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Sep
15

Das wundersame Comeback des Jupp H.

Vor vier Jahren in Mönchengladbach noch mit Morddrohungen bedacht, zwischenzeitlich mehrfach im Vorruhestand, ist Jupp Heynckes heute wieder einer der Star-Trainer in Deutschland. Ein durchaus wundersames Comeback, mit dem niemand mehr rechnen konnte. Zugleich aber auch ein Beispiel dafür, wie kurz der Weg vom Auslaufmodell zum Messias im Fußball manchmal sein kann.

„Die Wetterkarte ist interessanter als ein Gespräch mit Jupp Heynckes.“ (Christoph Daum)

Langweiliges Training, antiquierte Ansichten, Taktik aus der Steinzeit – solchen und ähnlichen Vorwürfen sah sich der Fußballlehrer Josef Heynckes aus Mönchengladbach noch vor wenigen Jahren ausgesetzt. In Schalke wurde er dem Spott preisgegeben, weil er die beiden Linksfüßer Bordon und Krstajic nicht gemeinsam in der Innenverteidigung spielen lassen wollte. In Frankfurt macht man ihn heute noch für den Niedergang der Eintracht ab Mitte der 1990er Jahre verantwortlich. Auf der anderen Seite beendete Heynckes 1998 aber auch die 32-jährige Durststrecke von Real Madrid in der Champions League (bzw. im Europacup der Landesmeister) und darf aktuell das Starensemble des FC Bayern München befehligen. Was ist der 66-jährige nun: Don oder Depp – oder vielleicht doch einfach nur Jupp? Ein Rückblick auf eine wechselhafte Trainerkarriere.

1979 bis 1987: Borussia Mönchengladbach
Gladbach, die erste. Nach 220 Treffern in 369 Bundesligaspielen (davon 195 Tore für Mönchengladbach) stieg Jupp Heynckes nach seinem Karriereende 1979 direkt in den Trainerstab der „Fohlen“ auf. Zunächst als Co-Trainer von Udo Lattek, ab der Saison 1979/80 gar als Chef. Titel gewann Heynckes zwar keine, erreichte aber in acht Jahren vier Mal einen UEFA-Cup-Platz. Außerdem formte er Talente wie Lothar Matthäus und Helmut Rahn zu Stars. 1987 wurde er vom FC Bayern abgeworben, wo er abermals die Nachfolge von Udo Lattek antrat.

1987 bis 1991: Bayern München
Bayern, die erste. Obwohl Jupp Heynckes mit den Bayern zweimal den Meistertitel gewinnen konnte (1989, 1990), war seine Bayern-Zeit nicht immer erfolgreich. Zwei verlorene Meistertitel gegen Außenseiter (Bremen 1988, Kaiserslautern 1991) hinterließen ebenso Spuren wie das nicht gehaltene Versprechen vom Europacup-Sieg. Nach miesem Start in die Saison 1991/92 wurde Heynckes von seinem langjährigen Freund Uli Hoeneß entlassen.

1992 bis 1994: Athletic Bilbao
Bilbao, die erste. Nach einem neunmonatigen „Sabbatical“ begab sich Jupp Heynckes im Sommer 1992 auf neues Terrain: Er übernahm das Traineramt beim spanischen Erstligisten Athletic Bilbao und ging damit gleich zwei Risiken ein. Zum einen musste Heynckes eine neue Sprache lernen, zum anderen rekrutiert sich die Mannschaft von Bilbao traditionell ausschließlich aus baskischen Spielern. Das wäre in etwa so, wie wenn der Hamburger SV nur Spieler aus der Hansestadt beschäftigen dürfte. Unter diesen Voraussetzungen erzielte Heynckes aber durchaus gute Resultate: im ersten Jahr Platz 8, im zweiten Platz 5 und die UEFA-Cup-Qualifikation.

