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Jul
22

Deutsche Fußballer des Jahres im Ausland: Ich fand das ganz große Glück…

Mit Bert Trautmann ist am vergangenen Freitag die womöglich größte deutsche Fußballlegende im Ausland im Alter von 89 Jahren verstorben. Der langjährige Torhüter von Manchester City wurde auf der Insel verehrt, wie nicht zuletzt seine Wahl zu Englands Fußballer des Jahres 1956 erahnen lässt. Trautmann läutete damit eine Tradition ein. Acht weitere Deutsche haben es bislang im Ausland ebenfalls zu dieser Ehre gebracht.

1956: Bert Trautmann (Manchester City)

BVB-Trainer Jürgen Klopp bezeichnete seinen Keeper Roman Weidenfeller zuletzt des Öfteren als den „weltbesten Torhüter, der nie ein Länderspiel bestritten hat“. Klopp liegt damit sicherlich nicht ganz falsch, doch auch Bert Trautmann (1923-2013) ist gewiss ein heißer Anwärter für diesen höchst inoffiziellen Titel.

Obwohl unter anderem Sir Matt Busby, Manchester Uniteds Trainerlegende der 50er und 60er Jahre, den Blondschopf für den weltbesten Torhüter seiner Zeit hielt, durfte Trautmann nicht ein einziges Mal den Adler auf der Brust tragen. Bis in die 70er Jahre vertrat der DFB nämlich die eigenwillige Politik, im Ausland spielende Akteure nicht zu nominieren. Wer weiß, ob unter anderen Umständen nicht Trautmann ein Mitglied der „Helden von Bern“ gewesen wäre, die 1954 sensationell die Weltmeisterschaft gewannen?

Trautmann geriet im Zweiten Weltkrieg in englische Gefangenschaft und überzeugte bei den Fußballspielen im Gefangenenlager dermaßen, dass mehrere englische Profiklubs nach Kriegsende bei ihm anklopften. Der gebürtige Bremer verzichtete daraufhin auf eine Rückkehr in die Heimat und landete über die Zwischenstation St. Helen’s Town im Jahr 1949 beim Traditionsklub Manchester City. Bis 1964 hütete „Traut the Kraut“ in mehr als 500 Spielen das Tor der Citizens. Die anfänglichen Vorbehalte der Zuschauer gegen das einstige Wehrmachts-Mitglied wichen bald respektvoller Anerkennung und später sogar größter Sympathie: Zu Trautmanns Abschiedsspiel kamen 60.000 Zuschauer an die Maine Road. Auch bei späteren Besuchen im neuen City of Manchester-Stadium wurde er stets mit Ovationen bedacht.

Trautmanns berühmtestes Spiel war das FA-Cup Finale des Jahres 1956 gegen Birmingham City (3:1), während dem sich der Keeper nach einer Kollision einen Genickbruch zuzog und mehrere Halswirbel ausrenkte. Weil damals noch nicht ausgewechselt werden durfte und die Schwere der Verletzung nicht abzusehen war, spielte der Keeper weiter und sicherte seiner Mannschaft in der Schlussphase durch zwei Glanzparaden den Sieg. Im gleichen Jahr wurde Trautmann als zweiter Nicht-Engländer nach dem Iren Johnny Carey zu Englands Fußballer des Jahres gewählt. Vor wenigen Jahren kürten ihn die Fans von Manchester City in einer Online-Umfrage zum besten Spieler der Vereinsgeschichte – obwohl das Gros der Anhänger ihn nie live hat spielen sehen.

Doch Trautmanns Bedeutung reicht sogar über den Fußball hinaus: In Anerkennung seiner Verdienste um die deutsch-britischen Beziehungen, die er unter anderem durch eine Stiftung förderte, wurde Bert Trautmann im Oktober 2004 von Queen Elisabeth II. zum Honorary Officer of the Most Excellent Order of the British Empire ernannt.

1979-1982: Uli Stielike (Real Madrid)

Bei der Generation U35 dürfte Uli Stielike vor allem für seinen schlechten Modegeschmack bekannt sein. Die Kombination aus großkariertem Sakko und gepunkteter Krawatte, die Stielike 1998 bei seiner Vorstellung als Co-Trainer der deutschen Nationalmannschaft trug, wird wohl auf alle Ewigkeit einen Stammplatz in den Bildergalerien über die größten Modesünden von Fußballspielern innehaben.

