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Sep
22

Das Favre-Vakuum: Wer wird neuer Gladbach-Trainer?

Der überraschende und vielfach kritisierte Rücktritt von Borussia Mönchengladbachs Trainer Lucien Favre stellt Manager Max Eberl vor eine schwierige Aufgabe. Der Schweizer galt als Ideallösung am Niederrhein, sein Nachfolger kämpft gegen einen langen Schatten – und startet mit der Hypothek eines Fehlstarts in Bundesliga und Champions League. Wer aber kommt überhaupt infrage?

 

Jürgen Klopp: Die utopische Lösung

Für die Fans der Borussia gab es am Tag nach dem Favre-Schock keine zwei Meinungen: Allein Klopp könne den Klub zu Ruhm und Ehre führen, teilten die an der Geschäftsstelle versammelten Anhänger am Montag unisono mit. Der Haken: Der frühere Erfolgstrainer von Borussia Dortmund hat kein Interesse an dem Job. „Jürgen wird nicht Trainer von Borussia Mönchengladbach“, stellte Klopp-Berater Marc Kosicke bei sportbild.de klar.

Auch ohne das Dementi musste aber jedem klar sein, dass Klopp sein Sabbatical nicht beenden würde, um die Nummer fünf oder sechs im deutschen Fußball nach einem Katastrophen-Start zu übernehmen. Der 48-Jährige hat sich im internationalen Fußball einen Ruf wie Donnerhall erarbeitet. Er kann es sich leisten, auf einen der Top-Vereine aus England zu warten – oder darauf, dass Bayern München zur kommenden Saison einen Nachfolger für Pep Guardiola sucht.

Prognose: Klopp wird definitiv nicht Trainer in Mönchengladbach.

 

André Schubert: Die interne Lösung

Vorläufig betreut U23-Trainer André Schubert das Profi-Team der Borussia. Als ehemaliger Trainer des SC Paderborn und des FC St. Pauli verfügt der 44-Jährige zumindest über einige Erfahrung in der 2. Bundesliga. Eberl machte klar, dass Schubert eigentlich nur als Interimslösung eingeplant ist. Eberls Worten darf man ruhig trauen.

Dennoch: Es wäre nicht das erste Mal, dass die „kleine Lösung“ zum Start Erfolg hat und dann bleiben darf. So begann unter anderem 1996 beim VfB Stuttgart die Cheftrainer-Karriere eines gewissen Joachim Löw. Weiterer Vorteil: Der kleinen Lösung verzeiht man kleine Rückschläge eher als einem großen Namen.

Prognose: Schubert müsste schon die nächsten zwei Spiele mit 4:0 gewinnen, um eine Chance auf Dauerbeschäftigung zu haben.

 

Thomas Schaaf: Die Lösung Favre „light“

Thomas Schaaf war so etwas wie der Jürgen Klopp der 2000er-Jahre: Als Trainer des größten Widersachers von Bayern München ärgerte er mit Werder Bremen den Rekordmeister ein ums andere Mal, gewann durch spektakulären Offensivfußball viele Bewunderer im In- und Ausland. In den 2010er-Jahren mutierte der 54-Jährige allerdings zum Auslaufmodell.

Schaaf habe keine Alternative zur totalen Offensive und zur Raute im Mittelfeld parat, lautete der Tenor seiner Kritiker während des Werder-Niedergangs nach 2010, der in Schaafs Rücktritt 2013 gipfelte. Nach einem Sabbatjahr bekam Schaaf kein Angebot eines Spitzenklubs mehr und übernahm zur Saison 2014/15 die Frankfurter Eintracht. In „Mainhattan“ stieß der dröge Norddeutsche trotz einer sportlich zufriedenstellenden Saison auf Widerstand in Mannschaft und Vorstand – und schmiss im vergangenen Mai wie nun Favre trotz gültigen Vertrags hin.

Prognose: Schaaf ist ein Sturkopf, keine Frage. Aber Schaaf ist auch ein erfahrener Trainer, der Situationen wie die aktuelle bei der Borussia kennt. Seine offensive Spielphilosophie sollte mit den Möglichkeiten des Gladbacher Kaders kompatibel sein. Eberl wird sicher mit ihm sprechen. Ein Engagement ist vorstellbar.

 

Luhukay, Slomka & Co.: Die Garde der „Verbrannten“

Jos Luhukay (52), Mirko Slomka (48), Christoph Daum (61) oder Felix Magath (62) sind erfahrene Bundesliga-Trainer mit unbestritten vorhandenen Fachkenntnissen und großen Erfolgen in ihrem Portfolio – allerdings liegen diese bereits eine Weile zurück. Was sie ebenfalls verbindet: Ihre letzten Engagements haben ihrem Ruf eher geschadet als genutzt.

Die Verpflichtung eines dieser prominenten Trainer durch Borussia Mönchengladbach würde von der Öffentlichkeit belächelt, wenn nicht kritisch beäugt werden. Der Druck zu liefern ist bei einem „verbrannten“ Coach immer größer als bei einem unbelasteten Übungsleiter. Dennoch muss eine Verpflichtung nicht die schlechteste Wahl sein, sofern man als Verein den erfahrenen Trainer findet, der am besten zum Klub passt.

