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Aug
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Bundesliga-Check 2015/16: Dortmund, Hoffenheim, Frankfurt

Die 53. Bundesliga-Saison steht vor der Tür. Im vierten Teil der Aktives-Abseits-Saisonvorschau 2015/16 widme ich mich Borussia Dortmund, 1899 Hoffenheim und Eintracht Frankfurt. Kann der neue BVB-Trainer Thomas Tuchel aus dem Schatten von Jürgen Klopp treten? Hat Hoffenheim endlich den Biss für Europa? Und glückt das Comeback von Armin Veh bei der Eintracht?

 

Borussia Dortmund: Tuchel gegen Klopps langen Schatten

Mit zwei gewonnenen Meisterschaften, einem DFB-Pokalsieg und dem Einzug ins Champions-League-Finale 2013 hatte sich Trainer Jürgen Klopp (48) bei Borussia Dortmund unkündbar gemacht. So war es der Kult-Coach selbst, der noch während der schwachen Vorsaison die Reißleine zog und seinen Abschied zum Saisonende nach sieben fast ausschließlich erfolgreichen Jahren bekannt gab. Dass sein Nachfolger einen schweren Job antreten würde, stand außer Frage. Offenkundig war aber auch, dass er eine hoch veranlagte Mannschaft übernehmen würde.

In Thomas Tuchel (41) hat der BVB den besten verfügbaren deutschen Trainer gefunden. Und noch dazu einen, der in der Öffentlichkeit gern als „zweiter Klopp“ dargestellt wird. Tuchel machte sich wie einst Klopp beim kleinen FSV Mainz 05 einen Namen, führte die Rheinhessen mit ausgefeiltem Systemfußball zweimal sensationell in den internationalen Wettbewerb. Dabei ist der detailversessene und bisweilen oberlehrerhafte Tuchel ein anderer Typ als der extrovertierte Klopp, mit dem er wohl mindestens bis zu seinem ersten Titelgewinn mit dem BVB verglichen werden wird.

Neben einer sachlicheren Ansprache hat sich unter Tuchel auch das Spiel der Dortmunder verändert. Das lange Zeit überaus und am Ende nicht mehr allzu erfolgreiche Gegenpressing hat an Bedeutung verloren. Die Offensive um ihre Hauptdarsteller Marco Reus, Henrich Mchitarjan und Pierre-Emerick Aubameyang initiiert ihre rasend schnellen Ballstafetten nun mehr aus eigenem Ballbesitz heraus – ein Umstand, der auch notwendig geworden ist, weil sich immer mehr Gegner auf das einst unaufhaltsame Gegenpressing plus Kontern eingestellt hatten.

Obwohl der Dortmunder Trainer neu ist und auch der Fußball einen neuen Anstrich erhalten soll, hat der BVB auf dem Transfermarkt keinen Umbruch vollzogen, sondern den namhaften Kader lediglich ergänzt. Selbst die als sichere Abgänge gehandelten Stars Mats Hummels und Ilkay Gündogan blieben, wenn auch vermutlich nicht zuletzt aufgrund mangelnder Alternativen.

Wie hat sich der Kader verändert? Neu sind der Schweizer Nationaltorhüter Roman Bürki (24/3,5 Millionen Euro Ablöse) von Absteiger SC Freiburg, der den elf Jahre älteren Weltmeister Roman Weidenfeller nach schwacher Vorsaison auf die Bank verdrängen dürfte. Zudem verpflichtete die Borussia in Gonzalo Castro (28) für festgeschriebene elf Millionen Euro von Bayer Leverkusen einen Allrounder, der bis auf Torhüter, Innenverteidiger und Mittelstürmer schon alle Positionen besetzt hat. Der als Perspektivspieler geholte Mittelfeldmann Julian Weigl (19/1860 München) erhielt von Tuchel in der Europa-League-Qualifikation gegen den Wolfsberger AC überraschend zweimal das Vertrauen von Beginn an.

Zumindest vorläufig weg ist 19-Millionen-Euro-Fehleinkauf Ciro Immobile (25), der Italiener unternimmt als Leihspieler bei Europa-League-Sieger FC Sevilla einen Neustart. Eine Rückkehr des bis 2019 gebundenen Stürmers scheint für beide Seiten nicht die erste Option zu sein. Ersatzkeeper Mitch Langerak (VfB Stuttgart) wurde ebenso für drei Millionen Euro Ablöse abgegeben wie Mittelfeld-Reservist Milos Jojic (1. FC Köln). Der langjährige Kapitän Sebastian Kehl beendete seine Karriere mit 35 Jahren.

