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Jun
21

Deutschlands WM-Kader 2014: Die Wackelkandidaten

Zwei Torhüter, zwei Außenverteidiger, drei Innenverteidiger, drei defensive Mittelfeldspieler, fünf offensive Mittelfeldspieler und ein Angreifer stehen bereits im deutschen Schattenkader für die WM 2014 in Brasilien. Wer holt sich einen der verbleibenden sieben Plätze?

TORHÜTER (ein freier Platz)

Eigentlich geht es „nur“ darum, die deutsche Nummer drei zu finden. Also einen Mann, dessen Einsatzchancen bei 0,1 Prozent liegen. Dennoch kann die Frage, wer die Nummer drei bei der WM 2014 wird, durchaus noch zum Politikum werden. Im Grunde ist sie es schon. Denn würde man allein nach sportlichen Kriterien handeln, müsste Stand heute der Dortmunder Roman Weidenfeller (32, null Länderspiele) nach Brasilien fahren. Mehr als ein Lob für dessen Weltklasseleistungen konnte man aber weder Bundestrainer Joachim Löw noch Torwarttrainer Andreas Köpke bislang entlocken. Letzterer deutete vor Monatsfrist zumindest an, was alle denken: Weidenfeller wird nur dann ein Thema, wenn Manuel Neuer oder René Adler ausfallen und der Bundestrainer eine starke und ausgereifte Nummer zwei braucht.

Da man mit diesem Fall nicht kalkulieren sollte, spricht momentan Vieles für eine Entscheidung zwischen den bereits eingesetzten Ron-Robert Zieler (Hannover 96, 24, zwei A-Länderspiele) und Marc-André ter Stegen (Borussia Mönchengladbach, 21, drei A-Länderspiele). Letzterer erhielt auf der USA-Reise den Vorzug, patzte aber schwer und hat zudem eine mäßige Saison hinter sich. Zieler wirkt gefestigter, wenn auch in seinem Potenzial einen Tick limitierter als der vom FC Barcelona umworbene Gladbacher. Im Normalfall dürfte derjenige der beiden mitfahren, der die bessere Saison 2013/14 spielt.

Die weiteren Verdächtigen, zu denen vor allem Freiburgs Oliver Baumann (23), Leverkusens Bernd Leno (21), Frankfurts Kevin Trapp (22) oder Stuttgarts Sven Ulreich (24) gehören, müssten wohl schon eine alles überragende Spielzeit hinlegen, um sich noch Chancen ausrechnen zu können. By the way: Was macht eigentlich Tim Wiese?

VERTEIDIGER (ein bis drei freie Plätze)

Fünf Verteidiger stehen bereits im deutschen Schattenkader. Da Jerome Boateng innen wie außen spielen kann, sind aber im Grunde schon sechs Positionen bekleidet. Mindestens einen gelernten Innen- sowie Außenverteidiger wird Löw aber gewiss noch mitnehmen.

Für das Zentrum wäre eigentlich Holger Badstuber (Bayern München, 24, 30 A-Länderspiele) gesetzt. Doch aufgrund seines Verletzungspechs wird der auch als Linksverteidiger einsetzbare Bayer nach heutigem Stand frühestens Anfang 2014 wieder ins Mannschaftstraining einsteigen können. Ob er nach mehr als einem Jahr Pause binnen maximal vier Monaten in WM-Form kommen kann, darf stark bezweifelt werden.

Damit fällt das Badstuber-Erbe fast automatisch in den Schoß des Schalkers Benedikt Höwedes (25, 14 A-Länderspiele). Wie Boateng kann auch der Blondschopf innen wie rechts verteidigen. Das macht ihn für Löw umso interessanter, weil der Bundestrainer so mit sechs nominierten Verteidigern innen vier (Hummels, Mertesacker, Boateng, Höwedes), rechts drei (Lahm, Boateng, Höwedes) und links zwei Optionen zur Verfügung hätte (Schmelzer, Lahm). Sollte Höwedes fit bleiben und seine Form bestätigen, müsste es für ihn eigentlich reichen – auch wenn seine Einsatzchancen im Turnier nicht allzu groß sein dürften.

Falls sich Löw breiter aufstellen will, gibt es noch weitere Kandidaten. Für das Zentrum wären das derzeit vor allem Serdar Tasci (Stuttgart, 26, 14 A-Länderspiele), Philipp Wollscheid (Bayer Leverkusen, 24, zwei A-Länderspiele) und Matthias Ginter (Freiburg, 19, noch ohne Einsatz). Ihr „Problem“: Sie sind Spezialisten. Im Gegensatz zu Heiko Westermann (HSV, 29, 26 A-Länderspiele), an dem Löw einen Narren gefressen hat. Der erfahrenste der genannten Verteidiger hat den Vorteil, jede Position der Viererkette und die Sechs einigermaßen spielen zu können. Ob das reicht? Spötter werden sagen, lieber eine Position richtig spielen als fünf so là là…

