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Sep
19

Der Aktives Abseits-Kinotipp: Rudi Völler in „Psycho reloaded“

Erst im Mai hatte ich mich der Frage gewidmet, warum man Rudi Völler scheinbar jeden Ausraster verzeiht. Nun hat der „nette Rudi“ wieder zugeschlagen: Nach dem 1:4 von Bayer Leverkusen gegen den 1.FC Köln stauchte Völler das Schiedsrichtergespann noch auf dem Platz zusammen. Dieses Mal bleibt ein Rüffel wohl nicht aus. Wird auch mal Zeit.

Einst war Rudi Völler ein gefeierter Fußballer. Ein Mann für die wichtigen Tore in seinen Klubs und in der Nationalmannschaft, dem der gemeine Fan nicht zuletzt wegen seiner Bodenständigkeit und seines kultigen Aussehens (ewige Lockenmatte und unverwüstlicher Schenkelbesen) die Millionen auf dem Konto gönnte. Und Rudi Völlers Popularität hielt auch nach dem Ende der Spielerkarriere an. Den Gipfel seiner Popularität erreichte „Tante Käthe“ im Jahr 2002, als er die Nationalmannschaft als Teamchef zum zweiten Platz bei der Weltmeisterschaft führte.

Heute haut man niemanden mehr vom Hocker, wenn man andere Gründe für diesen Finaleinzug anführt als die Finesse und das Gespür des Fußballlehrers Rudi Völler. Es hat nicht einmal des Philipp Lahm-Buchs bedurft, um begreiflich zu machen, dass der zweite Platz in Japan/Südkorea vor allem auf das Konto von Oliver Kahn, Losglück, Michael Ballack, Oliver Kahn, Schussglück und Oliver Kahn ging – auch wenn die „Ein Rudi Völler“-Gesänge damals anderes suggerierten.

Rudi Völler: Konkursverwalter der Ären Vogts und Ribbeck

Letzten Endes war der Teamchef Rudi Völler sogar mit dafür verantwortlich, dass der deutsche Fußball nach dem Tiefpunkt 2000 und dem Zwischenhoch 2002 im Jahr 2004 einen neuerlichen Nackenschlag erhielt. Immerhin ließ Völler in seiner gesamten Amtszeit ein antiquiertes System spielen: 2002 gab Carsten Ramelow als Abwehrchef eine Art Libero, Thomas Linke und Christoph Metzelder assistierten ihm als Manndecker. Hinzu kamen die Außenverteidiger Ziege bzw. Bode (links) sowie Frings (rechts). Fertig war der Fünfer-Abwehrriegel. Der Erfolg gab Völler Recht, bis zum Finale kassierte Deutschland nur ein Gegentor.

Doch was 2002 noch Erfolg brachte, erwies sich bei der EURO 2004 als überholt. Der Fußball gegen stärkere Gegner war uninspiriert, die Abwehr anfällig. Am Ende schaffte die deutsche Bestbesetzung gegen Lettland gerade mal ein glückliches 0:0, gegen die B-Elf der Tschechen setzte es sogar ein 1:2. Allenfalls beim 1:1 gegen die Niederlande wusste die Mannschaft streckenweise zu überzeugen. Zwei Punkte und zwei Tore genügten jedoch nicht fürs Weiterkommen. Deutschland war zwei Jahre vor der Heim-WM wieder (fast) am Tiefpunkt, Rudi Völler trat am Tag nach dem EM-Aus zurück.

Bemerkenswert: Damals suchte niemand die Schuld beim Teamchef. Vielmehr wurde Rudi Völlers Rücktritt mit Bedauern aufgenommen, das Gros der Medien und der Fans hätte seinen Verbleib gutgeheißen. Insofern muss man rückblickend sagen: Danke Rudi, dass du damals den Weg frei gemacht hast. Denn letzten Endes hat „Rudi Nazionale“ den bitter nötigen Neustart um vier weitere Jahre hinausgezögert, und mit seinem Verbleib hätte er ihn um weitere zwei Jahre verschoben.

Rudi Völler war der Konkursverwalter der Ären Vogts und Ribbeck. Er hatte trotz seiner Popularität und seines Standings nicht die „Eier“, beim DFB etwas zu ändern. Dazu musste erst der „Revoluzzer“ Jürgen Klinsmann kommen, der anfangs belächelt, dann kritisiert, 2006 gefeiert und mittlerweile wieder belächelt wird. Auch wenn man heute weiß, dass Jogi Löw bereits als Klinsmanns Co-Trainer einen großen Einfluss auf Taktik und Spielphilosophie hatte, darf man Klinsmanns Verdienste ruhig häufiger würdigen. Denn bei allem Respekt für die Arbeit von Löw, wer hätte 2004 schon einen mäßig erfolgreichen und zu der Zeit arbeitslosen Vereinstrainer als Bundestrainer installiert – geschweige denn, dessen Reformvorschläge umgesetzt?! Doch weiter im Text…

Rudi Völler: Ausraster, Pöbeleien – Darf der Mann alles?!