Interessante Spieler: Abgesehen von Torjäger Aubameyang, der seinen Vertrag kurz vor Saisonbeginn bis 2018 verlängerte, hat eigentlich jeder Dortmunder Spieler in der Vorsaison enttäuscht. Im Fokus stehen besonders der von vielen Verletzungen und der Führerscheinaffäre gebeutelte Reus sowie Kapitän Hummels und Spielmacher Gündogan. Das Trio spielt in der Vor-EM-Saison nicht zuletzt auch um einen Stammplatz in der Nationalelf. Der unter Klopp meist unglücklich agierende BVB-Rekordeinkauf Mchitarjan blühte in der Frühphase der Ära Tuchel regelrecht auf. Der Armenier scheint in seinem dritten Jahr in Dortmund endlich vor dem Durchbruch zu stehen.

Prognose: Auch wenn Tuchel tiefstapelte und den BVB lediglich als „Herausforderer“ von München, Wolfsburg, Mönchengladbach, Leverkusen und Schalke bezeichnete, dürfte Dortmund nach Platz sieben in der Vorsaison nun wieder um die Champions-League-Plätze mitspielen. Für Tuchel wäre das im ersten Jahr in Dortmund ein guter Einstand.

 

1899 Hoffenheim: Erstmals Europa oder wie immer Mittelmaß?

Vor sieben Jahren zitterte die Bundesliga vor dem Aufsteiger aus dem Kraichgau: Mit jeder Menge Offensivpower wirbelte Hoffenheim unter Trainer Ralf Rangnick durch die Bundesliga, sicherte sich die Herbstmeisterschaft 2008 – und ließ nicht befürchten, dass der Klub auch aufgrund der Rücklagen des milliardenschweren Mäzens Dietmar Hopp auf Sicht zum ärgsten Rivalen von Bayern München aufsteigen könnte.

Wie sich herausstellen sollte, war diese Angst unbegründet. Sechsmal landete die TSG seither auf einem Mittelfeldplatz, verpasste die Europapokalplätze aufgrund einer fast schon traditionell schwachen Rückrunde stets mehr oder weniger deutlich. Der einzige Ausreißer war negativer Art: In der 2012/13 stieg der „Dorfverein“ um ein Haar ab, rettete sich erst in der Relegation.

Wie hat sich der Kader verändert? Läuft alles normal, wird die junge Mannschaft von Trainer Markus Gisdol auch im achten Erstligajahr der Vereinsgeschichte dank gepflegtem Offensivfußball eine gute Rolle spielen – schlaflose Nächte wird die TSG den Anhängern der anderen 17 Klubs aber kaum bereiten.

Das liegt vor allem daran, dass Topstar Roberto Firmino (23) den Klub verlassen hat. Der brasilianische Topscorer der vergangenen beiden Spielzeiten wechselte für die Bundesliga-Rekordsumme von astronomischen 41 Millionen Euro zum FC Liverpool. Theoretisch hätte Hoffenheim dieses Geld reinvestieren können. Doch das tat der Klub nicht: Hopp, der mittlerweile Mehrheitseigner ist, legt schließlich Wert darauf, dass der Klub auch ohne seine Millionen auf sicheren Füßen steht.

Statt Krachern holte Hoffenheim entwicklungsfähige Spieler wie den Schweizer Nationalverteidiger Fabian Schär (23/FC Basel/4 Millionen Euro Ablöse), den Freiburger Rechtsaußen Jonathan Schmid (25/3,7 Millionen Euro), den tschechischen Rechtsverteidiger Pavel Kaderabek (23/Sparta Prag/3,5 Millionen Euro) oder Angreifer Marc Uth (23/SC Heerenveen/2,2 Millionen Euro).

Spektakulärer Ausreißer ist Ex-Nationalspieler Kevin Kuranyi (Dynamo Moskau/ablösefrei). Der mittlerweile 33-Jährige soll mit seiner Erfahrung die junge Mannschaft führen. Immerhin hat die TSG ihren Kapitän Andreas Beck (28) für etwas weniger als zwei Millionen Euro an Besiktas Istanbul abgegeben. Doch auch auf dem Platz wird Kuranyi gebraucht, nachdem Hoffenheim seine Reservestürmer Anthony Modeste (27/1. FC Köln/4,5 Millionen Euro) und Sven Schipplock (26/Hamburger SV/2,5 Millionen Euro) ziehen ließ.

Gerade in der Offensive lässt sich ein Substanzverlust kaum verhehlen. Umso mehr wird von Nationalstürmer Kevin Volland (23) abhängen, der mittlerweile das Gesicht des Klubs ist und trotz zahlreicher lukrativer Angebote seinen Vertrag erst im Sommer bis 2019 verlängerte.

