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Aug
03

Bundesliga-Check 2015/16: HSV, Ingolstadt, Darmstadt

Die 53. Bundesliga-Saison steht vor der Tür. Im ersten Teil der Aktives-Abseits-Saisonvorschau 2015/16 widme ich mich dem „Relegations-Doublesieger“ Hamburger SV sowie den Aufsteigern FC Ingolstadt und Darmstadt 98. Kriegt der HSV die Kurve? Haben die Underdogs im Konzert der Großen den Hauch einer Chance?

 

Hamburger SV – Der Dino kocht auf Sparflamme

Zweimal in Folge hat der Hamburger SV seinen Kopf erst in der Verlängerung der Saison aus der Schlinge gezogen. Wurde die Zittersaison 2013/14 noch als Ausrutscher abgetan und wurden anschließend blind 35 Millionen Euro in neue Spieler investiert, nimmt man den Verantwortlichen des Bundesliga-Dinos nach dem zweiten geglückten Relegationskrimi das neue Understatement ab. „Wir dürfen keinen Deut nachlassen. Wir müssen in unseren Handlungen sehr konsequent sein und als Mannschaft geschlossen auftreten, dann können wir einiges bewegen“, sagte Trainer Bruno Labbadia, der vor seiner Rückkehr im April als Erstliga-Trainer genauso mausetot erschien wie die HSV-Mannschaft.

In dieser haben sich in der Sommerpause einige Wechsel vollzogen. Angesichts drückender Finanzsorgen schrumpften sich die Hamburger gesund, indem sie teure Leistungsträger a.D. wie Rafael van der Vaart, Valon Behrami, Marcell Jansen oder Heiko Westermann aussortierten. Geholt wurden vergleichsweise günstige Spieler mit kleinem Namen, aber viel Potenzial, wie Taktgeber Albin Ekdal (Cagliari Calcio), der vielversprechende Flügelstürmer Michael Gregoritsch (VfL Bochum) oder Edeljoker Sven Schipplock von 1899 Hoffenheim. Last but not least soll der in Leverkusen wegen Undiszipliniertheiten suspendierte Oldie Emir Spahic (35) der Abwehr Stabilität verleihen.

Mit den kleinen Namen dürften auch im Umfeld die Ansprüche sinken – zumal mittlerweile auch der letzte HSV-Fan gemerkt haben dürfte, dass der Weg zurück ins internationale Geschäft nur über eine lange Phase der Konsolidierung gelingen kann. Die Saison 2015/16 soll dabei ein erster Schritt sein.

Interessante Spieler: Spahic ist eine Wundertüte: Fußballerisch ist der Bosnier auch im fortgeschrittenen Alter noch ein Innenverteidiger von gehobenem Bundesliga-Niveau, aber charakterlich nach wiederholten Ausrastern in der Vergangenheit auch ein potenzieller Spaltpilz. Gregoritsch war einer der besten Kreativspieler in der abgelaufenen Zweitliga-Saison. Lewis Holtby und Nicolai Müller kamen 2014 als Hoffnungsträger – und enttäuschten in ihrem ersten Jahr bis auf wenige Ausnahmen maßlos.

Prognose: Immer wenn man in der Vergangenheit geglaubt hat, dass beim HSV endlich Ruhe einkehrt, ist eben doch keine Ruhe eingekehrt. Ein schlechter Saisonstart, und die Negativspirale wird wieder Tempo aufnehmen. Dann stünde auch „Retter“ Labbadia schnell wieder auf der Abschussliste, und eine weitere Saison in akuter Abstiegsgefahr wäre wohl Realität. Doch auch bei ordentlichem Auftakt ist für den HSV kaum mehr als ein Platz unteren Mittelfeld drin.

 

FC Ingolstadt: Konzern-Klub ohne Konzern

Audi-Stadt, Audi-Sportpark, bis zuletzt Audi als Trikotsponsor – der Schluss, dass die Bundesliga im FC Ingolstadt um einen weiteren Konzern-Klub „reicher“ ist, liegt nahe. Doch der Zweitliga-Meister ist (noch) kein nächstes Wolfsburg oder Leverkusen. „Wir sind kein Werksklub, und wir werden einen Etat haben wie ein Aufsteiger“, betonte Präsident Jackwerth nach dem Aufstieg und hielt Wort: 18 Millionen Euro sind der zweitniedrigste Wert im Oberhaus, nur unterboten von Mitaufsteiger Darmstadt 98.

Zwar ist nicht ausgeschlossen, dass der Audi-Konzern, der 20 Prozent der Anteile am FCI hält, in der Winterpause noch ein paar Euro lockermacht. Doch von der Grundidee möchte die sportliche Leitung um Aufstiegstrainer Ralph Hasenhüttl und Sportdirektor Thomas Linke dies vermeiden. Vielmehr vertrauen die Ingolstädter darauf, dass die beileibe nicht teure Aufstiegsmannschaft in der 1. Bundesliga durch Moral und Geschlossenheit die individuellen Mängel auffangen kann.

