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Okt
06

Der 1. FC Köln: Überraschungsteam oder Kurzzeit-Phänomen?

Spätestens nach dem 1:1 bei Serienmeister Bayern München hat der 1. FC Köln die Aufmerksamkeit von ganz Fußball-Deutschland sicher. Neben dem deutlich finanzkräftigeren Aufsteiger RB Leipzig sind die Geißböcke die positive Überraschung der noch jungen Saison 2016/17.

Woher kommt der Höhenflug des FC, der zuletzt vor 27 Jahren nach dem 6. Spieltag unbesiegt war? Und hält er solange an, dass die Verantwortlichen irgendwann gar das (Un-)Wort „Europapokal“ in den Mund nehmen müssen? Der Aufschwung jedenfalls ist auf soliden Beinen gebaut und hat mehrere Väter.

Peter Stöger: Trainer mit Feinsinn und Selbstironie

Seit seinem Amtsantritt im Juli 2013 kokettiert Peter Stöger mit Vorliebe damit, dass man mal abwarten müsse, wie lange sich „dieser Ösi“ beim FC noch im Amt halten kann. Allmählich hat sich der Gag totgelaufen: Lediglich die Trainer-Legenden Hennes Weisweiler und Christoph Daum haben häufiger auf der Kölner Bank gesessen. Und Stöger hat ja erst Anfang des Jahres seinen Vertrag bis 2020 verlängert. Aktuell sitzt er beim 1. FC Köln, der in den vier Jahren vor ihm sieben (!) Trainer verschliss, bombenfest im Sattel – aus gleich mehreren Gründen.

Zum einen der Erfolg: Aufstieg als Zweitliga-Meister 2014, souveräner Klassenerhalt 2015, erster einstelliger Tabellenplatz seit 24 Jahren am Ende der vergangenen Saison und nun der Raketenstart in seine vierte Spielzeit. Unter dem Österreicher ging es immer nur bergauf. Stöger ist dabei kein Trainer, der seine Philosophie auf Gedeih und Verderb durchzieht. Vielmehr orientiert er sich am Machbaren. Eine stabile Defensive geht vor, aus dieser heraus – und mit dem Erfolg als Ruhekissen – wurde auch das Offensivspiel in seinen bisherigen 40 Amtsmonaten peu à peu flexibler und risikoreicher.

Weiterhin tut sich Stöger zwischenmenschlich hervor: Trainerkritik eines unzufriedenen Spielers über die Presse gehört beim FC der Vergangenheit an. Stöger meistert bislang den Spagat, seinen Lieblingen totales Vertrauen auch gegen öffentliche Widerstände entgegenzubringen (Modeste, Osako), auf der anderen Seite aber auch die Reservisten bei Laune zu halten. Nachwuchskräfte aus dem eigenen Unterbau haben ebenso die Chance auf Einsätze wie Millionentransfers oder wochenlange Bankdrücker. Einzige Voraussetzung: Die Leistung muss stimmen.

Dazu ist der Wiener vom ersten Arbeitstag an mit einem Kopfsprung in das Lebensgefühl der Domstadt eingetaucht. Stöger erfreut sich am Karneval und der kölschen Lebensart, hat dazu einen bestechenden trockenen Humor. Das kommt an bei den Fans und nicht zuletzt auch den Medien. Nicht zu vergessen: Stöger besitzt ein blaues Glücks-Poloshirt, das er seit dem Saisonauftakt bei jedem Spiel getragen hat. Bilanz: drei Siege, drei Unentschieden. Damit ist natürlich klar, dass am Tragen dieses Shirts das Wohl und Wehe des Vereins hängt…

Jörg Schmadtke: Einer der besten Macher der Liga

Man kann Peter Stöger nicht loben, ohne in einem Atemzug den Namen von Jörg Schmadtke zu nennen. Der Geschäftsführer Sport wurde 2013 nur wenige Wochen nach Stöger installiert, im vergangenen Februar verlängerte gemeinsam mit dem Trainer bis 2020. „Mal sehen, wer länger aushält“, scherzte der bisweilen knorrige Düsseldorfer damals. Nicht auszuschließen, dass beide ihre Verträge mindestens erfüllen.

