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Dez
02

Best of Sepp: Der Blatter windet sich

Obwohl er eigentlich ein stiller Diener des Fußballs sein sollte, ist FIFA-Präsident Sepp Blatter seit Jahren eine der Hauptfiguren des Spiels. Dauerhaft von Korruptionsvorwürfen umgeben, ist er auf dem Tiefpunkt seiner Amtszeit angekommen. Eine Wiederwahl im kommenden Mai ist trotzdem wahrscheinlich – weil Blatter weiß, wie man sich herauswindet.

Journalisten und Wegbegleiter haben viele Spitznamen für FIFA-Präsident Joseph S. Blatter parat. Fremdbezeichnungen wie „Sonnenkönig“ (Süddeutsche Zeitung) oder „letzter Diktator Europas“ (Die Zeit) lassen erahnen, dass der am 10. März 1936 in Visp/Schweiz geborene Funktionär seine Rolle als Herr über den Weltfußball überaus wörtlich genommen hat. Allzu streitbar hat er in seinen nunmehr 16 Jahren als Chef der FIFA agiert, die über 209 Mitgliedstaaten verfügt – und damit größer ist als das Internationale Olympische Komitee (204) und die Vereinten Nationen (193).

Schon Blatters Wahlsieg im Jahr 1998 gegen den favorisierten UEFA-Präsidenten Lennart Johansson wurde von Insidern als „gekauft“ gebrandmarkt. Handfeste Beweise wurden allerdings bis zum heutigen Tag nicht präsentiert – womöglich deswegen, weil Blatter ein perfektes Gespür für das Wechselspiel aus Angriff, Rückzug und Gegenangriff besitzt.

Abteilung Attacke auf die Schweizer Art

Ein Beispiel: So schien Blatter im Jahr 2011 unmittelbar vor dem Knock-out zu sein: Jack Warner, FIFA-Vizepräsident und Vorsitzender des Nord- und Mittelamerikanischen Fußballverbandes CONCACAF behauptete kurz vor 61. FIFA-Kongress in Zürich, Blatter habe ihm vor seiner Wahl 1998 die TV-Rechte an der Weltmeisterschaft in Frankreich für den karibischen Raum zum symbolischen Preis von einem Dollar angeboten, wenn er ihm im Gegenzug die Stimmen aus seinem Kontinentalverband besorgen würde.

Anstatt Blatter damit aus dem Amt zu befördern, geriet jedoch Warner selbst unter Druck. So kam die unvermeidliche Frage auf, was er mit dem Geld angefangen habe, das ihm der millionenschwere Weiterverkauf der TV-Rechte eingebracht hat. Warner verwies darauf, er habe das Geld komplett der „Entwicklung des Fußballs“ zukommen lassen. Der von Blatter regierte Weltverband leitete daraufhin ein Verfahren gegen Warner ein, woraufhin der Funktionär aus Trinidad und Tobago zurücktrat.

Doch damit war der Kleinkrieg noch nicht vorbei, weitere Gerüchte und Halbwahrheiten kamen ans Licht: So soll sich Mohamed bin Hammam, Präsident des Asiatischen Fußballverbandes und Gegenkandidat Blatters bei der Wahl zum FIFA-Präsidenten 2011, seinerseits für eben diese Wahl mit Warner verbündet haben und gemeinsam mit dem Mann aus Trinidad und Tobago mit dem Geldkoffer auf Stimmenfang bei anderen Verbänden gegangen sein. Das Ende vom Lied: Am Tag der Wahl zog Bin Hammam seine Kandidatur zurück. Am 1. Juni 2011 sicherte sich Sepp Blatter mit fast 90 Prozent der Stimmen eine vierte Amtszeit bis 2015. Fragen nach seiner Rolle in dem Possenspiel wurden zwar gestellt, aber von Blatter einfach ignoriert.

