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Okt
26

Das Ende des passiven Abseits? FIFA plädiert für neue Abseitsregel

„Ja gut, sicherlich. Eins ist völlig klar: Die Abseitsregel muss einfacher werden.“ So oder so ähnlich dürfte Franz Beckenbauer zu seinen Mitstreitern in der Task Force Football 2014 gesprochen haben. Dieses von FIFA-Präsident Sepp Blatter gegründete Gremium, das in erster Linie von den Verfehlungen des FIFA-Präsidenten Sepp Blatter ablenken soll, empfiehlt eine Modifizierung und Vereinfachung der Abseitsregel. Doch wie soll eine „perfekte“Abseitsregel aussehen?

Früher war alles „ganz einfach“, wie Nostalgiker gerne behaupten: Wenn ein Spieler abseits war, war er abseits. Dabei spielte es keine Rolle, ob er sich im Moment der Ballabgabe an der Eckfahne die Schuhe gebunden hat oder mit einem Traumpass in die Gasse bedient wurde. Die Fahne des Linienrichters ging hoch, das Spiel wurde unterbrochen, der Ballbesitz wechselte.

Streitfall Passives Abseits

Weil das nicht immer gerecht war, wurde irgendwann differenziert: Wenn ein Spieler zwar formal abseits steht, aber nicht aktiv ins Geschehen eingreift, könne man das Spiel doch weiterlaufen lassen, hieß es dann bei der FIFA. Das Resultat war die Einführung des passiven Abseits, welches immer wieder für Diskussionen sorgt, weil Aktivität und Passivität oft im Ermessen des Schiedsrichters liegen. Hat ein passiv im Abseits stehender Spieler nun die Sicht des Torhüters behindert und ist somit aktiv geworden? Hat er einen Gegenspieler gebunden und damit das Spielgeschehen entscheidend beeinflusst? Ist es rechtens, wenn ein zunächst passiv im Abseits stehender Spieler später wieder aktiv ins Geschehen eingreifen darf, weil eine „neue Spielsituation“ entstanden ist? Schließlich hat er sich durch seine passive Abseitsstellung unter Umständen einen Vorteil gegenüber den Verteidigern verschafft. Diese und andere Fragen machen das passive Abseits in schöner Regelmäßigkeit für viele zu einem Ärgernis. Doch sollte man es deswegen abschaffen? Anders ausgedrückt: Welche Alternativen gibt es denn?

Alternative 1: Rückkehr zum strikten Abseits

Wenn der Schiedsrichter das Spiel bei jeder Abseitsstellung unterbindet, wird es für ihn und seine Assistenten auf den ersten Blick einfacher, weil sie nicht mehr zwischen Aktivität, Passivität und neuer Spielsituation unterscheiden müssen. Das bedeutet aber nicht, dass die Diskussionen verstummen würden. Ein Beispiel: Der nach der aktuellen Regel fälschlicherweise aberkannte Treffer von Hannovers Sergio Pinto am 9. Spieltag in Köln wäre nach der strikten Abseitsauslegung ganz eindeutig KEIN reguläres Tor gewesen – weil Didier Ya Konan im Abseits stand, wenn auch extremst passiv.

Kaum vorstellbar, dass nach strikter Regelauslegung kein Hannoveraner Spieler mit der Abseitsregel gehadert hätte. Tenor: „Didier greift doch gar nicht ins Spiel ein! Dieses generelle Abseits ist Quatsch!“ Und schon wäre die Diskussion ums Abseits wieder entfacht… Nur, dass dann nicht mehr der Schiedsrichter der Buhmann wäre, sondern die Regel.

Alternative 2: Wer passiv im Abseits steht, ist raus für den Angriff

Das hier ist eine Idee von mir, die ich – zu Ende gedacht – gleich wieder in die Mülltonne stopfen würde: Steht ein Spieler in einer Szene passiv im Abseits, darf er erst wieder aktiv ins Geschehen eingreifen, nachdem der Gegner den Ball erobert oder zumindest berührt hat. Das hört sich zunächst ganz gut an. So könnte man beispielsweise verhindern, dass passiv im Abseits stehende Angreifer aus der berühmt-berüchtigten „neuen Spielsituation“ Kapital schlagen. Außerdem würden diese Spieler keinen Verteidiger mehr binden.

Doch wie sähe das in der Praxis aus: Ein Angreifer steht auf der halbrechten Seite passiv im Abseits. Der Ball wird jedoch zu seinem Mitspieler auf der halblinken Seite gespielt, der nicht Abseits ist, das Spiel läuft also weiter. Unser passiver Angreifer lässt sich nun nach hinten fallen, für ihn rückt ein Mittelfeldspieler in die Spitze nach. Dieser steht nun seinerseits passiv im Abseits und müsste sich ebenfalls zurückfallen lassen, und so weiter.

So könnte es passieren, dass die angreifende Mannschaft Spieler um Spieler in einem Angriffszug „verliert“. Der Wechsel des Ballbesitzes wäre dann oft nur eine Frage der Zeit, verteidigende Mannschaften wären eher im Vorteil. Dadurch würden vermutlich auch weniger Tore fallen. Im Sinne des Fußballs ist das nicht. Ebenso wenig ist die geforderte Einfachheit gewährleistet. Außerdem wäre auch hier wieder vieles Ermessenssache: Wann genau ist ein Angriffszug beendet? Darf der Spieler wieder den Ball berühren, wenn er sich ins Mittelfeld zurückfallen lässt? Und auch das Problem mit der Behinderung des Torhüters wäre nicht eindeutig geklärt (War er nun im Sichtfeld oder nicht?).

