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Sep
05

Der unterschätzte Herr Özil

Kann ein Spieler, der soeben für 50 Millionen Euro den Verein gewechselt hat, unterschätzt sein? Zumindest im Falle Mesut Özils, der bei Real Madrid gewissermaßen abgeschoben wurde und nun beim international zweitklassigen FC Arsenal spielt, lautet die Antwort eindeutig: ja.

Was waren die Fans von Real Madrid in den vergangenen drei Jahren verliebt in den deutsch-türkischen Spielmacher Mesut Özil? Trotz der ungezählten Tore Cristiano Ronaldos oder der Präsenz des Ur-Madrilenen „San“ Iker Casillas gehörten die Sympathien der Zuschauer im Estadio Santiago Bernabeu zu großen Teilen dem 24-Jährigen. Nicht von ungefähr protestierten Tausende der Madridista bei der Präsentation Gareth Bales, für den Özil zumindest indirekt weichen musste, gegen den Verkauf des Spielmachers.

Kein Wunder, konnte der deutsche Nationalspieler doch neben seiner Eleganz und seinem Tempo auch mit Zahlen wuchern: In seiner 37-monatigen Schaffenszeit in Madrid gab die mittlerweile ehemalige Nummer 10 der Madrilenen 55 direkte Torvorlagen – mehr als jeder anderer Spieler in der Primera Division. Und die wird von nicht wenigen Fachleuten als die stärkste Liga der Welt eingestuft.

Ronaldo und Ramos pro Özil

Selbst bei den spanischen Medien, bei denen der Weg von der Niete zum Supermann und zurück traditionell ein kurzer ist, wurde Özil mehr als einmal euphorisch als „Magier“ oder als „Zauberer von Öz“ gefeiert. Sein Instinkt und sein Esprit im Zuspiel ließen vor allem seine Mitspieler glänzen. An deren Reaktionen lässt sich nun ablesen, wie wichtig Özil für Real Madrid war.

Verteidiger Sergio Ramos etwa griff die Personalpolitik seines Arbeitgebers in der spanischen Sportzeitung „AS“ am Dienstag ungewohnt offensiv an: „Hätte ich etwas zu sagen, wäre Özil einer der Letzten, die ich gehen lassen würde.“ Tags darauf meldete sich Reals Superstar Cristiano Ronaldo, der am meisten von den Vorlagen Özils profitiert hatte, ebenfalls via „AS“ zu Wort: „Der Weggang von Özil ist eine sehr schlechte Nachricht für mich. Ich bin wütend über seinen Wechsel. Mesut ist ein Spieler, der den Unterschied ausmacht.“

Deutlich pro Özil äußerte sich auch der mittlerweile zum FC Chelsea abgewanderte Star-Trainer José Mourinho, der den Deutschen vor drei Jahren geholt und diesem trotz kleinerer Schwächephasen und öffentlich gewordener Gardinenpredigten stets das Vertrauen geschenkt hatte: „Özil ist einzigartig, es gibt keine Kopie von ihm. Er ist der beste Zehner der Welt. Er hat die Sachen für mich und seine Mitspieler mit seinen Einfällen und Entscheidungen einfacher gemacht.“ Zugegeben, „Mou“ ist in Madrid nicht gerade im Frieden geschieden, und die Gelegenheit, seinem Ex-Arbeitgeber einen reinzuwürgen, lässt „The Special One“ natürlich nicht aus; dennoch zeigt sich auch an seiner Aussage der Wert Özils für die Mannschaft.

Das Unglück, zu gut zu sein?

Ist Real Madrid also so blöd, einen seiner besten Spieler ohne Not abzugeben? Die klare Antwort lautet: jein. Was der Verein ohne Not getan hat, ist für einen Spieler, der (noch) bei Weitem keine 100 Millionen Euro wert ist – sofern ein Fußballspieler eine solche Summe überhaupt wert sein kann – eben diese Summe zu bezahlen.

Genau das war Özils größtes Problem. Denn der nicht annähernd so liquide wie geltungssüchtige Klub brauchte Geld, um das Minus in der Bilanz in Grenzen zu halten. Zwar hätte man für Cristiano Ronaldo vermutlich zwischen 70 und 100 Millionen Euro erzielen können, doch der Verkauf des Superstars stand nie zur Diskussion. Also musste der Spieler dran glauben, für den man auf dem Markt den zweithöchsten Preis erzielen konnte. Und das war nun einmal Özil, der noch bis 2016 gebunden war.

Die Mitte schwächen, um die Flügel zu stärken

Bei diesem Planspiel passt es umso besser, dass Real mit Isco bereits im Juni einen neuen potenziellen Zehner unter Vertrag genommen hat. Vorteil Isco: Als Spanier passt er genau in die aktuelle Vision von Klub-Präsident Perez, neben den besten Offensivspielern von rund um den Globus wieder vermehrt auf Spanier zu setzen, wie auch die weiteren Verpflichtungen von Asier Illarramendi oder Daniel Carvajal belegen.