Doch wer Uli Stielike tatsächlich hat spielen sehen, wird dem gebürtigen Badener große fußballerische Qualitäten attestieren. Wie sonst schafft man es, von 1977 bis 1985 die Defensive von Real Madrid zu dirigieren und in dieser Zeit viermal in Serie zum besten ausländischen Spieler der Primera Division gewählt zu werden? Zwar muss man relativieren, dass in Spanien erst seit 2008 nicht mehr zwischen dem besten Spanier und dem besten Legionär unterschieden wird, es also erst seit fünf Jahren nur einen Fußballer des Jahres in Spanien gibt, doch häufiger als Stielike hat kein Spieler den Don-Balon-Preis für den besten Ausländer erhalten – kein Messi, kein Ronaldo, kein Figo, kein Cruyff. Und auch kein Bernd Schuster. Auch wenn der die Trophäe immerhin zweimal in seinem Wohnzimmer stehen hat.

1985 und 1991: Bernd Schuster (FC Barcelona bzw. Atletico Madrid)

13 Jahre lang, von 1980 bis 1993, spielte Bernd Schuster im Land des heutigen Weltmeisters. Der ebenso streitbare wie geniale „blonde Engel“ zog im Mittelfeld der drei größten Klubs des Landes die Fäden (FC Barcelona 1980-88, Real Madrid 1988-90, Atletico Madrid 1990-93) und heimste in dieser Zeit zehn Vereinstrophäen ein. Individuell räumte er auch ab: 1985 und 1991 war er der beste Ausländer der Liga, die in dieser Zeit unter anderem auch mit Hugo Sanchez, Hristo Stoichkov oder Michael Laudrup aufwarten konnte.

1989: Andreas Brehme (Inter Mailand)

Kein Lothar Matthäus, kein Jürgen Kohler, kein Thomas Häßler, auch kein Oliver Bierhoff – der einzige Deutsche, der bislang in Italien zum Fußballer des Jahres gewählt wurde, war Andreas Brehme. Als beidfüßiger Linksverteidiger mit präzisen Flanken und gleichermaßen harten wie platzierten Schüssen gesegnet, besaß Brehme vor fast 25 Jahren ein Repertoire, mit dem selbst heute nur ganz wenige der Zunft mithalten können. Im Grunde war der Hamburger, der Deutschland mit seinem verwandelten Elfmeter im WM-Finale 1990 auf sehr absehbare Zeit zur Nummer eins im Weltfußball machte, der Prototyp des modernen Alleskönners. Auch seine Worte waren reine Poesie und umfassten sowohl unwidersprochene Wahrheiten („Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“, „Das Unmögliche möglich zu machen wird ein Ding der Unmöglichkeit“) wie auch unvergessene Neologismen („Die Brasilianer sind auch technisch sehr serviert“).

1995: Jürgen Klinsmann (Tottenham Hotspur)

Als die Spurs im Sommer 1994 die Verpflichtung des Monaco-Stürmers bekannt gaben, ging der englische Boulevard auf die Barrikaden. Für „Sun“, „Mirror“ und Co. war Klinsmann der Inbegriff des Schwalbenkönigs, ein waschechter „Diver“. Als der blonde Angreifer dann in London auf der Matte stand, verblüffte er alle: Entgegen des Klischees des steifen Deutschen bewies Klinsmann Humor und erschien mit Schwimmflossen und Taucherbrille zum ersten Training. Nach seinem ersten Tor im ersten Spiel für die Spurs „erfand“ er zudem den Diver-Jubel, indem er sich – eine Schwalbe imitierend – aus dem Lauf auf den Bauch fallen ließ. Am Ende der Saison 1994/95 standen für den Schwa(l)ben 20 Tore in 41 Spielen zu Buche. Zur Belohnung gab es die Trophäe für den Fußballer des Jahres (Journalisten-Wahl). 39 Jahre nach Bert Trautmann war Klinsmann erst der dritte Nicht-Brite, dem diese Ehre zuteil wurde.

2003: Jörg Albertz (Shanghai Shenhua)

Beim Hamburger SV und den Glasgow Rangers war Jörg Albertz, dessen größte Qualität der wuchtige linke Spannstoß war, bereits ein Star und Publikumsliebling. Zum Titel „Fußballer des Jahres“ reichte es für dreimaligen Nationalspieler aber weder in Deutschland noch in Schottland. Erst im Spätherbst seiner Karriere, nachdem Albertz dem ambitionierten Fußball im Alter von 32 Jahren den Rücken gekehrt hatte und ins Fußball-Entwicklungsland China gewechselt war, wurde ihm diese Ehre zuteil.

2004-2006, 2008-2011: Steffen Hofmann (Austria Wien)

Cordoba hin, Cordoba her – der beste Fußballer der österreichischen Bundesliga in den letzten zehn Jahren war ausgerechnet ein „Piefke“. Der bei Bayern München in der Jugend und der U23 ausgebildete Spielmacher Steffen Hofmann wechselte 2002 zu Rapid Wien, ursprünglich in der Intention, den berühmten den nächsten Schritt zu machen. Von einem mäßig erfolgreichen fünfmonatigen Intermezzo bei 1860 München in der 2. Liga abgesehen, prägte Hofmann in Wien jedoch eine Ära. Heuer geht der 32-Jährige in seine zwölfte Rapid-Saison (381 Spiele, 107 Tore, 165 Vorlagen).

