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Mai
18

Confed Cup mit C-Nationalteam: Der schlaue Umweg

Bundestrainer Joachim Löw geht den Confed Cup in Russland wie erwartet ohne zahlreiche Weltmeister an. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft macht sich damit gerade beim Gastgeber der „Mini-WM“ nicht beliebt. Doch Löw ordnet der erfolgreichen Titelverteidigung bei der Weltmeisterschaft 2018 alles unter. Er tut gut daran.

Deutschland hat eine glorreiche Fußball-Historie. Vier WM-Titel, dreimal Europameister, seit der Heim-WM 2006 wurde in sechs großen Meisterschaften hintereinander mindestens das Halbfinale erreicht. Einer der wenigen „Schandflecken“ in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist der Confed Cup.

Bei der Premiere 1997 verzichtete Deutschland als amtierender Europameister dankend. 1999 war der DFB nur deswegen in Mexiko dabei, um seine Chancen auf die Ausrichtung der WM 2006 zu wahren – und blamierte sich mit einer Verlegenheitsmannschaft bis auf die Knochen. Das Turnier 2003 ließ man als Vize-Weltmeister wieder freiwillig aus.

2005 dann war man als Gastgeber zur Teilnahme verpflichtet, aber ohnehin nur gern dabei: Ein Jahr vor der WM ging bereits ein Hauch des „Sommermärchen“-Feelings durch die Stadien, für spätere Weltmeister wie Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Lukas Podolski war der Confed Cup eine wichtige Turniererfahrung.

Der DFB steckt in der Pflichtfalle

Nun könnte man meinen, dass der größte Fußballverband der Welt alles daran setzen würde, in diesem Jahr den fehlenden Pokal in die Vitrine zu holen. Doch die Teilnahme an der zehnten Auflage des interkontinentalen Turniers in Russland (17. Juni bis 2. Juli) ist für die DFB-Auswahl nicht mehr als eine lästige Pflichtaufgabe.

Hotels, Stadien oder die Kompabilität der Steckdosen für das iPhone-Ladekabel muss man heutzutage nicht mehr prüfen, um in einem Jahr eine böse Überraschung auszuschließen. Auch sportlich ist der Reiz höchst überschaubar. Die deutsche Mannschaft in Bestbesetzung fühlt sich – zu Recht – so stark, dass sie dieses Turnier nicht braucht, um 2018 zu den Topfavoriten zu gehören. Zumal die Gegner nicht Italien, Brasilien oder Argentinien heißen, sondern in der Vorrunde „nur“ Chile, Kamerun und Australien. Europameister Portugal in der anderen Gruppe ist der nominell stärkte mögliche Gegner im Turnier.

Ruhe für die Stars, Casting für die Newcomer

Und so muss man die Entscheidung von Bundestrainer Joachim verstehen, auf das Gros seiner Stützen zu verzichten. Bayern-Jungstar Joshua Kimmich und der Kölner Jonas Hector sind die einzigen Stammspieler im 23-köpfigen Aufgebot. Löws beste Spieler, darunter immer noch viele „seiner Weltmeister von 2014, hatten im Vorjahr die Europameisterschaft gespielt und waren nach einem (zu) kurzen Urlaub in die bald endende Saison gestartet. Mit Top-Stars wie Manuel Neuer, Mats Hummels, Mesut Özil oder Sami Khedira nach Russland zu reisen, würde den Turniersieg wohl garantieren – allerdings zu dem Preis, dass die Spieler, die bei der viel bedeutsameren WM 2018 die Kohlen aus dem Feuer holen sollen, auch 2017 kaum Zeit zur Regeneration hätten.

Und obwohl in Matthias Ginter, Shkodran Mustafi und Julian Draxler nur drei Weltmeister im Aufgebot stehen, hat jeder Berufene eine Daseinsberechtigung im Aufgebot. Der polarisierende Angreifer Sandro Wagner (1899 Hoffenheim) etwa hat sich seine Nominierung etwa durch zwei starke Spielzeiten und tolle Torquoten verdient – auf der dünn besetzten Position des Mittelstürmers kann es sich Löw zudem nicht leisten, Wagners Alter von 29 Jahren zum K.o.-Argument zu machen.

Selbst waschechte Überraschungskandidaten wie der Leipziger Diego Demme oder Wagners Vereinskollege Kerem Demirbay, den viele vor seinem Debüt für die Türkei wähnten, haben von ihrem Potenzial her eine Perspektive. Vielleicht sogar für die WM.

Hinzu kommt: Löw kann die Spieler aus der zweiten und dritten Reihe Juni bis zu fünf Wochen intensiv begutachten, neben ihren fußballerischen Fähigkeiten auch ihre Turniertauglichkeit als Teil einer Mannschaft testen. Wer hier auf ganzer Linie überzeugt, ist automatisch ein Kandidat für die WM.

Missmut im Rest der Welt muss geschluckt werden

Zugleich kann man es weder Gastgeber Russland noch dem Ausrichter FIFA und erst recht nicht den Fußballfans rund um den Globus verübeln, über das Fehlen der deutschen Stars wütend zu sein. Das Turnier verliert am gewissen Etwas und zweifelsohne auch an sportlichem Wert. Nur so eine Statistik: Der gesamte deutsche Confed-Cup-Kader hat ganze sechs Länderspiele mehr bestritten als Lothar Matthäus (150) – und 15 Tore weniger erzielt als der Rekordnationalspieler (23).

Allerdings wird der Confed Cup mit jeder Auflage redundanter, der Stellenwert sinkt rapide. Der DFB macht anders als viele Nationen nur keinen Hehl daraus. Dabei wissen auch die Trainer von Portugal, Chile oder Kamerun: Das Zeugnis über ihre Arbeit wird bei der WM 2018 ausgestellt, nicht bei der Generalprobe. Hinzu kommt eine Statistik, die nicht gerade Geschmack auf mehr macht: Noch nie hat der Gewinner des Confed Cup die anschließende WM gewonnen.

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