Nun hat Isco allerdings noch nicht die Klasse Özils. Hinzu kommt, dass ihm bei aller Eleganz gerade im Antritt das Tempo fehlt. Doch das ist gar nicht unbedingt vonnöten. Denn die Ausrichtung Reals dürfte sich nun noch mehr auf die Flügel, nämlich auf Ronaldo und Bale verlagern. Sprich: In der Offensive wird künftig fast alles von der Tagesform der teuersten Flügelzange der Welt abhängen. Reicht deren individuelle Klasse nicht mehr aus, müssen die anderen aushelfen – oder notfalls der liebe Gott. Die Zehnerposition spielt in den Planungen des neuen Trainers Carlo Ancelotti damit keine so große Rolle mehr wie noch in der Vorsaison.

Viel Glück dabei. Aber nicht, dass es nachher heißt, „ein Özil würde dem Spiel gut tun“. Ich behaupte: Özils Stellenwert für das Spiel Reals wird man erst in den nächsten Wochen bemerken. Vielleicht kauft Perez ihn ja irgendwann für 100 Millionen zurück.

3 Kommentare

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  1. Dominic sagt:

    Interessanter Artikel, aber mittlerweile nervt der Grundtenor Madrid sei in finanziellen Schwierigkeiten doch zusehends, da entweder gezielt lanciert, oder einfach nur schlecht recherchiert.

    Real Madrid ist trotz der immensen Ausgaben der wohl wirtschaftlich stärkste Verein weltweit, nicht umsonst wurden alleine im Zeitraum 2008-2011 Gewinne nach Steuern in Höhe von 150 Millionen € erwirtschaftet. 2012 wurde ebenfalls ein Gewinn von 24 Millionen € nach Steuern geschafft. In den letzten veröffentlichten Daten hatte Madrid nebenbei Cash-Reserven in Höhe von 113 Millionen €.

    Das es spielerisch wenig Sinn macht einen Özil abzugeben sehe ich absolut ein, aber mich nervt diese negativ (Falsch-) Berichterstattung über die Finanzen von Madrid zusehends.

  2. Heibel sagt:

    Hallo Dominic!

    Mein Einwurf im Hinblick auf die Liquidität zielt auch nicht auf das ab, was Real in der Kasse hat bzw. auf den gigantischen Markenwert, mit dem wohl nur Manchester United mithalten kann.

    Aber man muss sich auch fragen dürfen, wie Real an sein Geld kommt: So hat der Verein 2001 sein Trainingsgelände für rund 500 Millionen Euro an die Stadt verkauft, was von vielen Experten als weit über Wert taxiert wurde.

    Auch berichtete das ZDF vor einiger Zeit, dass die spanischen Vereine zusammen Steuerschulden in Höhe von rund einer Millarde Euro gegenüber dem Fiskus haben, wobei Real hier in der Spitzengruppe liegt. Auf die Spitze getrieben heißt das, dass der spanische Staat solche Transfers indirekt subventioniert.

    Am Ende wollen wir alle im Fußball einen fairen Wettbewerb haben, in dem beispielsweise auch die Einhaltung des UEFA Financial Fairplay für mich ein absolut erstrebenswertes Ziel ist. Bei Real habe ich aber allzu oft den Eindruck, dass da mit mehrerlei Maß gemessen wird, um ein „Flaggschiff“ auf Kurs zu halten.

  3. Dominic sagt:

    Hello Herr heibel,

    Der Verkauf des Trainigsgeländes vor 12 Jahren ist tatsächlich ein sehr fragwürdiger Vorgang, der leider wohl nie ausreichend und zufriedenstellend beleuchtet wird. Anderersseits handelt es sich um ein großen Areal in bester Stadtbaulage. Dennoch stimme ich absolut überein, das man den Verkauf mehr als kritisch sehen muss.

    Was die Steuerschuld angeht ist es generell zwiespältig. Madrid hat meinen letzten infos nach keine Steuerschulden gehabt, dafür jedoch der Stadtnachbar Atletico. Ich weiß natürlich nicht, ob meine Quelle glaubwürdig ist, aber ich habe bislang nie Grund zum Zweifeln gehabt.

    http://swissramble.blogspot.de/2012/04/truth-about-debt-at-barcelona-and-real.html

    Ich wezifel leider daran, dass sich durch das FFP irgendetwas ändern wird, da gerade Real Madrid durch die unglaublichen Umsätze Ausgaben tätigen kann, von denen selbst die Bayern nur träumen können. Eher wird die derzeitige Machtverteilung durch das FFP zementiert, da „Neureiche“ Vereine wie PSG; ManCity und Monaco Probleme haben werden in die Gruppe hineinzubrechen, für alle anderen wird sich wohl wenig bis nichts ändern.

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