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Apr
11

Bin ich meines Vereines noch würdig – oder er mir?

Wenn der Lieblingsverein zum x-ten Mal vom Erzrivalen die Hütte vollkriegt, kann man als Anhänger schon mal ins Grübeln kommen. Warum schaut man sich Spiele, die mit Ansage verloren gehen, überhaupt noch an? Doch gestern habe ich es meinem Verein mit barer Münze heimgezahlt. Nicht nur er war meiner nicht würdig, sondern auch ich ihm nicht.

Eines vorab: Ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe. Und es ist wohl nur mein schlechtes Gewissen, das mich zur Beichte bewegt. Zu meiner Entschuldigung: Meine „Geliebte“ im rot-weißen Polyester-Kleid mit Supermarkt-Aufdruck hat mir wieder einmal allen Grund gegeben, wütend auf sie zu sein. Doch der Reihe nach.

Die Rahmenbedingungen waren gestern eigentlich perfekt: Strahlender Sonnenschein über Köln, ja über ganz Deutschland. Obwohl ich wusste, dass es mit dem Frühsommer bereits am Dienstag wieder vorbei sein würde und man eigentlich jeden Sonnenstrahl mitnehmen sollte, bin ich pflichtbewusst und gutgelaunt eine Stunde vor Anpfiff in meine Stammkneipe gepilgert, wo ich bereits von Freunden empfangen wurde.

Für DAS Derby opfert man gerne mal die drei wärmsten und schönsten Stunden des Sonntags – zumal ich ausnahmsweise mal ein gutes Gefühl vor einem Derby UND einem Auswärtsspiel hatte (vor dem Hinspiel im November hatte ich noch ein 0:4 gegen die „Elf vom Niederrhein“ prognostiziert, und so kam es dann ja auch). Doch dieses Mal war die Ansage klar: Verloren wird auf keinen Fall, der FC holt im schlechtesten Fall einen Punkt. Insgeheim hatte ich sogar davon geträumt, die „Fohlen“ mit einem 3:0 oder 4:1 endgültig in die Zweite Liga zu schicken…

Naja, der Rest ist bekannt. Nachdem der FC beim Tabellenletzten von der ersten Minute an auf Halten gespielt hat (eine späte Hommage an die Ära Soldo?), setze es einen Gegentreffer nach dem anderen. Wenn Spieler wie „Glorious Mike“ Hanke in den Genuss kommen, drei Treffer vorzubereiten, ist eigentlich alles gesagt.

In der Halbzeitpause (Spielstand 0:3, gefühlt 0:6) habe ich das Thema „Aufbruch“ dann schon einmal zart angestoßen. Wir beschlossen aber doch, dem FC noch einmal bis zur 60. Minute eine Chance zu geben; immerhin wäre es nicht das erste Mal, dass eine Mannschaft nach einem 0:3 noch einmal zurückkommt (s. CL-Finale 2005, Liverpool-Milan). Und solche Siege sind einfach die schönsten – erst recht im Derby. So keimte nach dem 1:3 durch Novakovic in der 50. Minute noch einmal Hoffnung auf.

Doch als das Spiel des FC bis zur 60. Minute wieder verflachte, kam es dann doch zu einer Premiere, auf die ich nicht stolz bin: Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mir ein Spiel des 1.FC Köln im Stadion bzw. in einer Kneipe NICHT bis zum Ende angeschaut. Um eines klar zu stellen: Hätte es draußen Hunde und Katzen geregnet, hätte ich mir auch noch das 1:4 und das 1:5 gegeben und nebenbei meinen Frust mit dem einen oder anderen Kölsch herunter gespült. Doch aufgrund des schönen Wetters stand die Entscheidung: Decke holen und ab ins Grüne.

Bevor dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt werden konnte, ereignete sich aber das eigentliche Sakrileg: Das Handy eines Freundes klingelte, drei VIP-Karten für das 17:30 Uhr-Spiel Leverkusen-St. Pauli waren zu vergeben – für umsonst. Und so kam es, dass ich an ein und demselben Tag nicht nur meinen Verein im Stich ließ (nachdem er mich zutiefst enttäuscht hatte), sondern stattdessen auch noch zum Heimspiel des zweiten großen Rivalen gefahren bin. Zu meiner Ehrenrettung sei aber gesagt, dass ich Bayer ganz schön geschröpft habe: Ich habe am VIP-Buffett kräftig zugelangt, auf dem Pissoir nicht so genau gezielt, bei den Bayer-Toren demonstrativ jede Reaktion vermieden, bei jeder Gelegenheit das pomadige Spiel von Michael Ballack kritisiert und angeführt, dass es beim FC ohnehin viel stimmungsvoller/schöner/besser ist – aber eben nur bei Heimspielen und auch nur dann, wenn es nicht gegen Mönchengladbach geht. So, jetzt noch drei „Wolfgang unser“ und zwei „Ave Podolski“, dann sollte ich von meiner Schuld reingewaschen sein ;-)

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