Der FC kann jedenfalls von Glück sagen, dass sich der Wechsel des einstigen Erfolgsmanagers von Alemannia Aachen und Hannover 96 im Frühsommer 2013 zum Hamburger SV oder zu „seiner“ Düsseldorfer Fortuna zerschlug und Schmadtke sich letztlich für Köln entschied. Der bislang eingeschlagene Weg kann sich sehen lassen.

Auch in Köln war Schmadtke sein Transferglück, das gewiss wenig mit Zufall zu tun hat, treu. Anthony Modeste, Marcel Risse, Leonardo Bittencourt, Dominique Heintz oder Marco Höger sind so etwas wie Preis-Leistungs-Sieger auf dem immer verrückter werdenden Transfermarkt. Schmadtke macht als einer der wenigen Bundesliga-Manager den Hype nicht mit – und lächelt die Kritik mancher Medien, ihm fehle die nötige Risikobereitschaft, einfach weg. Für ihn spricht, dass Köln seine Transfertätigkeiten regelmäßig bereits abgeschlossen hat, wenn andere Vereine erst so richtig mit dem Ein- und Verkaufen beginnen.

In sieben Transferperioden unter Schmadtke hat der FC-Kader kontinuierlich an Qualität hinzugewonnen. Und dabei hat der Chef-Einkäufer sogar noch einen Transferüberschuss von immerhin 720.000 Euro erzielt. Zum Vergleich: Der mindestens genauso ruhmreiche und ambitionierte Hamburger SV hat im selben Zeitraum ein Minus von 43,2 Millionen erzielt – und sich dabei sportlich in vier Jahren keinen Meter nach vorne bewegt.

Allerdings hat Schmadtke auch ein ordentlich bestelltes Feld vorgefunden. Als Konsequenz aus dem fünften Abstieg im Mai 2012 wurde in Köln nämlich der krasseste Personaleinschnitt der Vereinsgeschichte vollzogen. Kaum einer der Absteiger von 2012 durfte bleiben. Es öffnete sich die Tür für No Names wie das damals 19 Jahre alte Torwarttalent Timo Horn oder einen gewissen Jonas Hector, der zuvor in der FC-Reserve spielte.

Horn ist heute Olympia-Silbermedaillengewinner und wie der mittlerweile 22-malige Nationalspieler und EM-Teilnehmer Hector so etwas wie das Tafelsilber der Geißböcke. Dass diese beiden und weitere begehrte und begabte Spieler langfristig an den Klub gebunden sind, ist vor allem Schmadtkes Verdienst.

Finanzminister Alexander Wehrle: Raus aus den Schulden

Das Fundament für Schmadtkes Spielraum bei Vertragsgesprächen legt die Wirtschaft. Und hier hat Finanz-Geschäftsführer Alexander Wehrle die Weichen auf Erfolg gestellt. Steckte die Profiabteilung beim Amtsantritt des Schwaben im Januar 2013 noch tief in den roten Zahlen, lesen sich die jüngsten wirtschaftlichen Ergebnisse geradezu märchenhaft: Mit 107 Millionen Euro Umsatz knackte der FC in der vergangenen Saison erstmals die 100-Millionen-Marke. Auch der Gewinn von 6,4 Millionen Euro nach Steuern bedeutet eine Bestmarke, das Eigenkapital stieg von 2,7 auf 9,2 Millionen Euro. Köln ist zwar weit davon entfernt, wieder ein wohlhabender Klub zu sein. Doch der Grundstein für größere Investitionen ist gelegt – und die stetig wachsende Zahl der Mitglieder sowie deutschlandweit wachsende Sympathiewerte sind ebenfalls bare Euros wert.

Ein Spinner, ein Karnevalist und der Tünn: Triumvirat im Hintergrund

Ein Vorstandsposten beim 1. FC Köln war lange Jahre gleichbedeutend mit einer Bühne für eitle Selbstdarsteller. Dagegen hält sich das bei seiner Wahl im Frühjahr 2012 durchaus kritisch beäugte Spitzentrio um Präsident Werner Spinner, Markus Ritterbach und Torwartidol Toni Schumacher wohltuend zurück. Die hohen Herren sind eher Supervisoren der Exekutive um Schmadtke und Wehrle als Schreihälse, die öffentlich auf den Tisch hauen und nach Erfolgen rufen – aber kein Konzept parat haben, wie diese errungen werden können.

