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Mai
21

Bundesliga-Bilanz 2012/13: Rekorde, Schnecken und Sensationen

Von den Relegationsspielen einmal abgesehen, ist die 50. Bundesliga-Saison Geschichte. Das Spieljahr 2012/13 stand im Zeichen der Münchner Rekordjagd, des Schneckenrennens um die Europapokalplätze und zahlreicher Überraschungen.

Das Titelrennen

Wenn Usain Bolt bei den Bundesjugendspielen gegen ein paar Zehntklässler über 100 Meter an den Start gehen würde, bekäme man wohl ähnliches zu sehen wie im diesjährigen Titelrennen in der Bundesliga. Vom Start weg hat Bayern München der Konkurrenz Meter um Meter abgenommen. Bereits zur Hälfte der Strecke war allen klar, dass der Sieger bereits feststeht. Doch die Bayern haben das Tempo trotz ihres enormen Vorsprungs beibehalten und nie nachgelassen. Obwohl von den Mitbewerbern keinerlei Bedrohung ausging, haben die Münchner es auf eine klasse Zeit angelegt. Die Belohnung folgte: Neben der Meisterschale haben die Bayern (91 Punkte/98:18 Tore) fast zwei Dutzend Bundesliga-Rekorde geknackt.

Die Champions-League-Teilnehmer

Borussia Dortmund (Platz zwei/66 Punkte/81:42 Tore), Klassenprimus der letzten beiden Jahre, hat seinen Fokus in dieser Saison frühzeitig auf den Europapokal gelegt – vermutlich wäre aber gegen die Bayern von 2012/13 auch in Bestform kein Kraut gewachsen gewesen. Dafür hat sich der BVB auf dem international prestigeträchtigen Parkett Champions League jede Menge Meriten erworben. Sollte es am kommenden Samstag im Londoner Wembley-Stadion gegen Bayern München gar zum Titel reichen, wäre die schöne Bayern-Saison mit all den Bundesligarekorden nur noch die Hälfte wert. Merke: Auch auf Umwegen kann man sich als Klassenprimus etablieren…

Der Dritte Bayer Leverkusen (65 Punkte/65:39 Tore) hat eine überaus konstante, allerdings auch eine sehr dezente Saison gespielt. Obwohl man die Hinrunde noch vor Borussia Dortmund abschloss und auch am Ende der Spielzeit nur einen Punkt weniger auf dem Konto hatte als der BVB, war die „Werkself“ unterm Strich doch die klare Nummer drei in der Liga. Immerhin: Mit 25-Tore-Mann Stefan Kießling stellte Bayer erstmals seit 1997/98 wieder den besten Goalgetter der Liga. Zehn Vorlagen machten den Ex-Nationalstürmer außerdem zum Topscorer im Oberhaus. Dennoch: Von Kießling abgesehen, war in diesem Jahr (wieder einmal) grau die dominierende Farbe bei Bayer.

Beim FC Schalke 04 (Platz vier/55 Punkte/58:50 Tore) ist dagegen immer etwas los. In dieser Saison war es allerdings besonders hektisch. Nach gutem Start sah Aufsichtsratsboss Clemens Tönnies die Seinen im Oktober noch „natürlich auf Augenhöhe“ mit dem Erzrivalen aus Dortmund. Im Spätherbst dann der Absturz und die Entlassung von Trainer Stevens. Dessen (Interims-)Nachfolger Jens Keller musste in den Medien Woche für Woche die Namen von Dutzenden Trainern lesen, die vermeintlich besser geeignet sind als er. An dieser Stelle einmal Finger hoch, wer nicht genannt wurde! Angesichts des vorhandenen Spielermaterials ist der vierte Platz für Schalke eigentlich zu wenig. Angesichts der Unruhe muss man den Einzug in die Champions-League-Qualifikation allerdings als Erfolg werten. Nicht von ungefähr darf Jens Keller nun doch bleiben.

