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Jun
28

Der ewige Spielverderber – Teamcheck Italien

Im heutigen Halbfinale kommt es zu einem echten Klassiker des Weltfußballs: Mit Italien und Deutschland treffen die erfolgreichsten europäischen Nationalmannschaften aufeinander. Was macht das Spiel der Italiener aus, wer sind die Stars, und wie sind sie zu packen?

Bereits zum achten Mal treffen Italien und Deutschland bei einem großen Turnier aufeinander. Die Bilanz aus DFB-Sicht ist überaus ernüchternd: Zwar konnte man in vier Vorrundenspielen bei Welt- und Europameisterschaften immer ein Unentschieden erzielen, doch in den bisherigen drei K.O.-Duellen gegen die „Squadra Azzurra“ war stets Endstation: Im WM-Halbfinale 1970 unterlag man im „Jahrhundertspiel“ von Mexico-City mit 3:4 nach Verlängerung, 1982 siegten die Italiener im WM-Finale von Madrid klar mit 3:1, und beim „Sommermärchen“ 2006 beendeten die Südeuropäer den deutschen Titeltraum im Halbfinale von Dortmund durch einen Doppelschlag in den Schlussminuten der Verlängerung. Deutschland hat also nicht nur eine Rechnung mit dem viermaligen Weltmeister und einmaligen Europameister zu begleichen. Und obwohl die Italiener der deutsche Angstgegner schlechthin sind, standen die Vorzeichen für die Weiß-Schwarzen nie so gut wie dieses Mal.

Die Ausgangslage

Nach bisher gezeigten Leistungen bei der EM geht die deutsche Mannschaft als (leichter) Favorit ins Spiel. Die DFB-Elf ist über acht Jahre harmonisch gewachsen, in das funktionierende Konstrukt konnten immer wieder erfolgreich neue Spieler integriert werden. Der Kader ist in der Breite neben den Spaniern der beste, selbst auf der Bank sitzt eine Reihe von Spielern, die eine Partie allein entscheiden können.

Die Italiener sind in ihrer Entwicklung einen, wenn nicht gar zwei Schritte zurück. Erst vor zwei Jahren, nach dem blamablen Vorrunden-Aus des Titelverteidigers bei der WM 2010 in Südafrika, wurde der längst überfällige Umbruch vollzogen. Viele der in die Jahre gekommenen Weltmeister von 2006 wurden aussortiert oder gaben freiwillig ihren Rücktritt bekannt. Weil die Nachwuchslage in Italien aktuell weniger rosig ist als in Deutschland, finden sich im aktuellen Kader deutlich mehr Mitt- und Endzwanziger als „Rohdiamanten“ von Angang 20. Viele Spieler der „Squdra Azzurra“ absolvieren gerade ihr erstes großes Turnier, haben jedoch bewiesen, dass sie im Teamverbund das Zeug für das höchste internationale Niveau haben. Das unterstreicht die Qualität der Mannschaft.

Die Stars

Von den alten Helden sind nur noch wenige übrig geblieben, doch die sind umso wichtiger für das Team: Torhüter und Kapitän Gianluigi Buffon (34) ist immer noch einer der weltbesten Keeper, auch als Führungspersönlichkeit ist er nicht zu ersetzen. Der als Leisetreter bekannte Spielmacher Andrea Pirlo (33) spielt ein überragendes Turnier. Der Juventus-Spieler ist nach wie vor einer der besten Ballverteiler und Standardschützen der Welt. Pirlos einzige Schwäche, die mangelnde Schnelligkeit, weiß er durch Ballsicherheit, Übersicht und Handlungsschnelligkeit zu kompensieren. Die dritte Schlüsselfigur ist der Römer Daniele de Rossi (28). Der Mittelfeldspieler ist gleichermaßen Gestalter wie Zerstörer. In den Vorrundenspielen koordinierte er als „Libero“ die italienische Defensivarbeit. Gegen England spielte er im Mittelfeld. Geht er mit nach vorne, ist er immer wieder als Schütze gefährlich.