Eine Mannschaft mit Zukunft

Eigentlich müsste man die Spieler an viel früherer Stelle nennen. Immerhin sind sie es, die Woche für Woche den Geißbock auf der Brust tragen und letztlich über Wohl und Wehe des Vereins entscheiden. Doch dass sich die Mannschaft so positiv entwickeln konnte, wäre ohne die Arbeit der vorhergenannten Herren kaum möglich gewesen.

Zu den nackten Zahlen: Die Kölner stellen aktuell mit 24 Spielern den kleinsten Profikader der Liga. Der Altersschnitt von 25 Jahren liegt im guten Liga-Mittelfeld, einziger Stammspieler über 30 Jahre ist Kapitän Matthias Lehmann (33). Kein Erstligist hat weniger ausländische Spieler im Kader als Köln (10). Nimmt man den durchschnittlichen Marktwert der Spieler (Quelle: transfermarkt.de), stehen die Geißböcke mit 3,08 Millionen auf Rang sieben im Ligavergleich – ein beachtlicher Wert.

Eine weitere aussagekräftige Statistik: Acht Spieler sind bis mindestens 2020 vertraglich an den Verein gebunden, darunter die Stützpfeiler Hector, Modeste und Bittencourt. Die Arbeitspapiere von lediglich sechs Profis enden bis 2018. Zwar muss ein Verein wie Köln immer damit rechnen, dass größere bzw. reichere Klubs Leistungsträger mit Unsummen locken, doch selbst in diesem Fall würde es zumindest kräftig in der Vereinskasse klingeln. Jüngstes Beispiel ist der 13-Millionen-Transfer von Eigengewächs Yannick Gerhardt zum VfL Wolfsburg.

Anders ausgedrückt: Auch eventuelle „Verluste“ von Timo Horn oder Hector würden den Klub nicht als Verlierer dastehen lassen. Dies ist möglich, weil der Kader einen Wert hat, der auf dem heutigen Transfermarkt Gold wert ist: Entwicklungspotenzial. Die Aktien vieler Spieler haben ihren Höchststand noch nicht erreicht. Umso bemerkenswerter, dass sich Spieler wie Hector, Bittencourt und auch Modeste – wenn auch Letzterer nach einigem Gezeter und Gezicke – im Sommer langfristig an Köln gebunden haben. „Das ist ein starkes Statement“, fasste Schmadtke zusammen.

Soft Skills: Mentalität, Zusammenhalt, Identifikation

Der 1. FC Köln ist ein großer und stolzer Verein. Erster Bundesligameister, jahrzehntelang Europapokal-Dauergast, und und und. Zum Selbstverständnis eines solchen Klubs gehörten auch dann noch große Namen, als der Verein sportlich längst nur noch eine kleine Rolle spielte. Teure wie lustlose Alt-Stars und der eine oder andere unberechenbare Lebenkünstler trugen bis in die frühen 2010er-Jahre hinein die Hoffnungen des Klubs und seiner treuen Anhänger. Mittendrin der bereits als Jungspund zur lebenden Vereinslegende aufgestiegene Lukas Podolski, den sowieso alle am liebsten hatten.

Auf dem Papier hatte der FC auf diese Weise eigentlich immer eine schillernde Truppe beisammen. Aufgrund einer gewissen Söldnermentalität sowie des ständigen Kommens und Gehens wegen einer nicht vorhandenen Transferphilosophie mündete das alles aber, nun ja, in fünf Abstiege zwischen 1998 und 2012.

Mittlerweile weht auch „dank“ des finanziellen Beinahe-Kollapses nach Abstieg Nummer fünf ein anderer Wind. Der FC hat in Zeiten der Globalisierung gewissermaßen eine Rolle rückwärts in vermeintlich vergangene Epochen gemacht. Seit vier Jahren beschäftigt der Klub vermehrt Spieler mit einer Verwurzelung in der Region oder einer hohen Identifikation mit dem Verein und seinen Werten.

