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Okt
04

Der Capitano geht von Bord – Warme Worte für den „Unvollendeten“

Richtig überraschen konnte einen das Karriereende von Michael Ballack nicht. Dass der einstige und einzig wahre „Capitano“ diesen Schritt aber unglamourös mitten in der Saison – zwischen dem 6. Bundesliga- und dem 2. Europapokalspieltag – vollzog, passt irgendwie zu der sehr guten, aber nicht ganz perfekten Karriere des besten deutschen Fußballers der 2000er Jahre.

Vier deutsche Meisterschaften, eine englische Meisterschaft, je drei DFB-Pokal- und FA-Cup-Siege, drei Auszeichnungen als Deutschlands Fußballer des Jahres – mies war die Karriere von Michael Ballack sicherlich nicht. Und doch bleibt er der „Unvollendete“, der „Ewige Zweite“. Große Finals hat Michael Ballack immer verloren, zwei mit seinen Vereinen in der Champions League und zwei mit der Nationalmannschaft. Ungezählt sind seine Halbfinalteilnahmen in den großen Wettbewerben. Michael Ballack hatte irgendwie immer eine Hand an den großen Pokalen, aber hochheben durfte er sie nie.

Eine fast perfekt geplante Karriere

Dabei wurde Michael Ballacks Karriere von seinem Berater, Rechtsanwalt Dr. Michael Becker, beinahe generalstabsmäßig geplant. Bis 1997 kickte der gebürtige Görlitzer beim Chemnitzer FC in der 2. Bundesliga, ehe er zu Erstliga-Aufsteiger Kaiserslautern wechselte, wo er 1998 als Edelreservist Deutscher Meister wurde. Nach dem WM-Desaster der deutschen Nationalmannschaft im gleichen Jahr stieg er quasi über Nacht zu einem der großen deutschen Hoffnungsträger auf – Vorschusslorbeeren, die er im Gegensatz zu den seinerzeit ebenfalls hochgehandelten Marco Reich und Sebastian Deisler rechtfertigen sollte.

In Kaiserslautern entwickelte sich Michael Ballack in der Saison 1998/99 zum Stamm- und Nationalspieler. 1999 der Wechsel für acht Millionen DM zu Bayer Leverkusen. Dort gelang Ballack in der Saison 2001/02 der große Durchbruch: 17 Ligatore, sechs Treffer in der Champions League und drei bei der WM stehen für ihn zu Buche. Ballack kurbelte an, wurde zum Chef der „Werkself“ und zum Offensivmotor Nationalmannschaft – unter dem Strich stand in vier Wettbewerben jeweils der zweite Platz. Mehr „knapp daneben ist auch vorbei“ gibt es nicht.

Nach der Weltmeisterschaft, bei der er das Finale gelbgesperrt verpasste, nachdem er im Halbfinale gegen Südkorea erst durch ein taktisches Foul den Rückstand verhinderte und anschließend das 1:0-Siegtor erzielte, tat Ballack den nächsten Karriereschritt: Für festgeschriebene sechs Millionen Euro wechselte er weit unter Marktwert zum FC Bayern, wo er bis zur Heim-WM 2006 unterschrieb. Je drei Meisterschaften und Pokalsiege in vier Jahren sowie 44 Liga-Tore waren eine sehr gute Ausbeute, nur der internationale Titel blieb aus.

WM 2006: Ballack im Dienst der Mannschaft

Der sollte mit der Nationalmannschaft beim „Sommermärchen 2006“ eingefahren werden. Ballack war zu diesem Zeitpunkt 29 Jahre alt und bereits seit zwei Jahren „Capitano“. Zugleich war er der torgefährlichste Mittelfeldspieler Europas und der einzige deutsche Feldspieler von Weltformat. Seine Abschlussstärke mit links, rechts und dem Kopf war berüchtigt und machte ihn – zumal ablösefrei – zu einem der “heißesten“ Spieler im Sommer 2006. Kurz vor dem Turnier wurde sein Wechsel zum FC Chelsea bekannt. Die neureichen Engländer waren eine gute Adresse für den letzten großen Vertrag seiner Karriere.

Um der Nationalmannschaft mehr Stabilität zu verleihen, stellte das Bundestrainer-Gespann Klinsmann/Löw kurz vor dem WM allerdings von 4-4-2 mit Raute auf ein System mit zwei zentralen defensiven Mittelfeldspielern um. Ballack kam in seiner neuen Rolle seltener in Schussposition und konnte selbst weniger glänzen, blieb aber als zentrale Figur für das deutsche Spiel unverzichtbar.

