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Jun
13

Darum wird Deutschland nicht Weltmeister 2018

Nur Italien 1938 und Brasilien 1962 haben ihre WM-Titel erfolgreich verteidigt. Hier sind die Gründe, warum Deutschland dies in Russland nicht gelingen wird.

Vorbereitung

1:2 gegen WM-Verpasser Österreich, 2:1 gegen WM-Underdog Saudi-Arabien, davor wenig berauschende Auftritte gegen die Top-Gegner Spanien (1:1) und Brasilien (0:1) – Weltmeister Deutschland ist holprig ins Turnierjahr 2018 gestartet. Bundestrainer Joachim Löw und seine 23 WM-Kicker spielen die schwachen Auftritte aber runter. Müdigkeit nach dem harten Trainingslager hier, der feste Glaube an eine Steigerung im Ernstfall da; doch bewiesen, dass sie weltmeisterlichen Fußball spielen kann, hat Die Mannschaft™ schon länger nicht mehr.

„Erdogate“

Oliver Bierhoff ist die Diskussion längst leid. Leider ist der Nationalmannschaftsmanager mit seinem „Basta“ vor laufenden TV-Kameras nicht weit gekommen. Die Medien berichten getreu ihrer Pflicht weiter über das brisante Treffen der türkischstämmigen Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Despoten Recep Tayyip Erdoğan – oder besser: über das ebenfalls unrühmliche Nachspiel ihrer Ehrerbietung. Gündogan hat zwar öffentlich Stellung bezogen und sein Verhalten erklärt, Özil aber gedenkt dies wohl bis zu seinem Ableben nicht mehr zu tun. Das insgesamt höchst unglückliche Kommunikationsmanagement der Spieler und auch des DFB führte zu viel Unmut bei den Fans und ist leider auch eine Steilvorlage für die AfD-Krawallmacher. Sportlich beeinträchtigte die gesamte Diskussion natürlich die Vorbereitung. Der Verband hat aber auch wenig getan, um das Thema befriedigend abzuschließen.

Bereitschaft

Es gibt diesen schönen Satz, dass es schwer ist ganz nach oben zu kommen, aber noch schwerer oben zu bleiben. Gerade bei Fußball-Weltmeisterschaften ist da durchaus etwas dran. Die Turniere liegen vier Jahre auseinander, eine Titelmannschaft muss sich über diesen langen Zeitraum zwangläufig personell verändern und zugleich weiterentwickeln. Gerade bei Kadermitgliedern, die den Olymp schon einmal bestiegen haben, ist die Gier, sechs Wochen lang alles aus sich rauszuholen vielleicht nicht mehr ganz so groß wie vor dem Gipfelsturm. Spannung aufzubauen und aufrechtzuerhalten, ist entsprechend schwierig. Auf der anderen Seite will jeder Gegner nichts lieber tun, als den Weltmeister zu entthronen. Schon die vermeintlich schlagbaren Mexikaner, Schweden und Südkoreaner in der Vorrunde werden gegen Deutschland vermutlich über sich hinauswachsen. Das deutsche Team muss zeigen, dass hinter dem (schrecklichen) WM-Slogan „Best neVer rest“ von Großsponsor Mercedes tatsächlich etwas Substanzielles steckt und das man #ZSMMN (ebenfalls schrecklich) seine hohen Ziele erreichen kann.

Kaderzusammenstellung

Leroy Sané und Nils Petersen sind der letzten Streichung zum Opfer gefallen, der polarisierende Sandro Wagner wurde erst gar nicht in den vorläufigen 27-Kader für das Trainingslager berufen. Damit verzichtete Löw ausgerechnet auf die drei realistischen WM-Kandidaten, die am ehesten für den Überraschungsfaktor gestanden hätten. Sané vom englischen Meister Manchester City ist, auch wenn er im DFB-Trikot bislang selten glänzte, ein kaum auszurechnender Flügelstürmer, dessen Nicht-Nominierung in seiner Wahlheimat England für riesiges Unverständnis sorgte („In-Sane“). Petersen ist seit Jahren ein Top-Joker, der in engen K.o.-Spielen zum entscheidenden Faktor hätte werden können. Auch der chronisch selbstbewusste Bayern-Angreifer Wagner hatte sich in seiner kurzen DFB-Karriere durch aggressive Körpersprache und starke Physis, aber auch durch spielerische Elemente durchaus für höhere Aufgaben empfohlen. So aber wirkt der Kader für Russland von den Positionen 15 bis 23 reichlich bieder. Ein erweiterter Stamm darf sich recht sicher fühlen. Das doppelte Besetzen jeder Position sowie Harmonie innerhalb des Aufgebots war dem Trainerstab offenbar wichtiger als der Überraschungseffekt.

