«

»

Mai
11

Boateng und Sam raus: Das Pulverfass Schalke detoniert

Charakter, Leidenschaft und Kampf sind die Grundtugenden, die jeder Schalke-Fan von einem Spieler im königsblauen Trikot verlangt. Der aktuelle Glamour-Kader, an guten Tagen ein Top-Team in Europa, bringt aber seit Wochen nicht einmal das zustande. Die sportliche Führung hat nach dem lustlosen 0:2 beim 1. FC Köln Konsequenzen gezogen – und dürfte nach dem Ende der Saison selbst auf dem Prüfstand stehen.

Zumindest am Montag hat man auf Schalke mit aller Konsequenz gehandelt. Keine Bauernopfer wurden gewählt, sondern in Kevin-Prince Boateng und Sidney Sam (Heldt: „Er beschäftigt sich nur mit sich selbst“) zwei der prominentesten Spieler im Kader des FC Schalke 04 an den Pranger gestellt. Mit der Freistellung der beiden divenhaften Mittelfeldstars und der vorläufigen Suspendierung von Marco Höger (Heldt: „Zweifel an der Loyalität zum Verein“) hat Schalke 04 ein deutliches Signal gesendet: Niemand ist mehr sicher.

Das dürfte allerdings auch eine Ebene darüber gelten. Spätestens bei der Analyse nach der Saison werden auch Sportvorstand Horst Heldt und Trainer Roberto Di Matteo auf den Prüfstand von Klubboss Clemens Tönnies kommen.

Zunächst aber muss die Spielzeit zum bestmöglichen Ende gebracht werden. Im Falle des zweitteuersten Kaders der Liga bedeutet das: Zumindest irgendwie die Europa League erreichen, nachdem das angestrebte Champions-League-Ticket bereits seit Wochen rechnerisch verspielt ist. Zwei Punkte beträgt das Polster auf die Verfolger Dortmund und Bremen. Die letzten Schalker Gegner heißen Paderborn und Hamburg. Beide kämpfen mit allen Mitteln ums Überleben. Einfache Spiele? Geht so.

Mannschaft zerfällt auch in der Öffentlichkeit

Bedenklich stimmt derzeit nicht nur der Negativtrend nur zwei Siegen aus den letzten zehn Ligaspielen. Vielmehr muss man auch bestürzt sein, in welchem Maße die Mannschaft zerfällt. Dass selbst Kapitän und Weltmeister Benedikt Höwedes sich nach der Pleite in Köln von einigen Mitspielern distanzierte („Die taktische Disziplin einiger war eines Profis nicht würdig“), lässt in punkto Teamchemie das Schlimmste erahnen.

Höwedes, der über eine Ausstiegsklausel verfügt und nie einen Hehl aus seiner Premier-League-Sehnsucht gemacht hat, dürfte nur einer von mehreren namhaften Abgängen nach der Saison sein. Für Top-Verdiener Boateng, der nach starkem Beginn auf Schalke zuletzt entweder verletzt oder lustlos war, wird seit Monaten ein Abnehmer gesucht, auch wenn es niemand zugibt. Ein offenes Geheimnis ist auch, dass Boateng und Wunschspieler Sami Khedira sich schon seit gemeinsamen Zeiten in der Junioren-Nationalmannschaft in herzlicher Abneigung begegnen. Nur: Tut sich Khedira, der seit seinem Kreuzbandriss im Herbst 2013 freilich ein Schatten seiner selbst ist, DIESES Schalke an?

Fehlersuche führt nur über Heldt

Bei der Analyse nach den Fehlern im System führen alle Fäden zu Sportvorstand Horst Heldt. Er hat die meisten Spielerverträge zu verantworten, deren Dotierung sich in einigen Fällen (Boateng, Huntelaar, Farfan) längst nicht mehr auf dem Platz widerspiegelt. Weiterhin herrscht seit Jahren ein eklatantes Missverhältnis im Kader. Mehr als einem Dutzend Spielern mit Kernkompetenz in Innenverteidigung und zentralem Mittelfeld stehen nur etwa eine Handvoll gelernte defensive und offensive Flügelspieler gegenüber.

Vor allem aber hat Heldt es auch mit seinem ausdrücklichen Wunschtrainer Roberto Di Matteo nicht geschafft, die Mannschaft auf Kurs zu bringen. Unter Di Matteos öffentlich nie gestütztem Vorgänger Jens Keller hatte sich Schalke erstmals in der Klubgeschichte zweimal in Folge für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert. Unter dem Italiener Di Matteo, der 2012 den FC Chelsea als Interimstrainer zum freilich glücklichen Sieg in der Königsklasse führte, wurde dagegen auf dem Feld gemauert und in der Tabelle nach nur zehn Siegen bei acht Niederlagen die Bilanz eines Mittelmaßklubs abgeliefert.

Klarer Cut ist alternativlos

„Sowohl der Trainer als auch ich stehen in der Verantwortung“, gab Heldt am Sonntag zu, spielte aber auch auf Zeit: „Wir werden alles nach der Saison besprechen.“ Damit hat er einerseits Recht, weil eine weitere Trainerentlassung zwei Spieltage vor Ultimo nichts anderes als Harakiri wäre und auch ein eigener Rücktritt zu diesem Zeitpunkt eine ähnliche Dimension hätte.

Eines darf auf Schalke aber nicht passieren: Wenn der Verein unter welchen Umständen auch immer die Europa League erreicht, kann man nicht einfach so weitermachen. Wie kaum ein anderer Bundesligist benötigen die Königsblauen einen klaren Cut. Mit dem eisernen Besen kehren, Personalkosten senken und eine ausgewogene Mannschaft aufbauen – auch wenn dies bedeutet, dass man sich die Champions League vielleicht erst einmal abschminken muss.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*