Auf den Außenpositionen hat es der Bundestrainer „leichter“ – weil die Auswahl überschaubar ist. Bei aller Westermann’schen Polyvalenz dürfte Löw zumindest erwägen, einen weiteren Spezialisten für die defensive Außenbahn mitnehmen. Marcell Jansen (HSV, 27, 39 A-Länderspiele) ist erfahren und ein Mann mit Vorwärtsdrang, aber defensiv nicht immer verlässlich. Das spricht gegen ihn, zumal Löw auf dieser Seite angesichts der Vielzahl guter Spieler für die offensive Außenbahn (s.u.) eher einen Stabilisator bräuchte. Das ist ein Part, den auch Jansens Vereinskollege Dennis Aogo (26, zwölf A-Länderspiele) nur bedingt beherrscht. Insofern spricht einiges für den gelernten Verteidiger Westermann, der jedoch nur im äußersten Ernstfall zu einem Einsatz kommen dürfte.

Hinten rechts steht Frankfurts Sebastian Jung (23, noch ohne Einsatz) in den Starlöchern. Jung steigert sich seit Jahren kontinuierlich und wird vermutlich bald debütieren. Wenn Löw nach Lahm und Schmelzer einen dritten Spezialisten für die Außenverteidigung mitnehmen möchte, kommt er an ihm nach heutigem Stand nicht vorbei. Die Frage ist jedoch, ob er das will. Denn Sechser Lars Bender (s.u.) hat seine Sache hinten rechts ebenfalls schon gut gemacht.

DEFENSIVES MITTELFELD (ein freier Platz)

Eben dieser Lars Bender (Bayer Leverkusen, 24, 14 A-Länderspiele) scheint auch der heißeste Anwärter auf den vierten und vermutlich letzten freien Platz im defensiven Mittelfeld zu sein – zumal der Leverkusener im Bedarfsfall auch als Rechtsverteidiger aushelfen kann. Er ist der etwas bessere Gestalter, aber dafür auch der etwas schlechtere Balljäger als sein Zwillingsbruder Sven Bender (Borussia Dortmund, 24, vier A-Länderspiele). Für ihn sprechen sein unermüdlicher Einsatz und seine Konstanz über Jahre. Zudem ist er perfekt mit Ilkay Gündogan eingespielt.

Die anderen Kandidaten für das defensive Mittelfeld bräuchten wohl eine alles überragende Saison 2013/14, um noch an den Benders vorbei zu preschen. So waren Roman Neustädter (Schalke 04, 25, zwei A-Länderspiele) und Stefan Reinartz (Bayer Leverkusen, 24, drei A-Länderspiele) bei der USA-Reise wohl nur aufgrund des Fehlens der Arrivierten mit von der Partie. Nicht auszuschließen, dass sie in Löws Gunst mittlerweile sogar von U-21-EM-Teilnehmer Sebastian Rode (Eintracht Frankfurt, 22, noch ohne Einsatz) überflügelt worden sind. Der möglicherweise Bald-Bayer wird seine starken Leistungen der abgelaufenen Saison im viel zitierten schweren zweiten Jahr allerdings bestätigen müssen.

OFFENSIVES MITTELFELD (ein bis drei freie Plätze)

110 Spiele hat Lukas Podolski (FC Arsenal, 28) für Deutschland bestritten, dabei stolze 46 Tore erzielt. Wüsste man es nicht besser, müsste man einen Spieler mit solchen Werten für eine lebende Legende und einen Schlüsselspieler im Nationalteam halten. Doch der Zenit des „Prinzen“ scheint überschritten. Lange genügten seine beiden Trümpfe (Abschluss, Dynamik), um auch dank seines Förderers Löw zur ersten Elf Deutschlands zu gehören. Mittlerweile haben ihn andere überholt (Reus) oder sind mit ihm mindestens gleichgezogen (Draxler). Verglichen mit ihnen, wirkt Podolskis Spiel eindimensional. Zum einen ist er im deutschen System eigentlich nur auf der linken offensiven Seite eine ernsthafte Option. Zum anderen braucht der Ex-Kölner vor allem Raum, um sein Spiel aufzuziehen. Da sich der DFB-Stil in den letzten Jahren aber immer mehr Richtung Kombinationsfußball auf engem Raum entwickelt hat, könnte es für „Poldi“ eng werden – Stimmungskanone hin, Löw-Liebling her.

Der Hauptgrund hierfür ist Julian Draxler (Schalke 04, 20, sechs A-Länderspiele). Das Supertalent ist schnell, beweglich, spielintelligent und hat mittlerweile auch eine ordentliche Scorerquote (zehn Saisontore in der abgelaufenen Spielzeit). In der offensiven Dreierreihe kann er alle Positionen bekleiden, Löw sieht ihn aber wohl am ehesten auf der linken Seite. Schreitet seine Entwicklung konstant voran, dürfte er von den Wackelkandidaten auf dieser Position die größten Chancen auf Brasilien haben.