Turnierbaum

Die Vorrundengruppe der Deutschen gehört zu den schwereren bei dieser WM. Mexiko und Südkorea werfen viel Leidenschaft in jedes Spiel, auch wenn die deutsche Mannschaft beiden Gegnern fußballerisch und taktisch klar überlegen sein sollte. Auch die Schweden werden mit ihrer Defensivstärke und Körperlichkeit die Kreativität der deutschen Spieler fordern. Wirklich eklig kann es aber selbst bei Gruppensieg schon im Achtelfinale werden: Aus der Parallelgruppe droht nicht nur Rekordweltmeister Brasilien, sondern auch Serbien. Und gegen die oft hartleibigen, aggressiven Teams vom Balkan hat sich die DFB-Auswahl zuletzt arg schwer getan. 1998 gab es den WM-K.o. gegen Kroatien, 2008 und 2010 setzte es verdiente Niederlagen in der Vorrunde gegen Kroatien bzw. Serbien. Der letzte Sieg gegen ein Team vom Balkan bei einem Großereignis datiert von der EM 1996 (2:1 im Viertelfinale gegen Kroatien). Im Viertelfinale droht dann ein Duell mit der hoffnungsvollen jungen Auswahl der Engländer oder aber mit dem gigantischen Talente-Pool aus Belgien, der deutlich gereift scheint. Im Halbfinale dann ist der alte Angstgegner Spanien oder Argentinien mögliche Kontrahenten. Potenzielle Gegner im Finale sind Frankreich, Brasilien, Portugal oder England.

Watutinki

Was wie ein Indianerdorf klingt, ist der Name der abgeschotteten Unterkunft der deutschen Weltmeister vor den Toren Moskaus. Trainingsplatz und Flughafen sind nah, das sind die Vorteile. Doch im günstigsten Fall muss das Team fast fünf Wochen in einem Betonklotz im bewaldeten Nirgendwo bei Laune bleiben. Das Quartier ist ein krasser Kontrast zum beinahe mythisch verklärten Campo Bahia, der malerischen Ferienanlage am Atlantik, in der 2014 bei Strand und Sonnenschein ein Teamgeist entstand, der die deutsche Auswahl bis zum vierten Stern trug.

Historie

Die deutsche WM-Historie ist glorreich. Mit vier Titeln ist der DFB die Nummer zwei nach Brasilien, acht Finalteilnahmen sind sogar unerreicht, dazu hat Deutschland seit 2006 bei großen Turnieren jedes Mal mindestens das Halbfinale erreicht. Doch die WM-Turniere, in die das DFB-Team als Titelverteidiger gegangen ist, lieferten nicht gerade Material für Highlight-Videos: 1958 in Schweden erreichten die gealterten „Helden von Bern“ zumindest noch das Halbfinale. 1978 aber verpasste die deutsche Elf nicht nur die Vorschlussrunde, sondern erlebte im letzten Zwischenrundenspiel auch noch die „Schmach von Cordoba“ gegen den kleinen Nachbarn Österreich. Und 1994 in den USA stolperte die Mannschaft von Berti Vogts bis ins Viertelfinale, um sich dort gegen den Underdog Bulgarien 1:2 zu blamieren. Doch auch international haben die Titelverteidiger zuletzt wenig zustande gebracht: Spanien scheiterte 2014 ebenso wie Italien 2010 und Frankreich 2002 bereits in der Vorrunde. Die Brasilianer schafften es 2006 zumindest bis ins Viertelfinale.

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