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Apr
03

Da ist Hoffe und Malz verloren – Der Neustart des Neustarts

1899 Hoffenheim hat die Reißleine gezogen. Zum wiederholten Mal, und mit immer kürzer werdenden Abständen. Mit Trainer Markus Gisdol möchte der „Dorfverein“ nun zurück zu seinen Wurzeln. Irgendwie hat man das in den letzten Jahren alles schon einmal gehört. Doch wo liegen überhaupt die Wurzeln der TSG?

Als SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp im Jahr 1989 bei seinem Heimatverein einstieg, hieß der Klub noch TSG Hoffenheim und spielte in der Kreisliga A. Damals rückte noch kein Marketingstrategen das Gründungsjahr des Vereins in den Fokus, um im Vergleich mit dem FC Schalke 04 oder dem BV Borussia 09 Dortmund nicht als traditionsloser Retortenklub dazustehen. Hoffenheim war ein Verein wie viele andere unterklassige Klubs in Deutschland, mit einem „Sonnenkönig“, der mit ein paar Investitionen Leben in die Bude brachte.

Der etwas andere Mäzen

Und doch war Hoffenheim anders. Zum einen, weil Milliardär Hopp ganz andere Möglichkeiten hatte als ein mittelständischer Unternehmer, der für ein paar hundert Euro im Monat ehemalige Verbandsligaspieler zu einem Kreisligisten lockt. Hopp hatte den hehren Vorsatz, seinen Reichtum mit seiner Heimatregion zu teilen. Er investierte in Infrastruktur, in Nachwuchsförderung, rief die nach ihm benannte Stiftung ins Leben und schuf durch diese Maßnahmen ganz nebenbei den einen oder anderen Arbeitsplatz.

Quasi als Nebeneffekt stellte sich bald auch der sportliche Erfolg der TSG ein. In den ersten zwölf Jahren der Ära Hopp stieg die TSG fünfmal auf, erreichte 2001 unter Trainer Hansi Flick mit der Regionalliga die damals dritthöchste Spielklasse. Damals spielte man im frisch erbauten, 6.350 Zuschauer fassenden Dietmar-Hopp-Stadion, die Mannschaft bestand ausschließlich aus jungen Spielern mit Wurzeln im Rhein-Neckar-Raum.

Kurzum: Alles roch nach einem Ausbildungsverein für die Profiklubs, der sich als dauerhafter Drittligist bald einen exzellenten Ruf erarbeiten würde. In dieser Phase war Hoffenheim das, wovon Dietmar Hopp später noch so gerne sprechen sollte: eine Mannschaft aus der Region für die Region. Hier lag die Identität der TSG.

Das Macher-Gen: Think big

Doch Dietmar Hopp ist nun einmal ein Wirtschaftsgigant. Und wer immer nach dem Höchsten gestrebt und seine Ziele fast immer erreicht hat, der gibt sich nicht lange mit Drittklassigkeit zufrieden. Also entwickelte der Mäzen bald neue Visionen. Er wollte der darbenden Fußballregion, deren Stolz einst der gefallene Traditionsklub Waldhof Mannheim war, einen neuen Erstligaverein schenken. Der hierzu angedachte Standortwechsel nach Heidelberg scheiterte, auch mit Trainer Flick und einem „Kreditlimit“ bei der Kaderzusammenstellung war auf Dauer wenig auszurichten. Nachdem die TSG auch im fünften Jahr immer noch in der Regionalliga festhing, verließ Hopp 2006 den eingeschlagenen Weg. Er verpflichtete mit Ralf Rangnick einen Star-Trainer, dem man nichts anderes verkaufen konnte als die Aussicht auf die Bundesliga.

Im nächsten Schritt „erkaufte“ sich die TSG den Erfolg. Die Jahre, in denen die Transferbilanz bei +/- null lag und man nur Spieler Anfang 20 verpflichtete, waren gezählt. Stattdessen lockte man 2006 mit üppigen Gehältern gestandene Profis wie Tomislav Maric, Jochen Seitz, Francisco Copado oder Zsot Löw in die Provinz. Die Qualität für das Oberhaus fehlte ihnen zwar (mittlerweile), doch die Klasse für die Regionalliga hatten sie allemal.

Sie blühten nur einen Sommer

Nach dem sofortigen Aufstieg in die Zweite Liga griff Hopp ein Jahr später richtig tief ins Portemonnaie: 2007 verpflichtete die TSG für insgesamt 19 Millionen Euro die internationalen Talente Carlos Eduardo, Demba Ba, Chinedu Obasi, Luiz Gustavo, Vedad Ibisevic und Per Nilsson. Nie zuvor war ein Zweitligist so potent gewesen, nie zuvor konnte ein Zweitligist locker Vereine aus dem Oberhaus beim Buhlen um Talente ausstechen. Der Aufstieg in die Bundesliga war quasi vorprogrammiert – und mit ihm endgültig der Widerstand der arrivierten Vereine und ihrer Anhänger.

Was seitdem geschah, ist hinlänglich bekannt: Hoffenheim brillierte im Spätsommer und Herbst 2008 auch in der Bundesliga, wähnte sich schon auf dem Weg die Champions League und als kommender Deutscher Meister. Man feierte sich selbst und wurde gefeiert für das „Projekt“, das den Ideen des FC Bayern, des FC Schalke oder des Hamburger SV so weit überlegen war. Was dabei von niemandem gesehen wurde: Im Zenit der Vereinsgeschichte, im Dezember 2008, war die TSG jedoch bereits meilenweit von dem entfernt, wofür sie einst stand.

100 Millionen für Neue, aber kein Konzept

Auch als der erste Dämpfer kam und man die Saison 2008/09 „nur“ als Siebter beendete, fehlte den Hoffenheimer Machern um Mäzen Hopp, Trainer Rangnick und Manager Jan Schindelmeiser der Weitblick. Anstatt den Verein zu stabilisieren und wieder auf die eigene Jugend zu setzen, die damals bereits zu den besten des Landes gehörte, wurde 2009 weiter investiert.

Europa sollte es sein – auf Gedeih und Verderb. Kleine Korrekturen wenn der Plan mal wieder scheiterte, wie nicht lange durchgezogene Sparkurs unter Holger Stanislawski in der vergangenen Saison, waren nicht mehr als Strohfeuer. In Wahrheit fehlte den Machern eine stringente Strategie bei der Kaderzusammenstellung. Nicht zuletzt die Berateragentur „ROGON“, die phasenweise ein knappes Dutzend TSG-Spieler betreute, soll daran einen gewichtigen Anteil haben.

Was würde Hopp tun, wenn er zurück könnte?

Zählt man allein die Ablösesummen zusammen, hat Hoffenheim in den letzten sechs Jahren mehr als 100 Millionen Euro für Neuzugänge ausgegeben. Dabei herausgekommen ist der 17.Tabellenplatz nach 27 Spieltagen im fünften Bundesligajahr. Viel schlimmer aber: Hätte man Dietmar Hopp vor zehn Jahren mit diesen Zahlen konfrontiert, hätte er das „Projekt Bundesliga“ gewiss nicht ausgerufen, sondern wäre dem „Hoffenheimer Weg“ treu geblieben und hätte weiter auf die Ausbildung deutscher Talente gesetzt.

Unter dem neuen Trainer Markus Gisdol, einem Rangnick-Mann, soll nun der alte „Hoffenheimer Weg“ wieder eingeschlagen werden. Doch es ist zu bezweifeln, dass dies gelingt. Denn den „Hoffenheimer Weg“ hatte die TSG bei der Rangnick-Verpflichtung vor knapp sieben Jahren bereits verlassen.

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