„Cup der Verlierer“ als Erfüllung eines Traums

In der abgelaufenen Saison erweckten die deutschen Teilnehmer an der Europa League nicht immer den Eindruck, als wären sie mit ihrem Los glücklich, sich donnerstags noch ein paar Euro dazuverdienen zu können. Bei den Europa-League-Startern 2013/14 dürfte die Sachlage anders sein: Für den als Abstiegskandidat in die Saison gestarteten Fünften SC Freiburg (51 Punkte/45:40 Tore), der den Schalkern um ein Haar noch Platz vier abspenstig gemacht hätte, ist die dritte Europacup-Teilnahme der Vereinsgeschichte der verdiente Lohn für eine imposante Saison, in der die Mannschaft vielen Großklubs eine lange Nase gezeigt hat. Das Problem: Freiburg wird nun vom Fluch der guten Tat ereilt: Mit Max Kruse, Daniel Caligiuri, Jan Rosentahl und Johannes Flum stehen vier Leistungsträger zur neuen Saison bei finanzkräftigeren Vereinen unter Vertrag.

Die beiden letztgenannten heuern übrigens beim Sechsten Eintracht Frankfurt an (51 Punkte/49:46 Tore). 15 Jahre nach dem 1. FC Kaiserslautern (damals sogar Meister) sind die Hessen der erste Aufsteiger, der direkt in den Europapokal gestürmt ist. Vor allem die Vorrunde der Eintracht, die sich vor der Saison mit der Crème de la Crème der 2. Liga eingedeckt hat und damit die 1. Liga aufgemischt hat, war beeindruckend. Unterm Strich belegte die Mannschaft an allen 34 Spieltagen einen Europapokalplatz. Da kann man nur sagen: Armin Veh und seine Jungs haben es verdient! Und sie bekommen sogar extra viel Europa: Mindestens eine Qualifikations-Runde muss die SGE überstehen. Sollte Stuttgart den DFB-Pokal gewinnen, wären es sogar zwei.

Elefantenrennen im Mittelfeld

Hinter Freiburg und Frankfurt gab es zwischen sieben weiteren Vereinen ein Hauen und Stechen um Europa. Im Unterschied zu den Breisgauern und den Hessen konnte allerdings keiner dieser Klubs die nötige Konstanz aufweisen, um sich einen Top-Sechs-Platz wirklich zu verdienen.

Der Hamburger SV (Platz sieben/48 Punkte/42:53 Tore), der unter allen Europa-League-Anwärtern wahrscheinlich über das größte Potenzial in der Addition der Faktoren Tradition, Umfeld und Mannschaft verfügt, hatte zwischen Sensation (4:1 in Dortmund) und Selbstaufgabe (2:9 in München) alles in petto. Selten war es leichter, unter den Top Sechs zu landen. Angesichts des stetig wachsenden Finanzlochs ist das Scheitern doppelt bitter. Und nächste Saison wird es gewiss nicht leichter.

Borussia Mönchengladbach (Platz acht/47 Punkte/45:49 Tore) hat eine Saison mit gefühlt 34 Unentschieden hingelegt. Irgendwie war die Elf vom Niederrhein selten richtig schlecht, doch vom teilweise mitreißenden Fußball der Vorsaison war ebenfalls nichts mehr zu sehen. Dass man sich in der Europa League ordentlich verkaufte und in der Liga lange auf Platz fünf oder sechs spekulieren konnte, war noch das Beste. Eine Gladbacher Saisonbilanz ist kaum möglich, ohne auf viel zitierten Verluste der Leistungsträger Marco Reus, Dante und Roman Neustädter einzugehen. Hier muss man klar attestieren: Bei ihren Nachfolgern Luuk de Jong, Alvaro Dominguez und Granit Xhaka (zusammen immerhin 28,5 Millionen Euro teuer) hat die Borussia daneben gelangt. Vor allem mit Xhaka und de Jong scheint Trainer Lucien Favre so recht nichts anzufangen können. Hat Sportdirektor Max Eberl da etwa einen Alleingang hingelegt?

Nach den Plätzen vier und sieben aus den letzten beiden Spielzeiten musste man Hannover 96 (Neunter mit 45 Punkten und 60:62 Toren) eigentlich wieder dick auf dem Zettel für das obere Tabellendrittel haben. Die offensiv hochveranlagte Mannschaft erfüllte die Erwartungen allerdings nur an den ersten Spieltagen. Als die Querelen um Trainer Mirko Slomka und Sportdirektor Jörg Schmadtke ab dem Herbst immer größer wurden, ging es auch sportlich danieder. In der Rückrunde war nur noch wenig vom Glanz früherer Tage zu sehen. Hinten wie vorne ging bei 96 einfach zu viel daneben. Hier sind Zweifel am Charakter der Mannschaft oder an der Vermittlungsfähigkeit des Trainers durchaus erlaubt. Die kommende Saison dürfte für Hannover richtungsweisenden Charakter haben.