Mit dieser Strategie ist in kleinen Schritten ein geschlossenes Team herangereift, das auch die Fans wieder bedingungslos hinter sich weiß. Mittlerweile loben Neuzugänge nach wenigen Wochen überschwänglich die familiäre Atmosphäre rund um das Geißbockheim. 2011 noch wäre ein sensibler Leistungsträger wie Pedro Geromel Tage vor dem Saisonstart am liebsten vor den Intrigen und der schlechten Stimmung geflohen.

Kontinuität und Erfahrung – Ruhe auch bei Rückschlägen

Für den Verein und das gesamte Umfeld gilt mittlerweile auch, was Sportskamerad Geromel in Köln nie nachhaltig erlebt hat: Es herrscht eine ruhige Atmosphäre, in der der Erfolg gedeihen kann. Natürlich tragen auch die guten Ergebnisse und das smarte Erwartungsmanagement dazu bei, dass es seit vier Jahren so ruhig ist, aber dennoch: Wo einst der „FC Hollywood light“ immer für eine Skandal-Schlagzeile gut war, dringt heute kaum noch im negativen Sinne Spektakuläres nach außen. Beinahe ein bisschen leverkusen-langweilig ist es geworden beim EffZeh. Doch genau das braucht ein Verein in unserer hektischen Zeit.

Die Ruhe und Kontinuität erfasst alle Ebenen. Seit 2013 sind die Schlüsselstellen rund um die Mannschaft mit den gleichen Köpfen besetzt. Ohne Ballyhoo wird eine Entwicklung auf allen Ebenen kontinuierlich und oftmals auch selbstkritisch vorangetrieben.

Diese Entwicklung macht sich auch auf dem Rasen bemerkbar. Vereinzelte Niederlagen haben das Team seit dem Wiederaufstieg nicht aus der Bahn geworfen. An den letzten 74 Spieltagen stand der 1. FC Köln nicht ein einziges Mal auf einem Abstiegsplatz.

Nun scheint die Entwicklung aber eine neue Ebene erreicht zu haben: Saisonübergreifend seit elf Ligaspielen ist der 1. FC Köln ohne Niederlage. Dabei kam das Team in fünf Spielen sogar nach Rückständen mindestens noch zu einem Remis, zweimal sogar zum Sieg. Es ist nicht lange her, da wäre ein Rückstand für die nicht gerade aufbaustarken Kölner quasi einer Niederlage gleichgekommen.

Was ist also möglich für den 1. FC Köln?

Es sei „Blödsinn, nach sechs Spieltagen über Europa zu reden“, sagte Sportchef Schmadtke unlängst. Nun ja, Blödsinn ist es nicht. Der FC Augsburg 2015 und der FSV Mainz in der Vorsaison haben vorgemacht, dass es auch ein „Kleiner“ in den Europapokal schaffen kann. Dazu gehört allerdings, dass die Konkurrenz mitspielt. Oder präziser: nicht mitspielt.

Von seiner Geschichte und seinem Stellenwert her gehört der 1. FC Köln zwar zu den fünf größten Klubs in Deutschland, doch in Relation zum Rest der Liga gehören die Rheinländer tatsächlich nicht zu den Big Playern. Bayern München und auch Borussia Dortmund sind in allen Belangen Lichtjahre entfernt, Leverkusen und Mönchengladbach sowie Schalke und Wolfsburg wirtschaftlich und vom fußballerischen Potenzial auch mindestens eine Klasse über dem FC anzusiedeln.

Muss dennoch der 7. Rang das höchste der Gefühle sein? Nein! Wenn nicht am Ende der Saison 2017, dann spätestens in ein paar Jahren wird Köln wieder Europapokalluft schnuppern – vorausgesetzt, der Verein verfällt nicht in alte Torheiten. Aber das werden die Leute an den Schaltstellen schon verhindern.

1 Kommentar

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  1. Aaron sagt:

    Für mich ist Köln ein sehr guter Verein und das sage ich als Gladbacher. In den nächsten 5 Jahren werden sie mindestens 1 mal champions league spielen. Sind leider auch Finanziell aufgestellt.

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