Luhukay etwa führte Gladbach 2008 zurück in die Bundesliga, hatte aber nie ein gutes Standing bei den Fans. Slomka wurde nach Erfolgen mit Hannover 96 schon als möglicher Bayern-Trainer gehandelt, scheiterte beim HSV nicht zuletzt am schwierigen Umfeld.

Prognose: Es ist sicher nicht die erste Wahl, aber ein Trainer aus der Garde der „Verbrannten“ ist in Mönchengladbach in dieser Phase nicht auszuschließen. Am ehesten dürfte es Slomka werden.

 

Lewandowski, Steffen & Co.: Die „junge“ Lösung

Dass junge Trainer im Trend sind, ist keine Neuigkeit. Zwei klassische Vertreter sind Sascha Lewandowski (43) und Horst Steffen (46). Ersterer führte Bayer Leverkusen zweimal in die Champions League, gilt als ausgesprochener Fachmann. Allerdings zog er sich 2014 überraschend aus der ersten Reihe zurück, um die Jugendmannschaft von Bayer zu betreuen. Am 2. September 2015 vollzog Lewandowski genauso überraschend eine Kehrtwende und heuerte beim Zweitligisten Union Berlin an. Nicht wenige hätten Lewandowskis Neustart im Profifußball bei einem Erstligisten erwartet.

Horst Steffen spielte von 1996 bis 2003 für Mönchengladbach, vier Jahre davon gemeinsam mit Max Eberl. Zwischen 2009 und 2013 war Steffen zudem Jugendtrainer am Niederrhein und führte unter anderem Marc-André ter Stegen an die Profi-Mannschaft heran. Als Trainer des Drittligisten Stuttgarter Kickers hat sich der frühere Mittelfeldspieler seit 2013 auch als Profi-Coach einen Namen gemacht. In der Vorsaison verpassten die kleinen Kickers als Vierter nur knapp die Relegation zur 2. Bundesliga.

Prognose: Lewandowski und Steffen besitzen viele Merkmale, die sie zu einer stimmigen Lösung in Mönchengladbach machen würden. Allerdings stehen beide unter Vertrag. Besonders im Falle Lewandowskis scheint drei Wochen nach dem Amtsantritt ein Abgang unvorstellbar. Bei Steffen ist es schon wahrscheinlicher, dass die Kickers ihrem Trainer bei einer entsprechenden Ablöse keine Steine in den Weg legen würden.

 

Vanhaezebrouck, Riddersholm & Co.: Die überraschende Lösung

Es gibt nicht viele Bundesliga-Vereine, denen man bei der Suche nach einem neuen Trainer den Mut und die Weitsicht zutraut, über den Kreis der üblichen Verdächtigen hinauszublicken. Borussia Mönchengladbach ist so ein Verein. Klar, ein Carlo Ancelotti (wenngleich vereinslos) ist sicher kein Thema. Aber es gibt noch andere Kandidaten, die im Ausland gute Arbeit geleistet haben und womöglich auch während der Saison zu haben wären.

Hein Vanhaezebrouck (51) etwa führte im vergangenen Jahr KAA Gent überraschend zur Meisterschaft in Belgien. Glen Riddersholm (43) machte den Underdog FC Midtjylland mit einer zahlenbasierten Methode im Stile von „Moneyball“ zum Champion in Dänemark. Sicher würden diese Lösungen ein gewisses Risiko bergen. Für Experimente mit einem in Deutschland unbekannten Trainer gibt einige positive Beispiele (u.a. ausgerechnet Favre), aber eben auch negative (u.a. Stale Solbakken, Kasper Hjulmand).

Prognose: Ausschließen kann man die überraschende Lösung nicht. Aber vermutlich wird Mönchengladbach eher einen Trainer mit Erfahrungen im deutschen Fußball und mit der deutschen Medienlandschaft suchen.

1 Kommentar

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  1. h.chinaski sagt:

    Favre hat in den letzten Jahren schon öfter solche Andeutungen gemacht. Insofern kommt der Abgang nicht ganz so überraschend. Insbesondere wenn man sich die Aussagen – a la „auch dieses mal wieder überzeugen“ – aus dem Präsidium anschaut.

    Schubert bekommt die Chance höchstens bis zum Winter. Danach wird er zur U23 zurückkehren. Eine echte Chance kann er nach den Aussagen von Eberl auch nicht mehr bekommen. Alles andere wäre wenig glaubwürdig.

    Ein „Meistertrainer“ aus dem Ausland wäre am Niederrhein mittlerweile gut vermittelbar. Genau wie jemand mit Stallgeruch (Luhukay oder Steffen). Schaaf wäre eine Alternative. Allerdings denke ich, dass er zu ruhig ist um in einem Verein über den auch der Express berichtet arbeiten zu können. Von den „Verbrannten“ bliebe eigentlich nur Slomka. Alle anderen sind als Person zu eigensinnig.

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