In dieser Zeit gewann Hofmann reihenweise den Titel des Fußballers des Jahres in Österreich – wobei man unterscheiden muss, weil es bei unserem südlichen Nachbarn gleich vier offizielle Wahlen gibt. Hier alle Ehrungen: APA-Fußballer des Jahres in Österreich 2004 und 2009 (gewählt von den Trainern). VdF-Fußballer des Jahres in Österreich 2005 und 2010 (gewählt durch die Vereinigung der Fußballer). Österreich-Fußballer des Jahres 2010 (gewählt von den Lesern der „Kronen-Zeitung“). „Krone“-Fußballer des Jahres in Österreich 2005, 2006, 2008, 2009, 2011 (gewählt von den Fans).

2006 und 2007: Alexander Zickler (Red Bull Salzburg)

Schnelligkeit und ein enormer Zug zum Tor waren die Attribute des Konterstürmers Alexander Zickler, der sowohl beim FC Bayern (1993 bis 2005) als auch in der deutschen Nationalmannschaft ohne seine Verletzungsanfälligkeit wohl eine sehr viel größere Rolle gespielt hätte, als „nur“ der Joker vom Dienst zu sein. Als herausragender Akteur wurde Zickler erst nach seinem Wechsel in die österreichische Bundesliga im Jahr 2005 zu Red Bull Salzburg wahrgenommen. In seiner ersten Saison wurde es zwar nichts mit der Meisterschaft, dafür wählten ihn die Trainer zum Fußballer des Jahres (APA-Wahl). 2007 glückte „Zico“ sogar das Triple: Meisterschaft, Torschützenkönig mit 22 Treffern und Fußballer des Jahres 2007 in Österreich (nach VdF-Wahl).

2012: Thomas Broich (Brisbane Roar)

„Mozart“, der vor rund zehn Jahren neben Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm und Lukas Podolski als eines der größten deutschen Talente galt, aber nie ein Star sein wollte, fand sein Glück erst spät – und auf unkonventionellen Wegen. Nachdem seine Profikarriere in Deutschland nach den Stationen Burghausen, Gladbach, Köln und Nürnberg im Jahr 2010 in einer Sackgasse steckte, bewarb sich der damals 29-Jährige um ein Engagement in der bestenfalls zweitklassigen australischen A-League. Am anderen Ende der Welt fand Broich bei Brisbane Roar sein Glück: Meister 2011 und 2012, im zweiten Meisterjahr gab es die Auszeichnung als Spieler des Jahres noch obendrauf. 2012 wechselte mit Alessandro del Piero sogar ein waschechter Weltmeister in die A-League. Gemeinsam mit Broich ist der Italiener das Aushängeschild der Liga.

Ehrenhalber nachnominiert: Rainer Rauffmann

Dass es auf Zypern keine offizielle Wahl zum Fußballer des Jahres gibt, ist gewiss nicht die Schuld von Rainer Rauffmann. Dass der 1967 in Kleve geborene Sturmtank, der mittlerweile mit einer Zypriotin verheiratet ist, die Staatsbürgerschaft gewechselt hat und fünfmal für Zyperns Nationalmannschaft gespielt hat, diesen Titel ein paar Mal gewonnen hätte, steht aber wohl außer Frage.

Die Story von Markos Rauffmann, wie der Hüne mittlerweile heißt, zeigt gewisse Parallelen zu der Geschichte von Thomas Broich: Beide galten in Deutschland als Gescheiterte und wollten bewusst ganz weit weg. Rauffmann, der in Deutschland für Zweitligist SV Meppen und die Bundesligaklubs Eintracht Frankfurt und Arminia Bielefeld gespielt hatte, entschied sich 1997 zu einem Transfer ins Fußball-Entwicklungsland Zypern. Für Omonia Nikosia sollte Rauffmann in sieben Jahren 181 Tore erzielen und das Team zu zwei Meisterschaften führen. In der 1997/98 war er zudem mit 42 Liga-Toren der erfolgreichste Torjäger des Kontinents. Dumm für Rauffmann, dass die UEFA seit der Saison 1996/97 den „Goldenen Schuh“ nicht mehr an den Spieler mit den meisten Treffern vergibt, sondern in den Top-Ligen erzielte Tore mit den Faktoren 1,5 bzw. 2 aufwertet. So räumte seinerzeit Nikos Machlas von Vitesse Arnheim den Goldenen Schuh ab, obwohl der Grieche „nur“ 34-mal zugeschlagen hatte. Noch eine Trophäe also, die Rauffmann nur ehrenhalber zusteht…

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