Entsprechend wurden bis kurz vor Saisonstart nur vier neue Spieler verpflichtet. Diese haben allerdings jeder für sich das Potenzial für einen Stammplatz: Der norwegische Nationaltorhüter Örjan Nyland (Molde FK) bedrängt Ramazan Öczan im Kasten der Schanzer, der österreichische Internationale Marcus Suttner (Austria Wien/Linksverteidiger) und Romain Brégérie (Darmstadt 98/Innenverteidiger) sind fest für die Viererkette eingeplant. Der von Absteiger SC Paderborn geholte Elias Kachunga dürfte im Sturmzentrum zunächst erste Wahl sein.

Interessante Spieler: Der 22-jährige Pascal Groß war in der abgelaufenen Zweitligasaison mit sieben Toren und 22 Torvorlagen der Garant in der Offensive. Mittelstürmer Lukas Hinterseer (24) ist der Neffe von Schlagerstar Hansi Hinterseer – und ein mehr als passabler Kicker, wie neun Tore in der Aufstiegssaison belegten.

Prognose: Wäre nicht Darmstadt 98, würden die Ingolstädter von allen Experten als Absteiger Nummer eins gehandelt. Doch auch so kann das 54. Mitglied der Bundesliga nur überraschen. Der Spielplan meint es gut: Fünf der ersten sieben Gegner beendeten die abgelaufene Saison auf einem zweistelligen Tabellenplatz. Doch auch bei einem guten Start wäre der Klassenerhalt eine Überraschung.

 

Darmstadt 98: Erfüllte Sehnsucht für Fußballromantiker

Vor zwei Jahren sportlich eigentlich in die 4. Liga abgestiegen, hat Darmstadt 98 mit der Rückkehr in die Bundesliga nach 33-jähriger Abstinenz eines der kitschigsten Märchen im modernen Fußball geschrieben. Im Konzert der Glamour-Klubs scheinen die Lilien mit ihrem baufälligen Stadion, ihrem Mini-Aufstiegsetat von fünf Millionen Euro und ihrer Mannschaft voller No-Names und Gescheiterter eigentlich nichts verloren zu haben.

Doch genau das macht Darmstadt so speziell: Wo selbst arrivierte Klubs vor der Finanzkraft von RB Leipzig zittern, haben die Hessen gezeigt, dass sportlicher Erfolg auch „against all odds“ möglich ist. Das Herz jedes Fußball-Romantikers muss in dieser Saison blau-weiß schlagen.

Darmstadts Trainer Dirk Schuster nahm die Vorlage von Paderborn-Trainer André Breitenreiter auf und verpasste dem Klub sogleich den Stempel „krassester aller krassen Außenseiter in der Bundesliga-Geschichte“. Und der Ex-Nationalspieler hat recht damit.

Um den Kader flott zu machen, der in weiten Teilen aus Akteuren besteht, die bereits in der 3. Liga das 98-Trikot trugen, hat Darmstadt in Anbetracht des schmalen Etats von 15 Millionen Euro gezielt erstligaerfahrene Spieler geholt, die den Aufsteiger nach einem Karrieretief als Sprungbrett sehen – und entsprechend für kleines Geld spielen. Luca Caldirola (Werder Bremen/Innenverteidiger), Junior Diaz (Mainz 05/Linksverteidiger) oder die Mittelfeldspieler Peter Niemeyer (Hertha BSC) und Konstantin Rausch (VfB Stuttgart) fallen in diese Kategorie. Weitere „Gescheiterte“ könnten bis zum Schließen des Transferfensters am 31. August noch hinzukommen.

Interessante Spieler: Neben den Neuzugängen mit Profilierungsbedarf nimmt auch Dominik Stroh-Engel einen weiteren Anlauf im Oberhaus. Mit 38 Liga-Toren in den vergangenen beiden Spielzeiten hatte der 29-Jährige, der zwischen 2005 und 2007 bei Eintracht Frankfurt kaum Einsatzzeiten erhielt, maßgeblichen Anteil am Aufstieg. „Alm-Öhi“ Marco Sailer ist bereits jetzt die Kultfigur der Darmstädter Fans, mit seinem wilden Bart und seinen flotten Sprüchen dürfte der Angreifer bald die Herzen in ganz Fußball-Deutschland erobern.

Prognose: Das moderne Fußballmärchen wird keine Fortsetzung erleben. Darmstadt hat in allen Belangen nicht das Format, um mindestens zwei Mannschaften in der 1. Bundesliga hinter sich zu lassen. Auch dass die 98er mit der Euphorie im Rücken einen guten Start hinlegen, scheint ausgeschlossen: Das Auftaktprogramm mit Hannover, Schalke, Hoffenheim, Leverkusen und den Bayern ist knüppelhart.

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