The Very Special One: Mario Balotelli

Ob er einmal einer der besten Stürmer der Welt wird, lässt sich noch nicht sagen. Doch die Anlagen dafür bringt Mario Balotelli (21) auf jeden Fall mit. Der Mann von Manchester City ist physisch enorm stark, ein ständiger Gefahrenherd und löst viele Situationen vor dem Tor unkonventionell, wodurch er für Gegner und Mitspieler unberechenbar ist. Allzu oft fehlt ihm aber noch der richtige „Plan“ für bestimmte Situationen, wie z.B. im Vorrundenspiel gegen Spanien, als er, allein auf das Tor zulaufend, das Tempo dermaßen verschleppte, dass die Iberer den Ball noch locker klären konnten. Balotelli, der sich jüngst als „erwachsener Peter Pan“ bezeichnete und neuerdings in bester Lothar-Matthäus-Manier in der dritten Person von sich selber spricht, ist unberechenbar. Daher ist ihm ein Doppelpack gegen Deutschland ebenso zuzutrauen wie ein Totalausfall.

Typisch Italien

Taktisch ist kaum eine Mannschaft so stark wie Italien. Das ist in dem südeuropäischen Land schon gute Tradition. Seit Trainer Cesare Prandelli das Zepter schwingt, sind die Zeiten des totalen Catenaccio jedoch vorbei. Italien ist längst mehr als ein Spielverderber für den Gegner. Die Mannschaft findet eine gute Balance zwischen Defensive und Offensive, wie vor allem das 1:1 gegen Spanien in der Vorrunde gezeigt hat, als man gegen den Ball mit einer Fünfer-Abwehr und vier Mittelfeldspielern davor verteidigte, zugleich aber immer wieder zu guten Chancen kam.

Im Viertelfinale gegen England spielten die Italiener deutlich offensiver mit einem 4-4-2. Sie dominierten das Spiel über weite Strecken und kamen letztlich verdient zum Sieg – wenn auch erst nach Elfmeterschießen. Man darf gespannt sein, wie die Italiener gegen die Deutschen zu Werke gehen werden. Der bisherige Turnierverlauf hat gezeigt, dass alle Mannschaften gegen die DFB-Elf eine Spur defensiver als üblich antreten (abgesehen von den Griechen, die gar nicht noch defensiver können). Die „Variante Spanien“ ist daher wahrscheinlicher als die „Variante England“. Das verheißt wieder einmal hohe Ballbesitzanteile für die Mannschaft von Jogi Löw. Allerdings muss das nichts heißen, denn die Italiener sind beim Umschalten brandgefährlich. Bemerkenswert ist vor allem, wie die Italiener den Ball nach vorne tragen. Entgegen dem aktuellen Trend sieht man bei der „Squadra Azzurra“ des Öfteren auch lange Bälle. Auch der Abschluss aus der zweiten Reihe, der bei den anderen Nationen eine Rarität ist, wird von den Italienern regelmäßig gesucht.

Prognose

Italien ist der bislang größte „Brocken“ für die deutsche Elf – und zwar nicht nur getreu dem Herberger-Bonmot, wonach der nächste Gegner immer der schwerste ist. Die „Squadra Azzurra“ steht defensiv kompakt, dürfte aber zwangsläufig zu Torchancen kommen. Vor allem gefährliche Freistoßsituationen sollten die Deutschen vermeiden, hier hat Italien mit Andrea Pirlo einen der letzten verbliebenen Spezialisten auf der Welt. Unangenehm sind auch die beiden Sturmspitzen Antonio Cassano und Mario Balotelli.

Zieht die deutsche Mannschaft aber ihren „Stiefel“ durch und gelingt es, die Italiener dauerhaft in der eigenen Hälfte zu binden, wird das Team von Jogi Löw zwangsläufig zu Chancen und Toren kommen. Es wird sicher ein enges Spiel, doch Deutschland wird seiner Favoritenrolle gerecht, zieht ins Endspiel ein – und begleicht ganz nebenbei eine alte Rechnung.

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