Im Schatten von Freiburg und Frankfurt gehört der 1. FC Nürnberg (Platz zehn/44 Punkte/39:47 Tore) zu den positiven Überraschungen der Saison 2012/13. Mit traditionell begrenzten finanziellen Mitteln hat die Mannschaft ohne Star und echten Torjäger zum dritten Mal in Serie locker die Klasse gehalten. Selbst der Trainerwechsel von Dieter Hecking (nach der Hinrunde nach Wolfsburg) zu U23-Coach Michael Wiesinger hat die Mannschaft nicht aus dem Tritt gebracht. Im Gegenteil: Unter dem Neuen holte der Club im gleichen Zeitraum sogar vier Zähler mehr.

Dieter Hecking wiederum hat beim VfL Wolfsburg (Platz elf 11/43 Punkte/47:52 Tore) eine unter Felix Magath katastrophal begonnene Saison noch mit Anstand beendet. Als Hecking Interimscoach Lorenz-Günther Köstner nach der Hinrunde ablöste, waren die Wölfe Fünfzehnter. Nach nur drei Niederlagen in der Rückserie (lediglich Bayern München hatte weniger) und zuletzt zehn ungeschlagenen Liga-Spielen in Serie hat die teuer zusammengestellte Mannschaft gezeigt, dass im nächsten Jahr mehr gehen könnte.

Für den VfB Stuttgart (Platz zwölf/43 Punkte/37:55 Tore), stand in diesem Jahr sparen an. Trotz Europa-League-Einnahmen stand die Konsolidierung der Finanzen im Vordergrund, was mitunter auch auf die Leistungen abfärbte. Der dünne Kader wusste nur in den Pokalwettbewerben zu überzeugen. So konnte im DFB-Pokal durch den Finaleinzug das Ticket für Europa erneut gelöst werden – selbst für den Fall einer Niederlage gegen Bayern München. Geizig war der VfB übrigens auch bei den Toren: Lediglich 37 Tore bedeuten Einstellung des Vereinsrekords. Ebenfalls bemerkenswert: Erstmals seit sieben Jahren konnte sich der VfB in der Rückrunde nicht steigern.

Der FSV Mainz 05 (Platz 13/42 Punkte/42:44 Tore) konnte sich lange Zeit berechtigte Hoffnungen auf Europa machen. Die Low-Budget-Truppe von Trainer Thomas Tuchel belegte nach dem 27. Spieltag sogar noch Platz sechs. Auch bedingt durch den Verlust von Torjäger Adam Szalai (13 Saisontreffer) fehlte den Rheinhessen auf der Zielgeraden aber die Durchschlagskraft. Weil in den letzten neun Spielen kein Sieg mehr gelang, beschließen die 05er die große Gruppe der Teams, die am Schneckenrennen um Europa beteiligt waren.

Die um den Klassenerhalt kämpften

Für den einstigen Champions-League-Dauergast Werder Bremen (Platz 14/34 Punkte/50:66 Tore) ging es nach den enttäuschenden Spielzeiten 2010/11 und 2011/12 noch einmal eine Stufe nach unten. Auf die solide Hinrunde mit 22 Punkten folgten nach der Winterpause nur noch zwei Siege (der letzte am 21. Spieltag) und zwölf weitere Zähler. Allein dank der gigantischen Unterstützung der Werder-Fans und einer gehörige Portion Glück gelang die Rettung. Dass nach deren Sicherstellung Trainer-Legende Thomas Schaaf nach 14 Amtsjahren gehen musste, mag man angesichts seiner Verdienste bedauern. Allerdings fällt es auch schwer zu glauben, dass sich der einstige Meistermacher nach einem suboptimalen Start in die kommende Saison noch lange hätte halten können.

