Wackelkandidat sein wie Defensiv-Allrounder Kevin Pezzoni (23). Beide haben beim Publikum kaum noch Kredit und spielen auch nicht so überragend, dass man sie in der 2. Liga zwingend halten sollte. Allerdings müsste man sie ersetzen, was inklusive Ablöse unter Umständen teurer wäre, als sie zu halten. Wie es mit Mitchell Weiser (18) weitergeht, der angeblich spätestens 2013 zum FC Bayern wechselt, steht noch in den Sternen. Ein Jahr in der 2.Liga mit der Perspektive auf Einsätze würde seiner Entwicklung sicherlich gut tun. Hinzu kommen potenziell die zurückkehrenden Leihspieler Christopher Schorch (23), Kostas Giannoulis (24), Stephan Salger (22), Ben Basala (20) und Tomoaki Makino (25). Giannoulis ist mittlerweile griechischer Nationalspieler, kam 2010/11 in Köln aber überhaupt nicht zurecht. Macht er bei der EM auf sich aufmerksam, könnte man vielleicht noch eine Ablöse im Bereich von 1 bis 1,5 Mio. Euro erzielen. Schorch war in Cottbus ein Mitläufer, er taugt allenfalls als Backup. Basala hat in Österreich solide gespielt, nicht mehr und nicht weniger. Gleiches gilt für Salger, der an Drittligist Osnabrück ausgeliehen war. Beide sollte man nicht unbedingt als Stammspieler einplanen. Makino kam in Köln überhaupt nicht zurecht, von ihm sollte man sich trennen.

Handlungsbedarf: Vor allem in der Innenverteidigung, wo mindestens ein Spieler kommen muss, der besser ist als Kevin McKenna und mindestens ein weiterer, der in etwa das Niveau des Kanadiers hat, aber jünger und entwicklungsfähiger ist. Wenn Mitchell Weiser und/oder Miso Brecko gehen, muss mindestens ein starker Rechtsverteidiger her. Optional ist die Verpflichtung einer Alternative zu Christian Eichner und Stepan Salger. Es sei denn, der neue Trainer schenkt Kostas Giannoulis das Vertrauen.

Mittelfeld

Der „kölsche Jung“ Christian Clemens (20) soll nach dem Abgang von Lukas Podolski zur Identifikationsfigur für die Fans werden. Fünf Erstligatore im Abstiegsjahr sind ok, nur fehlt es ihm oft noch an der Übersicht und Spielintelligenz. Das ewige (und ewig verletzte) Talent Adil Chihi (24) sollte auch in Liga 2 bleiben, ebenso wie die Flügelspieler Odise Roshi (20) und Christopher Buchtmann (20). Dünn wird es im Zentrum. Dort stehen bislang nur die Rückkehrer Taner Yalcin (22, zentral offensiv), Reinhold Yabo (20, zentral defensiv) und Adam Matuschyk (23, zentral defensiv) sowie Nachwuchshoffnung und U19-Nationalspieler Fabian Schnellhardt (18) fest. Matuschyk sollte man eine Schlüsselrolle geben – sofern er denn in der 2. Liga bleiben möchte. Bei der EM könnte sich der Pole noch für ein Engagement bei einem Erstligisten empfehlen.

Handlungsbedarf: Das zentrale Mittelfeld ist defensiv wie offensiv dünn besetzt. Sollten Martin Lanig, Sascha Riether und Mato Jajalo erwartungsgemäß den Verein verlassen, müssen drei bis vier Akteure für das Zentrum her, mindestens einer von ihnen sollte dabei für Torgefahr und Esprit stehen. Viel Glück bei der Suche! Auch ein weiterer Flügelspieler würde Sinn machen.

Angriff

Milivoje Novakovic (32) dürfte wohl bleiben. Sollte der gealterte Torjäger a.D. seine Form und Motivation noch einmal wiederfinden, ist er immer noch für 10 bis 15 Tore gut. Seit „Nova“ in Köln kickt, folgte auf ein schlechtes stets ein gutes Jahr. Es wäre also nochmal an der Zeit. Weiterhin dürfte der FC mit Mikael Ishak (19) und Mark Uth (20) in die neue Saison gehen. Ishak hat in der vergangenen Spielzeit ordentliche Ansätze gezeigt, Uth hat trotz guter Leistungen in der U23 keine Chance bei den Profis erhalten. Die Rückkehrer Alexandru Ionita (22) und Jose-Pierre Vunguidica (22) dürften in den Planungen keine Rolle spielen.

Handlungsbedarf: Ein bis zwei Stürmer, die für mindestens 10 Tore gut sind, müssen her. Dummerweise hat sich der FC bereits im Frühling für kleines Geld von Simon Terodde (24) getrennt. Der hat in seinem Leihjahr bei Union Berlin trotz Verletzungen 12 Scorerpunkte erzielt und wäre zumindest ein guter Backup gewesen. Schade, FC.

Fazit

Machen wir uns nichts vor, der 1.FC Köln muss eine komplett neue Mannschaft aufbauen. Einige „kölsche“ Elemente werden darin enthalten sein, aber das Korsett muss dazugekauft werden. Auch wenn zunächst über 20 Millionen Euro an Ablösesummen reinkommen dürften, bleiben nach Auszahlung der Investoren und nach Stopfen verschiedenster Finanzlöcher unter dem Strich vielleicht 5 Millionen Euro Budget für neues Personal. Das ist angesichts von einem Dutzend Baustellen im Kader nicht viel Geld. Ein gutes Näschen für ablösefreie Spieler wird vonnöten sein. Für Fehlgriffe, die in Köln fast schon Tradition haben, ist kein Platz.

Aber selbst wenn alle Neuen einschlagen sollten und es der noch zu findenden sportlichen Führung gelingen sollte, eine schlagkräftige Mannschaft zu formen, wäre es vermessen, den sofortigen Wiederaufstieg einzufordern. Wirtschaftlich wäre der zweifelsohne hilfreich, doch mehr denn je ist beim 1.FC Köln nun Geduld geboten. Bei so vielen Neuerungen kann das Ziel nur lauten, bis zur Winterpause zusammenzufinden und den Abstand auf die Top 3 möglichst gering zu halten. Was dann noch möglich ist, wird man sehen. Mit einem Hauruck-Aufstieg um jeden Preis, der schnurstracks zurück in die Zweite Liga führt, ist jedenfalls niemandem geholfen. Getreu dem Höhner-Song „Wenn nicht jetzt, wann dann“ kann es nur in diesem Moment einen Neustart geben. Und der muss wohlüberlegt sein.

Dabei geht es auch darum, das Publikum hinter sich zu bringen, das treu zum neuen Team stehen wird, wenn die Mannschaft ihm das Gefühl gibt, ehrliche Arbeit zu leisten.

Aber auch der Anhang ist in der Pflicht. Nicht einmal die Chaoten, die 2010 im Namen von Hertha BSC Berlin und 2011 im Namen von Eintracht Frankfurt für Angst und Schrecken gesorgt haben, haben ein dermaßen schlechtes Bild auf ihren Verein geworfen wie die Hundertschaft von Idioten, die sich „Ultras“ des 1.FC Köln nennen und wie marodierende Horden Menschenleben gefährden und den Ruf des gesamten Fußballs in den Dreck ziehen.

Es ist also viel zu tun – in jeder Hinsicht.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*