Interessante Spieler: Ganz klar Kuranyi. Nach fünf Jahren in der sportlich zweitklassigen und finanziell erstklassigen russischen Liga muss der Angreifer beweisen, dass er auch mit 33 Jahren noch die Klasse und den Biss für die Bundesliga mitbringt. In seinen bisherigen acht Spielzeiten für Stuttgart und Schalke (2002 bis 2010) gelangen dem EM-Zweiten von 2008 in jeder Saison mindestens zehn Tore. Daran wird er gemessen werden. Volland ist in seinem vierten Jahr bei der TSG wichtiger denn je. Vom Nationalspieler darf der nächste Schritt erwartet werden.

Prognose: Hoffenheim hat an Qualität eingebüßt – das Erstrunden-Aus im DFB-Pokal bei Zweitligist 1860 München mag hierfür ein objektiver Fingerzeig sein. Selbst wenn der Klub mit den Firmino-Millionen im Rücken noch reagieren sollte, wird Hoffenheim in der kommenden Saison wohl nicht in die Nähe der internationalen Plätze kommen. Im Gegenteil: Hoffenheim muss aufpassen, nicht in der unteren Tabellenhälfte zu versinken.

 

Eintracht Frankfurt: Schaaflos in Mainhattan – Veh, die Zweite

Das Experiment mit Thomas Schaaf in Frankfurt ist nach nur einem Jahr gescheitert. Die frühere Trainer-Ikone von Werder Bremen fand mit seiner bärbeißigen Art bei weiten Teilen des Vorstands, der Mannschaft und der Fans keinen Zuspruch und nahm im Mai auf eigenen Wunsch seinen Hut. Sein Nachfolger und zugleich Vorgänger Armin Veh ist ein anderer Typ: offen und ironisch, allerdings auf seine Art auch nicht unkompliziert.

Allerdings hat Veh bei der Eintracht schon einmal „funktioniert“: Zwischen 2011 bis zu seinem freiwilligen Abgang am Ende der Saison 2013/14 führte er den Klub aus der zweiten Liga direkt in die Europa League. Dort legte er mit der SGE eine ordentliche Saison hin und schaffte den Spagat, gleichzeitig in der Bundesliga frei von großen Abstiegssorgen zu bleiben.

Dass Veh vor einem Jahr wegen mangelnder sportlicher Perspektive ging und nun wieder zurückkam, um einen kaum besser dastehenden Verein wieder zu übernehmen, hat einen einfachen Grund: Nachdem der 54-Jährige bereits im vergangenen Herbst beim VfB Stuttgart hingeschmissen hatte, mangelte es nun an besseren Angeboten.

Wie hat sich der Kader verändert? In Torhüter Kevin Trapp (25) verlor die Eintracht im Sommer ihren wohl besten Spieler an Paris St. Germain, erhielt dafür allerdings für die stolze Ablöse von neun Millionen Euro. Nachdem auch Trapps Ersatzmann Felix Wiedwald (25) zu Werder Bremen zurückkehrte, streiten die neuverpflichteten Heinz Lindner (24/Austria Wien/ablösefrei) und Lukas Hradecky (25/Brönby IF/2 Millionen Euro) um den Platz im SGE-Tor.

Der niederländische Angreifer Luc Castaignos (22/Twente Enschede/2,5 Millionen Euro) soll den zu Saisonbeginn verletzungsbedingt fehlenden Bundesliga-Torschützenkönig Alex Meier (32) entlasten, welcher von Veh zum neuen Kapitän ernannt wurde. Der ablösefrei aus Leverkusen geholte defensive Mittelfeldspieler Stefan Reinartz (26) ist ebenso eine Verstärkung wie der allerdings zunächst verletzte Innenverteidiger David Abraham (28/Hoffenheim/1,5 Millionen Euro).

Interessante Spieler: Meier ist seit April verletzt, wird nach seiner Knieverletzung nicht vor Oktober auf dem Platz zurückerwartet. Solange müssen die Alternativen Castaignos und Vorjahres-Einkauf Haris Seferovic in die Bresche springen. Auch Trapps Abgang ist ein herber Verlust. Weil der Slowake Hradecky erst Anfang August zum Team stieß, dürfte Lindner mit einem Vorsprung in die Saison gehen. Das Tor könnte dennoch zur Problemposition werden.

Prognose: Vorne und hinten drückt der Schuh ein wenig. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Frankfurt ein paar Probleme mehr bekommt als in der Vorsaison, in der man dank der starken Offensive nie etwas mit dem Abstieg zu tun hatte. Platz neun wie im Vorjahr wäre wohl das optimale Szenario, eher wird Frankfurt ein paar Ränge weiter hinten landen. Die Ränge 16 bis 18 sind aber kein Thema.

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