Der FC Augsburg (Platz 15/33 Punkte/33:51 Tore) hat zwar einen Punkt weniger auf dem Konto als Werder Bremen, doch die Beurteilung der Fuggerstädter muss ganz anders ausfallen: Aufgrund seiner geringen Mittel ohnehin als Abstiegskandidat in die Saison gestartet, war der FCA nach mickrigen neun Hinrunden-Punkten gefühlt schon in der 2. Liga. Kluge Wintertransfers (Ji, Manninger, Hahn) und eine „Leck-mich-am-Arsch“-Mentalität haben den Schwaben aber 24 Rückrundenzähler und den verdienten Klassenerhalt eingebracht. Daher sollte man bei all den Rekorden des FC Bayern eine Bestmarke der Bundesliga nicht unter den Tisch fallen lassen: Mit der Rettung nach lediglich neun Punkten zur Winterpause ist dem FCA ein Bundesliga-Meilenstein gelungen! Zuvor ist noch jede Mannschaft, die zur Halbzeit der Saison elf Punkte und weniger hatte (nach der Dreipunkteregel) abgestiegen. Hut ab, Augsburg!

„In den Europapokal“ wollte Markus Babbel, 1899 Hoffenheims Trainer Nummer eins der Saison. Seinen (Interims-)Nachfolgern Frank Kramer, Marco Kurz und Markus Gisdol war dagegen bereits bei Amtsübernahme klar, dass selbst der Klassenerhalt nur schwer zu erreichen sein würde. Nach wieder einmal großen Investitionen erlebte das einstige Erfolgsmodell einen von viel Häme begleiteten Absturz. Vor allem in der kurzen (rückblickend jedoch viel zu langen) „Ära“ Kurz/Müller mit der Wiese-Affäre und weiteren Nebenkriegsschauplätzen regierte das Chaos im Kraichgau. Erst mit Markus Gisdols Übernahme nach dem 27. Spieltag ging der Trend beim „Dorfverein“ wieder nach oben. Nach der überaus glücklichen Last-Minute-Rettung in die Relegation kann die Nummer 16 der Liga (31 Punkte/42:67 Tore) gegen den Zweitligadritten 1. FC Kaiserslautern seine Saison noch retten. Verdient wäre es eigentlich nicht…

Viele Menschen mögen in diesen Tagen Mitleid haben mit Fortuna Düsseldorf (Platz 17/30 Punkte/39:57 Tore), einige mögen den direkten Abstieg des Aufsteigers sogar beweinen. Doch Hand aufs Herz: Wem es nicht gelingt, in einem Schneckenrennen um den Klassenerhalt bei unzähligen Möglichkeiten die nötigen Zähler einzufahren, der hat es auch nicht anders drinzubleiben. Dabei begann die Saison gut – fast zu gut. Angesichts von neun Zählern Vorsprung auf den Relegationsplatz nach 17 Spieltagen schien der Klassenerhalt nur noch Formsache zu sein. Doch gerade die Leistungsträger der überdurchschnittlichen Hinrunde (Fabian Giefer, Robbie Kruse, Dani Schahin) bekamen nach dem Winter nicht mehr viel auf die Kette. Die Folge war gewissermaßen das Gegenteil des Augsburger Saisonverlaufs: Zu den 21 Punkten der Hinrunde gesellten sich bei Düsseldorf im Jahr 2013 nur noch neun Zähler. Wie sagt man im Sportjournalisten-Neudeutsch so schön: Das Momentum sprach gegen die Fortuna.

Gewogen und trotz oftmals ansehnlichen Spiels für zu leicht befunden – anders kann man die erste (und bis auf weiteres auch letzte) Bundesligasaison der Spielvereinigung Greuther Fürth (Platz 18/21 Punkte/26:60 Tore) nicht zusammenfasen. Auf fremden Plätzen war das Auftreten der Kleeblätter absolut in Ordnung (17 Punkte), doch in der heimischen Trolli-Arena schwangen sich die Franken zum schlechtesten Bundesliga-Teilnehmer aller Zeiten auf. Eine Rückkehr ist beim Blick auf die Zweitliga-Konkurrenz in der kommenden Saison allerdings nicht ausgeschlossen. Derweil wird in der Erstliga-Saison 2013/14 mit Eintracht Braunschweig ein Verein mit vergleichbaren Möglichkeiten und ähnlicher Strategie wie die Fürther versuchen, es besser zu machen.

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