Seit 2005 ist Rudi Völler wieder Sportdirektor bei Bayer Leverkusen. Dort macht er vor allem mit verbalen Entgleisungen von sich reden. So echauffierte er sich am vergangenen Samstag über die scheinbare Unverhältnismäßigkeit der Entscheidungen von Schiedsrichter Günter Perl beim 1:4 von Bayer gegen den Lokalrivalen 1.FC Köln. Sicher, Lukas Podolski hätte für seine Aktion gegen André Schürrle Gelb sehen müssen, doch Letzterer ist wegen seines gesundheitsgefährdenden Einsteigens gegen Christian Eichner beim Stand von 1:3 kurz vor Schluss nicht zu Unrecht vom Platz geflogen. Völler sah das natürlich ganz anders.

Überhaupt, der FC. Geht es gegen den rheinischen Rivalen, gerät „Tante Käthe“ besonders in Wallung. So rief er im Mai 2011, nach dem 0:2 seiner Mannschaft gegen die „Geißböcke„, Schiedsrichter Deniz Aytekin nach: „Pfeif doch Frauenfußball! So ein Mist, jeden Mückenstich pfeift der, das ist unfassbar.“

Legendär auch Völlers provokante Aussage in Richtung des rheinischen Rivalen aus dem Jahr 2008, wonach die Leute ins Rhein Energie-Stadion „nur wegen der 20 Minuten vor dem Spiel“ gehen. In der Tat muss es frustrierend sein, wenn man seit Jahren einen tollen Kader beisammen hat, aber so ein anderer Verein trotz mäßigen Erfolges und offensichtlichen Dilettantismus jede Woche vor vollem Haus spielt, während man seine eigene Hütte nur mit Mühe und Not gefüllt bekommt.

Doch der „liebe Rudi“ kann auch gegen andere Gegner bissig sein: Einigen Fußball-Fans ist sicher noch der Ausraster aus dem Jahr 2005 in Wolfsburg bekannt. Damals fühlte sich der Bayer-Sportdirektor nach der 1:2-Pleite von Leverkusen beim VfL dermaßen benachteiligt, dass er mit hochrotem Kopf und Zornesfalte auf der Stirn das Unparteiischen-Gespann um Peter Sippel gestenreich und lautstark noch auf dem Platz zusammenfaltete. Der DFB strengte damals übrigens ein Verfahren an, dass überraschenderweise (hüstel) ohne Ergebnis blieb. Völler, 90-facher Nationalspieler und ehemaliger DFB-Teamchef, durfte also ungestraft seiner Wut vor einem Millionenpublikum freien Lauf lassen und die Autorität des Schiedsrichters öffentlich untergraben. Das fällt wohl in die Rubrik “Emotionen, die zum Fußball gehören“. Naja, er wäre wohl nicht so glimpflich davon gekommen, wenn Mikrofone Völlers Wutausbruch aufgezeichnet hätten. Aber war da nicht auch mal was? Genau…

Island 2003: Tiefpunkt des deutschen Fußballs und/oder Tiefpunkt von Rudi Völler?

Wirklich jeder kennt den Völler-Ausraster von Reykjavik im August 2003. Deutschland hatte sich in der EM-Qualifikation gerade ein 0:0 auf Island erzittert, und Rudi Völler platzte – angestachelt von der Kritik Gerhard Dellings und Günter Netzers – an einem Samstagabend zur besten Sendezeit der Allerwerteste. Völler nahm Worte wie „Scheiß“ in den Mund und übte eine Generalkritik an den deutschen Medien und deren Verständnis von der Fußballwelt. Ferner unterstellte er Moderator Waldemar Hartmann, während der Arbeit zu trinken. (Ok, „Waldi“ hat das seinem Duzfeund Rudi nicht krumm genommen, vielmehr hat er sogar noch davon profitiert und sein Einkommen dank ein paar Werbespots für einen Weizenbierhersteller aufgebessert. Besser macht das die Sache aber nicht).

Und all das geht einfach nicht. Wären Christoph Daum, Berti Vogts oder sonst irgendwem diese Worte „rausgerutscht“, wären sie rausgeschmissen worden, ehe sie selbst hätten zurücktreten können. Doch „dem Rudi“ verzeiht man so was. Vielmehr erhielt Völler sogar noch Beifall. Viele Politiker, Schauspieler und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens bekannten freimütig, dass sie auch einmal gerne so vom Leder ziehen würden. Warum sie es dann nicht einfach tun? Vermutlich, weil sie dann ihren Job los wären und ihr Image irreparabel geschädigt wäre. Doch warum ist das bei Völler anders? Eine rationale Antwort darauf gibt es nicht. Man hat das Gefühl, dass Rudi Völler totale Narrenfreiheit in seinen Äußerungen besitzt. Doch mit welcher Legitimation?!

Man darf vorsichtig gespannt sein. Schiedsrichter Perl hat Völlers Verbalattacke vom Samstag im Spielberichtsbogen vermerkt, der DFB wird sich also damit befassen müssen. Was da wohl rauskommt…

1 Kommentar

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  1. Jay Göppingen sagt:

    Völler nervt langsam wirklich. Als Spieler hatte er seine Verdienste, doch seine Narrenfreiheit ist echt nicht mehr nachzuvollziehen. Emotionen gehören zum Fußball, keine Frage, doch Völler ist nicht nur nervig, sondern auch ein shclechtes Vorbild. Und er wird es wieder tun.
    Außerdem: Was soll der DFB schon unternehmen? Die werden sagen „Dududu, lass das lieber“, ihm vielleicht ne kliene Geldstrafe geben, die Völler dann medienwirksam spendet. Und am Ende steht er wieder 1a da…

    P.S.: LEverkusen interessiert nach wie vor keine Sau!

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