Auch eine solche Lösung wäre also bestenfalls halbgar – und würde das Spiel dramatisch verändern. Allrounder, die verteidigen, angreifen und abschließen können, wären gefragter denn je. Schließlich wäre ein torungefährlicher Mittelfeldspieler keine wirkliche Hilfe, wenn er für einen passiv im Abseits stehenden Stürmer in die Spitze nachrücken müsste. Der Stürmer wiederum müsste die Defensivaufgaben des Mittelfeldspielers übernehmen können und entsprechend taktisch geschult sein, und so weiter.

Alternative 3: ?????????

Hier überlasse ich Euch das Feld, gerne aber auch dem „Kaiser“ und seinen Mitstreitern. Viel Spaß bei der vermutlich vergeblichen Suche nach dem heiligen Gral. Denn abgesehen davon, dass das in letzter Instanz verantwortliche International Board Regeländerungen und Neuerungen so offen gegenübersteht wie der Papst gleichgeschlechtlichen Eheschließungen, muss man sich von dem Gedanken freimachen, dass es eine „perfekte“ Abseitsregel gibt.

Fußball ist ein derart komplexes Spiel, dass es unmöglich ist, eine Regel zu finden, die eindeutig ist, fair ist, transparent ist und zugleich alle Diskussionen im Keim erstickt. Und selbst wenn es eine solche Regel gäbe, hieße das noch lange nicht, dass sie dem Spiel auch gut täte. Denn eines muss klar sein: Jede noch so kleine Modifizierung der Abseitsregel verändert das Spiel dramatisch. Ich jedenfalls möchte keine Eishockey-Ergebnisse oder – fast noch schlimmer – 0:0-Resultate als Regelfall, nur damit wir uns die Diskussionen um aktiv und passiv ersparen…

5 Kommentare

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  1. Zane sagt:

    eHi,

    erst Mal ein grosses Lob fuer deinen Blog – gefaellt mir wirklich sehr.

    Zum Thema:
    Das passive Abseits mag seine Schwaechen haben, ist aber absolut der richtige Weg um das Spiel attraktiv und variabel zu halten.
    Im Kicker habe ich einen sehr guten Denkanstoss zur Modifizierung der Regel aufgenommen.

    Passives Abseits wird ueberall ausserhalb des Strafraums angewendet, jedoch wird alles was sich innerhalb der Linien abspielt mit dem altbackenen, antiquitierten strikten Abseits geahndet.
    Das haette den Vorteil, dass Aktionen die zu Toren fuehren, wie sie in den letzten Wochen zu Haufe fielen, leichter zu bewerten waeren – sowohl fuer den Schiedsrichter, als auch fuer andere Beteiligte.
    Es gaebe weniger Spielraum, sondern einen festen Ansatz, der in meinen Augen einige Irritationen vermeiden wuerde.

    Gruesse

  2. Heibel sagt:

    Da sieht man mal, dass es sich eines Tages rächt, den Kicker nicht mehr zu abonnieren ;-)

    Dein Vorschlag ist sicher eine Diskussion wert. Immerhin verändert er das Spiel nicht massiv, behält die positiven Aspekte des passiven Abseits bei – die es ja auch gibt – und löst einige Probleme, die mit ihm einhergehen.

    Diskussionen würde diese Regel nicht unterbinden, aber die gehören zum Fußball auch dazu. Außerdem wüssten Wonti & Co. im „Doppelpass“ gar nicht mehr, worüber sie reden sollten, wenn es keine Streitfälle mehr gäbe

  3. Mattes sagt:

    Ich finde die jetztige Regel eingetlich die beste, einfach um das Spiel schnell und interessant zu gestalten. Aber wenn wir schon am modifizieren sind: Nicht im 16er gibt es passives Abseits nicht mehr, sondern alles was im 5er ist, kann nicht passiv sein.

  4. Dominik sagt:

    Hallo

    Abseits ganz abschaffen! dann muss die Abwehr eben besser aufpassen das niemand im ehemaligen abseits steht! Dann fallen alle Diskussionen weg!
    es fallen Mehr Tore und es wird spannender!

    aber das wäre ja zu einfach,…..da müsste ja niemand mehr nachdenken….

  5. ChrisHoffi sagt:

    Hallo Zusammen!

    Ich bin für eine ganz neue Form des Abseits:
    Meine Auslegung basiert darauf, das in vielen 16 Meter Raum Szenen Abseits entseht in denen ein Tor fällt. Der Ball wurde also nicht aus dem Mittelfeld nach vorne gespielt.

    Also:
    Im Bereich des Mittelfeldes zwischen den 16 Meter Raum Linien sollte es klassisches gutes altes Abseits geben (meist gibt es hier ja auch keine passiven Abseits). Von der Linie des 16 Meter Raums bis zur Torauslinie sollte das Abseits komplett aufgehoben sein.

    Ich denke, dass dies auch dür die Linienrichter und Schiedsrichter einfacher ist und zu mehr Toren führen würde.
    Nicht zuletzt würde auch der Zuschauer es einfacher haben.

    Gruß

    Christian

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