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Mrz
11

Chapeau, Merte!

Per Mertesacker hat mit bemerkenswert offenen Aussagen über den gewaltigen Druck im Profifußball für Aufsehen gesorgt. Ihn dafür zu kritisieren, ist töricht. Leider hat Rekordnationalspieler Lothar Matthäus genau dies getan – und damit verdeutlicht, was das Problem in der Branche ist.

Per Mertesacker ist einer von denen, die sich mit dem Fußball ihren Kindheitstraum verwirklicht haben. Der Niedersachse ist Weltmeister, Multimillionär, 104-maliger Nationalspieler. Er gehörte in der Bundesliga wie auch in der Premier League zu den besten Verteidigern. Dass dieser gestandene Kerl – 33 Jahre alt, fast zwei Meter groß, Kapitän des FC Arsenal – über den Druck im Profifußball in schonungsloser Offenheit spricht, ist höchst bemerkenswert und sollte Würdigung erfahren.

Seine Aussagen, herausragend verpackt in einer anrührenden Personalgeschichte im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, verdeutlichen allerdings nur, was eigentlich jeder weiß, und doch niemand auszusprechen wagt: Der Fußball ist eine Knochenmühle, in Zeiten der milliardenschweren TV-Verträge vermutlich mehr denn je. Wer als Talent mit großen Augen in das Business hineinkommt, ist 15 Jahre später oft ein anderer Mensch. Zwar muss niemand dabei mitmachen, doch die Schattenseiten sollten nicht unter den Teppich gekehrt werden.

„Du musst abliefern, ohne Wenn und Aber“

Mertesacker erklärte es anschaulich: Die Privilegien seien ihm bewusst, aber „irgendwann realisierst du, dass alles eine Belastung ist, körperlich und mental. Dass es null mehr um Spaß geht, sondern dass du abliefern musst, ohne Wenn und Aber. Selbst wenn du verletzt bist.“ Sein Körper habe seine gesamte Profikarriere hinweg an Spieltagen – also in Summe rund 500-mal – mit Brechreiz und Durchfall reagiert. In den Sekunden vor dem Anpfiff drehe sich ihm regelmäßig „der Magen um, als müsse ich mich übergeben. Ich muss dann einmal so heftig würgen, bis mir die Augen tränen“, erklärte er weiter.

Den größten Druck habe er während der WM 2006 in Deutschland verspürt, sagte Mertesacker, der beim „Sommermärchen“ 21 Jahre jung war: „Klar war ich auch enttäuscht, als wir gegen Italien ausgeschieden sind, aber vor allem war ich erleichtert. Ich weiß es noch, als wäre es heute. Ich dachte nur: Es ist vorbei, es ist vorbei. Endlich ist es vorbei.“

Zusammenhang zwischen verletztem Körper und malader Seele

Die Verletzungen im Verlauf seiner Karriere führte der frühere Profi von Hannover 96 und Werder Bremen nicht zuletzt auf die hohe mentale Belastung zurück: „Wenn ich nicht mehr konnte, war ich verletzt, so war es immer. Ich behaupte sogar, dass viele wiederkehrende Verletzungen psychisch bedingt sind. Dass der Körper der Seele damit zu Ruhe verhilft. Aber das hinterfragt niemand.“ In seiner Karriere habe sein Körper mindestens einmal im Jahr gestreikt. „Es denken alle, es wäre ein Drama, wenn du verletzt ausfällst – ist es nicht“, sagte Mertesacker: „Denn es ist der einzige Weg, eine legitimierte Auszeit zu bekommen, mal raus zu sein aus der Mühle.“

Wegen eines Knorpelschadens im rechten Knie sei sein Körper „einfach durch“, erklärte der 104-malige Nationalspieler. Allerdings habe er auch „keinen Bock mehr“. Jeder habe ihm gesagt, er solle das letzte Jahr richtig auskosten, noch mal so viel spielen wie möglich und alles aufsaugen. Doch Mertesacker sitze „am liebsten auf der Bank, noch lieber auf der Tribüne“.

Bei seinem Abschiedsspiel werde er „mit über 30 zum ersten Mal in meinem Leben frei sein“, erklärte Mertesacker, der anschließend in der Nachwuchsakademie des FC Arsenal eine leitende Position übernehmen soll. In dieser Rolle wolle er „das System angreifen“, erklärte er. Konkret bedeutet das: Die Talente dürften nicht alles auf die Fußballkarte setzen, die Schule vernachlässigen. Schließlich schaffe es am Ende nur ein Prozent von ihnen.

Matthäus antwortet mit Populismus

Einige stellten angesichts dieser offenen Worte schon die Frage: Kann Mertesacker überhaupt noch im Fußball arbeiten? Wenn es nach Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus geht, hat er keine Zukunft mehr. „Wie soll er weiter im Fußball tätig sein? Wie will er einem Fußballspieler diese Professionalität vermitteln, wenn er sagt, da ist zu viel Druck? Das geht nicht“, sagte der 56-Jährige am Samstag in seiner Funktion als Experte bei Sky. Und überhaupt: „Im eigenen Land eine Weltmeisterschaft zu spielen, bei der du von so einer Euphorie getragen wirst, das darf ja gar keine Belastung sein.“

Eben dieser Matthäus vergisst allerdings, dass er selbst weit nach seinem Karriereende im Jahr 2000 ähnliche Töne angeschlagen hat, wenn auch nicht in der Intensität und Anschaulichkeit wie Mertesacker. „Es gab Momente in meiner Karriere, da bin ich an diesem Erwartungsdruck fast erstickt“, hatte Matthäus 2013 im Interview mit der „11 Freunde“ erklärt.

Und was in diesem Zusammenhang niemand vergessen sollte: Im Finale der Weltmeisterschaft 1990, nach der Matthäus zum Weltstar aufstieg, hatte ausgerechnet er als Anführer und Kapitän kurz vor Spielende beim Stand von 0:0 die Verantwortung bei der Elfmeterchance an Andreas Brehme weitergegeben. Dass Druck einem zu schaffen machen kann, ist also menschlich, Herr Matthäus!

Mertesackers Worte lassen an Enke zurückdenken

Niemand sollte Mertesacker für seine Offenheit verurteilen. Gewiss fühlt er nicht als einziger Fußballprofi so. Doch wer geht damit schon so offen um? Immerhin stehen viel Geld und ganze Karrieren auf dem Spiel. Mertesacker hat eine ganz andere Ausgangslage als viele andere. Er ist intelligent genug, um längst ausgesorgt zu haben. Er hängt seine Fußballschuhe in wenigen Monaten an den Nagel. Wenn ihn im Fußball niemand mehr einen Job geben will, dann wird er es verkraften. Doch wenn das so wäre, wüsste wirklich jeder woran der Fußball krankt.

Immerhin hatte im November 2009 nach dem Selbstmord von Robert Enke – Freund, Nationalmannschaftskollege und langjähriger Mitspieler bei Hannover 96 von Mertesacker – die gesamte Branche Besserung und mehr Sensibilität versprochen. Die feinen Antennen sind allerorts aber schnell wieder eingefahren worden. Passiert ist nichts. Oder doch: Die Bandagen sind nur härter geworden. Ein Grund mehr, warum Mertesackers Offenheit zu loben ist.

1 Kommentar

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  1. Tobias sagt:

    Mit Spaß am Spiel hat es im Profi-Fußball längst nichts mehr zu tun. Der Druck ist immer da, manche kommen einfacher damit klar, andere nicht. Aufklärung ist da wichtig, aber leider vergessen das die Verantwortlichen und kritische Fans nur allzu schnell.

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