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Jun
25

Der Nasazzi-Stab – Ein Titel für Deutschland

Für den EM-Titel benötigt die deutsche Mannschaft noch zwei Siege. Doch bereits das 4:2 gegen die Griechen im Viertelfinale hat dem DFB einen Titel beschert: Deutschland ist seit Freitag nämlich im Besitz des Nasazzi-Stabes. Erfahre hier, was es damit auf sich hat.

Andere Sportarten, andere Sitten: Im Fußball wird der Weltmeister bekanntermaßen alle vier Jahre aufs Neue ermittelt. Hat man den Titel gewonnen, behält man ihn bis zum nächsten Turnier – selbst wenn man jedes Spiel bis dahin verliert. Anders ist es im Boxen: Dort wird man nur Weltmeister, indem man den aktuellen Titelträger bezwingt. Nach diesem Prinzip wird auch der so genannte Nasazzi-Stab im Fußball vergeben. Hierbei handelt es sich nicht um einen offiziellen, von der FIFA anerkannten Titel, sondern „nur“ um eine statistische Spielerei. Dennoch lohnt es sich, dieser Spielerei ein paar Zeilen zu widmen – immerhin ist Deutschland seit dem vergangenen Freitag Inhaber des Nasazzi-Stabes.

Nasazzi-Stab: Inoffizielle WM für Statistik-Nerds

Benannt ist der Nasazzi-Stab nach dem Kapitän der uruguayischen Weltmeistermannschaft von 1930, José Nasazzi. Seit Uruguay am 30. Juli jenes Jahres erster Weltmeister der Fußballgeschichte wurde, ist dieser imaginäre Staffel-Stab im Umlauf.

Folgende Regeln liegen dem Nasazzi-Stab zu Grunde: Nur bei einer Niederlage des Stab-Inhabers in der regulären Spielzeit wird der Titel an den Bezwinger weitergegeben. Hierbei spielt keine Rolle, ob es sich um ein Pflicht- oder ein Freundschaftsspiel handelt. Endet ein Titelspiel Unentschieden bzw. wird der Sieger in der Verlängerung, im Elfmeterschießen oder durch Münzwurf gefunden, bleibt der Stab beim bisherigen Titelträger.

Der Nasazzi-Stab reist durch die Kontinente

Die Mannschaft Uruguays konnte sich nur 13 Monate am Nasazzi-Stab erfreuen, ehe er am 6. September 1931 an Brasilien überging. Erster europäischer „Titelträger“ war Spanien 1934. 16 Jahre lang blieb der Stab in Europa, erst bei der WM 1950 in Brasilien ging das gute Stück in den Besitz der USA. Fast ein Treppenwitz ist, dass sich auch die Niederländischen Antillen im Jahr 1963 kurzzeitig Nasazzi-Stabträger nennen durften. Deutschland übernahm den Stab erstmals 1966, nach dem Sieg im WM-Halbfinale gegen die Sowjetunion. Die DFB-Elf behielt ihn auch nach dem verlorenen Finale vom Wembley gegen England (2:4 nach Verlängerung), weil es nach 90 Minuten noch 2:2 gestanden hatte.

Am 1. Juni 2001 wanderte der Nasazzi-Stab auf den vierten Kontinent, nachdem Australien das gute Stück erobern konnte. Bereits vier Tage später verloren die Australier aber gegen Südkorea, sodass nun auch Kontinent Nummer fünf an der Reihe war. Im Mai 2004 war dann auch Afrika an der Reihe, Nigeria hieß der erste Titelträger vom „Schwarzen Kontinent“. Zu Beginn der laufenden EM waren die Russen Nasazzi-Stabträger. Durch die 0:1-Pleite im dritten Gruppenspiel ging er in den Besitz der Griechen über, die diesen aber postwendend an Deutschland verloren.

Nasazzi-Stab vs. Inoffizielle Fußball-Weltmeisterschaft

Übrigens: „Nur“ vier Mal wurde der Nasazzi-Stab-Träger auch Weltmeister: Uruguay 1930, Italien 1934, Brasilien 1958, Deutschland 1974. Analog zum Nasazzi-Stab gibt es noch eine zweite Bewegung, die gewissermaßen bei „Adam und Eva“ mit dem Zählen anfängt: nämlich beim ersten Länderspiel der Geschichte, das einen Sieger hatte. Dieses Spiel fand 1873 zwischen England und Schottland statt, die „Three Lions“ behielten mit 4:2 die Oberhand.

Auch die Regeln sind andere: Bei der Inoffiziellen Fußball-Weltmeisterschaft (bzw. Unofficial Football World Championships/UFWC) zählt allein, wer den Platz letztlich als Sieger verlässt – ob nach regulärer Spielzeit, nach Verlängerung oder nach Elfmeterschießen ist unerheblich. Ebenso wie beim Nasazzi-Stab, bleibt der Titel auch bei der UFWC bei einem Unentschieden im Besitz des Titelverteidigers. Amtierender Inoffizieller Weltmeister ist übrigens Nordkorea(!).

Everyone gets a trophy?

Ob man solche Statistiken und Titel benötigt, sei einmal dahingestellt. Die Tatsache, dass nur einige wenige „Auserwählte“ von ihrer Existenz wissen, spricht jedenfalls dafür, dass das Wohl und Wehe der Fußballwelt nicht von der Existenz des Nasazzi-Stab und der UFWC abhängt. Auch ich habe erst am vergangenen Freitag erstmals über Umwege vom Nasazzi-Stab gehört – und das will wahrlich etwas heißen… Da halte ich es lieber mit Stefan Effenberg, der im Jahr 2000 anlässlich der Verleihung des von Sat1 kreierten Pseudo-Titels „Fuxx des Jahres“ an den Leverkusener Emerson sagte: „Wir haben die Meisterschaft, wir haben den Pokal. Das ist viel mehr wert als dieses Scheiß X da!“ Also Jogis Löwen, gewinnt diese silberne Trophäe, die man am kommenden Sonntag gegen 23 Uhr bei Herrn Platini abholen kann. Die kennt man, die ist begehrt, und da passen locker ein paar Liter Bier rein!

Dieser Artikel ist Derk gewidmet, dem Gewinner meines Juni-Quiz, der mich auf den Nasazzi-Stab aufmerksam gemacht hat. Weiter so, Derk ;-)

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