1994 bis 1995: Eintracht Frankfurt
Mit frischem Rückenwind und aufpoliertem Image übernahm Jupp Heynckes 1994 die „Diva vom Main“. Die Eintracht hatte in den drei Jahren zuvor die Liga mit ihrem Spiel verzaubert, aber keinen Titel gewonnen. Das sollte sich unter Heynckes ändern. Trotz der Abgänge der Alt-Stars Uwe Bein und Uli Stein besaß die Mannschaft um Anthony Yeboah, Maurizio Gaudino, Jay-Jay Okocha und Andreas Köpke jede Menge Qualität. Doch nach mäßigem Saisonstart eskalierte die Lage, Heynckes legte sich vor allem mit der Technikerfraktion um Yeboah, Gaudino und Okocha an, die seiner Meinung nach eine lasche Berufsauffassung an den Tag legte. Es kam zum Eklat, die drei Stars meldeten sich geschlossen krank und wurden in der Folge suspendiert. In der Winterpause verließen Yeboah und Gaudino den Verein, Okocha wurde schließlich begnadigt. Sportlich ging es jedoch keineswegs aufwärts. Der einstige Meisterschaftsanwärter und Heynckes gingen bereits im Frühjahr 1995, auf Rang 13 liegend, getrennte Wege. In der Folgesaison stieg die SGE ab, nicht wenige gaben und geben Heynckes für diese Negativentwicklung die Schuld.

1995 bis 1997: CD Teneriffa
Wieder ging Jupp Heynckes nach einem Nackenschlag nach Spanien, dieses Mal auf die kanarischen Inseln zum CD Teneriffa. Im ersten Jahr erreichte Heynckes mit einer No-Name-Truppe den UEFA-Cup-Platz, in der Folgesaison führte er das Team ins Halbfinale des Wettbewerbs, wo man am späteren Sieger Schalke 04 knapp scheiterte. Danach bekam Heynckes ein Angebot, das er nicht ablehnen konnte: Er übernahm zur Saison 1997/98 Real Madrid.

1997 bis 1998: Real Madrid
Was nicht (mehr) viele wissen: Eigentlich wollten die „Königlichen“ im Jahr 1997 Ottmar Hitzfeld, den Trainer des frisch gebackenen Champions League-Siegers Borussia Dortmund, als Nachfolger von Meistertrainer Fabio Capello verpflichten. Nachdem der jedoch wegen Amtsmüdigkeit abwinkte, erhielt Heynckes den Zuschlag. Seine Aufgabe beim größten Club der Welt: Meister werden (sowieso), Pokalsieger werden (wenn’s geht), Champions League-Sieger werden (nach 32 Jahren wäre es mal an der Zeit). Heynckes erreichte mit seiner Star-Truppe um Raul, Roberto Carlos, Davor Suker, Fernando Redondo oder Clarence Seedorf jedoch „nur“ den Champions League-Sieg. Dadurch war Heynckes natürlich nicht mehr tragbar. Tschö, Don Jupp!

1999 bis 2000: Benfica Lissabon
Nach dem Aus bei Real legte Heynckes zunächst wieder ein Jahr Pause ein. Sein nächster Arbeitgeber wurde 1999 der portugiesische Rekordmeister Benfica Lissabon. Einer seiner ersten Transfers war der des damals 22-jährigen Torhüters Robert Enke, den Heynckes gleich zum Kapitän ernannte. Die Saison 1999/2000 beendete Benfica jedoch nur auf Platz 3, nach mäßigem Start in die Saison 2000/01 folgte im September 2000 die Trennung.

2001 bis 2003: Athletic Bilbao
Bilbao, die zweite. Wieder hatte der Ruf von Jupp Heynckes gelitten, wieder ging er zu einem kleineren Verein in Spanien. Und wieder hatte er verhältnismäßigen Erfolg: 2002 Platz 8, 2003 Platz 7 in der Primera Division. In der Folge lockte erneut ein großer Name.