Podolski würde sich dann eher mit einem anderen Spieler um den (möglicherweise) zweiten freien Platz im Kader streiten: André Schürrle (FC Chelsea, 22, 24 A-Länderspiele). Nach zwei Jahren bei Bayer Leverkusen hat sich der Rechtsfuß seinen Traum von England erfüllt. Hierin liegt für den Shooter Chance und Risiko zugleich: Gelingt ihm der Durchbruch in einem offensiv edel bestückten Kader mit Konkurrenten wie Eden Hazard, Oscar oder Juan Mata? Oder wird er gar zum zweiten Marko Marin und versauert auf der Bank? Nüchtern betrachtet wird Schürrle eher den Arrivierten Druck machen, als zum Dauerreservisten zu mutieren. Dennoch kann man über die Zukunft des schnellen, schussstarken Flügelspielers eigentlich keine seriöse Prognose abgeben. Da er künftig wie Podolski in der Premier League spielt, dürfte der Vergleich zwischen beiden wohl zum Dauerthema werden.

Hinter diesen drei gibt es eine Reihe von Außenseitern. Am ehesten dürften noch Lewis Holtby (Tottenham Hotspur, 22, drei A-Länderspiele) für das Zentrum und Sidney Sam (Bayer Leverkusen, 25, zwei A-Länderspiele) bzw. Patrick Herrmann (Borussia Mönchengladbach, 22, noch ohne Einsatz) für den Flügel minimale Chancen haben. Die zuletzt eingeladenen Nicolai Müller (FSV Mainz 05, 25, zwei A-Länderspiele), Aaron Hunt (Werder Bremen, 26, drei A-Länderspiele) und Kevin Großkreutz (Borussia Dortmund, 24, drei A-Länderspiele) haben wohl nur theoretische WM-Chancen.

ANGRIFF (null bis zwei freie Plätze)

Kitzlig wird es im Angriff. Standen 2006 noch fünf echte Angreifer im deutschen WM-Kader, sollte man sich nicht wundern, wenn 2014 mit Miroslav Klose nur ein einziger Mittelstürmer nominiert wird und Löw bei Bedarf auf eine „falsche Neun“ (Götze, Özil, Müller) setzt. Nun muss man fragen: Was ist denn mit Mario Gomez (Bayern München, 27, 58 A-Länderspiele)? Der Noch-Bayer ist ein Angreifer von Weltformat, der eine starke Physis mit erstklassigen Trefferquoten kombiniert. Und Löw wäre blauäugig, sich in einem Jahr auf die Gesundheit des 35-jährigen Klose zu verlassen, der in den letzten beiden Spielzeiten verletzungsbedingt mehr als ein Drittel aller Spiele verpasst hat. Doch Gomez ist der deutsche WM-Kandidat mit der unsichersten Zukunft. Sein Weg bei Bayern ist zu Ende, daraus macht niemand einen Hehl. Doch wohin geht er? Der AC Florenz soll die besten Karten haben. Nur darf man sich bei allem Respekt fragen, was Gomez bei einem Europa-League-Starter will, der seinen bislang besten Spieler (Stevan Jovetic) abgeben würde, um ihn holen zu können. Eigentlich muss Gomez nach England. Dort dürfte das Spiel des klassischen Typs Torjäger am ehesten zur Geltung kommen. Doch egal, wohin es ihn verschlägt: Noch ein Jahr auf der Bank würde Löw ihm womöglich nicht verzeihen. Gomez muss spielen und treffen, bevor der Bundestrainer auf andere Gedanken kommt.

Ein solcher Gedanke, der Löw gewiss nicht ganz fern liegt, ist der an Max Kruse (Borussia Mönchengladbach, 25, zwei A-Länderspiele). Der Noch-Freiburger (elf Tore, acht Vorlagen in der Saison 2012/13) machte auf der USA-Reise als falsche Neun eine richtig gute Figur. Auch Der Bundestrainer sparte nicht an Komplimenten für den Spätstarter. Doch genau hier liegt das Problem: Kruse hat den Durchbruch erst in seinem fünften Jahr als Profi geschafft. Nun wechselt er nach Mönchengladbach, zu einem neuen Klub, der offensiv namhafte Konkurrenz aufbietet (u.a. de Jong, Herrmann, Raffael). Kruse mag noch in aller Munde sein. Ist er es im Frühjahr immer noch, könnte er für Gomez zum Verhängnis werden.

Allenfalls Außenseiterchancen dürfte Kevin Volland (1899 Hoffenheim, 20, noch ohne Einsatz) haben. Der junge Angreifer war einer der wenigen Lichtblicke im deutschen Team bei der U-21-EM in Israel. Sein Alleinstellungsmerkmal: Er verbindet die Eigenschaften eines Mittelstürmers mit denen einer falschen Neun. Noch ist er aber eher ein Vorbereiter als ein Vollstrecker. Das spricht gegen ihn. Denn gute Vorbereiter hat Löw schon genug.

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