In London wurde er ebenfalls defensiver eingesetzt als zu Bayer- und Bayern-Zeiten, doch spätestens in seinem zweiten Jahr wurde Michael Ballack auch auf der Insel zum Star. 2008 führte er Chelsea ins Champions League-Finale, welches die „Blues“ nach Elfmeterschießen gegen Manchester United verloren. Wenige Wochen später verlor Deutschland mit Kapitän Ballack auch das EM-Finale gegen Spanien.

Portionierter Abschied über vier Jahre

Nach dem Spiel wurden erste Risse deutlich: Ballack legte sich noch auf dem Platz mit Manager Oliver Bierhoff an. Nach dem Turnier wurde außerdem der Unmut der jüngeren Spieler am Führungsstil des „Capitano“ publik.

Zu diesem Zeitpunkt war der Umbruch in der Nationalmannschaft längst in vollem Gange, Mit Torsten Frings wurde im Herbst 2008 Ballacks letzter und engster Freund im DFB-Team aussortiert, der Wahl-Londoner war nun weitgehend isoliert in einer Mannschaft mit vielen jungen Talenten, denen es scheinbar nach flacheren Hierarchien dürstete. Wieder wurden Stimmen laut, Ballack würde durch seine Platzhirsch-Mentalität gerade die jungen Spieler lähmen und so das Team schwächen.

2010, nach dem Boateng-Foul im FA-Cup-Finale, war seine Zeit dann endgültig abgelaufen. Chelsea lehnte eine Vertragsverlängerung mit einem fast 34-Jährigen ab, Ballack verpasste die WM und wurdein der Folge peu à peu von Bundestrainer Löw, Manager Bierhoff und Kapitän Philipp Lahm demontiert. Auch die letzten zwei Karrierejahre bei seiner „alten Liebe“ Bayer Leverkusen verliefen alles andere als rund: Ballack pendelte zwischen Startelf, Ersatzbank und Lazarett. Die Schlagzeilen um seine Person sorgten für Dauer-Zwist. Nach der Saison 2011/12 taten sich keine reizvollen Angebote mehr auf. Michael Ballack nahm  seinen Hut heimlich, still und leise. Schade, dass es so kommen musste.

Ein Mann mit Macken, aber auch mit „Eiern“

Michael Ballack war noch ein Spieler der alten Schule. Einer, der in dem Verständnis aufgewachsen ist, dass die Alten und Erfahrenen im Team das Sagen haben. Er selbst sah sich spätestens seit der WM 2002 als Leader. Er untermauerte diesen Anspruch durch viele entscheidende Tore (sagenhafte 212 Pflichtspieltreffer waren es insgesamt für seine Vereine und die deutsche Nationalmannschaft). Und er war niemand, der von seinem Selbstverständnis abrückte. Das hat ihn womöglich blind gemacht, gerade nach dem WM-Aus 2010 hätte er erkennen können und müssen, dass seine Zeit vorbei war – auch wenn oder gerade weil Bundestrainer Löw lange Zeit nicht den Mut hatte, ihm dies mitzuteilen.

Michael Ballack vereinte zu seinen Glanzzeiten Übersicht, Eleganz, Dominanz, Torgefahr und Zweikampfstärke. Er war keiner, der sich versteckt hat. Sein Pech war, dass er fast eine Dekade lang der einzige deutsche Feldspieler von Weltformat war.

Und dennoch: Mit etwas mehr Glück in den entscheidenden Momenten würden wir seinen Namen heute womöglich in einem Atemzug mit Fritz Walter, Franz Beckenbauer oder Lothar Matthäus nennen – als Kapitän einer deutschen Weltmeistermannschaft. So aber bleibt Michael Ballack der „Unvollendete“. Ein großer, aber auch schwieriger und streitbarer Spieler. Das größte Kompliment, das man ihm im Nachhinein machen könnte, wäre, irgendwann die „Ballackschen Tugenden“ einzufordern: Dominanz, positive Arroganz, unbedingter Siegeswille. Wenn Deutschland noch weitere Turniere ohne Titel bleibt, wird sie sicherlich aufkommen, die Sehnsucht nach einem echten „Leader“, die Sehnsucht nach Michael Ballack.

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