2003 bis 2004: Schalke 04
Nach den gescheiterten Experimenten Frank Neubarth und Marc Wilmots auf der Trainerbank holte S04-Manager Rudi Assauer im Sommer 2003 den „alten Hasen“ Jupp Heynckes nach Gelsenkirchen. Der musste sich jedoch allzu bald den Vorwurf gefallen lassen, antiquiert trainieren und spielen zu lassen (Manager Assauer: „Der Jupp ist ein Fußballer der alten Schule, aber wir haben 2004“). Auch die prominent besetzte Mannschaft maulte ob des Führungsstils des Trainers, der scheinbar nur im Ausland respektiert wurde. Am Ende der Saison erreichte S04 lediglich Platz 7, hinter dem kleinen Nachbarn aus Bochum und – fast noch schlimmer – hinter Borussia Dortmund. In der Frühphase der Saison 2004/05 wurde der Widerstand gegen Heynckes innerhalb der Mannschaft dann so groß, dass der Vorstand die Reißleine zog.

2006 bis 2007: Borussia Mönchengladbach
Gladbach, die zweite. Eigentlich hatte Jupp Heynckes nach der Negativerfahrung Schalke mit dem Trainerdasein abgeschlossen. Aus Verbundenheit zur Borussia und aus Freundschaft zu Präsident Rolf Königs sagte er jedoch letztlich zu und übernahm die Nachfolge seines alten Weggefährten und ehemaligen Co-Trainers Horst Köppel. Nach gutem Start stürzte die Elf vom Niederrhein jedoch ab Mitte der Hinrunde ab und fand sich zur Winterpause in der Abstiegsregion wieder. Auch in Mönchengladbach wiederholten sich die Szenen aus Frankfurt und Schalke: Fans und Mannschaft machten mobil gegen den Trainer, der sogar Morddrohungen erhielt. Im Januar 2007 nahm Heynckes scheinbar endgültig seinen Abschied vom Fußballgeschäft.

2009: Bayern München
Bayern, die zweite. Weil nach der Entlassung von Jürgen Klinsmann dringend eine Interimslösung auf der Bayern-Bank hermusste, ließ sich Vorruhestandler Heynckes von seinem alten Freund Uli Hoeneß breitschlagen. Alle fanden das dufte: Die Mannschaft spielte wie befreit (Bild-Schlagzeile: „Es juppt wieder“), der Vorstand freute sich über einen echten „Fußballlehrer“ und das Erreichen von Minimalziel Platz zwei, und auch die Branche wurde noch einmal aufmerksam auf „Don Jupp“. Allen voran Bayer Leverkusen, das nach der Entlassung von Bruno Labbadia einen neuen Coach brauchte. Auf einmal war Heynckes wieder im Geschäft. Und das gleich bei einem solide geführten Verein mit talentierter Mannschaft.

2009 bis 2011: Bayer Leverkusen
Fast hätte Jupp Heynckes den ewigen Vize zum Meister gemacht. Im ersten Jahr blieb Bayer die ersten 24 Spieltage ungeschlagen. Erst der obligatorische Einbruch im Frühling verhinderte den Titel, am Ende verpasste Leverkusen als Vierter gar die Champions League-Qualifikation. In seinem zweiten Jahr hatte Heynckes dann nur zwei Probleme: Das Dauer-Knatsch-Thema Michael Ballack und eine überragend aufspielende Borussia aus Dortmund. Diese beiden Faktoren verhinderten den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte, bescherten Bayer aber immerhin den ersten „Vizekusen“-Titel seit 2002. Und Jupp Heynckes hatte erstmals seit 20 Jahren seinen guten Ruf über zwei Trainerstationen konservieren können.

2011 bis ? : Bayern München
Prompt folgte die Belohnung: Ein Vertrag beim FC Bayern – sein dritter –, begünstigt durch die Ideenlosigkeit des Bayern-Vorstands, der seit Jahr und Tag nur einer Maxime folgt („Nichts ist erfolgreicher als der Erfolg“) und damit in einem Jahr besser und im nächsten schlechter fährt. In der noch jungen Saison 2011/12 scheint es gut zu laufen, doch das muss nicht heißen, dass Heynckes das Ende seiner Vertragszeit im Sommer 2013 noch als Bayern-Coach erlebt. Dennoch viel Glück dabei. Danach wird jedenfalls sicherlich Schluss sein – oder etwa doch nicht…?

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