Entfesselungskünstler Blatter

Diese Episode steht beispielhaft für die vielen Fälle, in denen Blatter seinen Kopf aus der Schlinge ziehen konnte. Die Liste umfasst weitere Episoden wie die ISL-Affäre, die viele ranghohe Funktionäre zu Fall brachte – Ausnahme: Blatter – oder die umstrittene Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 nach Katar mit allen organisatorischen Problemen, wirtschaftlichen Mauscheleien und menschenrechtlichen Skandalen.

Der Gipfel (beziehungsweise Tiefpunkt) wurde vor wenigen Wochen mit dem Hickhack um den Untersuchungsbericht von FIFA-Ethikermittler Michael J. Garcia zu den Manipulationsvorwürfen bei der Vergabe der WM-Endrunden 2018 an Russland und 2022 erreicht. Das vom deutschen Richter Hans-Joachim Eckert vermeintlich unzureichend ausgewertete Schriftstück könnte eine Wahrheit enthalten, die das schöne Funktionärsleben Blatters mit einem Schlag beenden könnte. Unklar ist allein, ob a) die Komplettfassung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird und b) überhaupt personelle Konsequenzen gezogen werden.

Verbesserer des Fußballs?

Daneben hat Blatter allerdings auch Vieles „erreicht“. So brachte er die Weltmeisterschaft erstmals nach Afrika. Sein Kniff: Nachdem Südafrika im Werben um die WM 2006 gegen Deutschland hauchdünn den Kürzeren gezogen hatte, führte der FIFA-Präsident kurzerhand die Kontinentalrotation ein. Kaum war der World Cup 2010 am Kap fix, war die Methode schon wieder Geschichte. So hat Sepp am Ende doch noch seinen Willen bekommen…

Weiterhin hat Blatter es immer verstanden, Politik für die Underdogs zu machen. Unter seiner Ägide stellt Europa „nur“ noch 40 anstatt zuvor knapp 50 Prozent der Teilnehmer einer WM-Endrunde. Im Oktober 2013 forderte Blatter gar eine weitere Reduzierung zugunsten Afrikas und Asiens, um dem „gestiegenen Stellenwert dieser Regionen“ gerecht zu werden. Verschwiegen hat er dabei, dass mit Südkorea (Platz vier bei der Heim-WM 2002) nur einer von bislang 78 WM-Halbfinalisten aus diesen Regionen kam.

Gewinne der FIFA maximiert

Was Blatter unbestritten gelang, ist die perfekte Vermarktung des Produkts Fußball. Hatte sein Vorgänger Joao Havelange, nicht zuletzt aufgrund von Bestechungszahlungen in der ISL-Affäre, die Vermarktungsrechte für die Weltmeisterschaften 1990, 1994 und 1998 noch im Paket für schlappe 340 Millionen Schweizer Franken verkauft, erzielte Blatter allein mit der WM 2010 in Südafrika rund drei Milliarden Euro Einnahmen aus dem TV- und Sponsorenpool. Nach der WM 2014 lag erstmals mit mehr als einer Milliarde auf der hohen Kante des Weltverbands – Tendenz steigend.

Ginge es nach Blatter, würde die Kasse noch viel häufiger klingen: Im Jahr 1999 hatte der umtriebige Schweizer angeregt, die WM im Zwei- statt im Vierjahresrhythmus auszutragen. Mit diesem Vorschlag biss er auf Granit. Die Fußballbranche befürchtete eine Überbelastung der Spieler und sah den Stellenwert des Turniers gefährdet.

Es liegt also Vieles, aber doch nicht alles in der Macht von Joseph S. Blatter. Am 29. Mai 2015 steht die nächste Präsidentenwahl an. Eine erneute Wiederwahl kann wohl selbst die Aufstellung eines exzellent beleumundeten UEFA-Kandidaten nicht verhindern. Gegen Blatter gibt es innerhalb der FIFA, die Sodom und Gomorrha wie zwei nette Städtchen wirken lässt, wohl kein Mittel.

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