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Dez
10

Nachgefragt: Woher kommt die Angst des Schützen beim Elfmeter?

Deutsche Mannschaften und verwandelte Elfmeter? Das gehörte lange Zeit zusammen wie Angela Merkel und Hosenanzüge. Doch spätestens seit der Niederlage des FC Bayern im Champions League-Finale gegen den FC Chelsea nach Elfmeterschießen im Mai bröckelt dieser Nimbus. Seit 2012 weiß die Fußball-Welt: Deutsche sind aus elf Metern auch nicht mehr, was sie mal waren.

Ein Elfmeter ist die größte Drucksituation im Fußball. Dabei sollte man meinen, dass es ganz einfach ist, einen Elfer zu verwandeln: Ein Fußballtor misst 7,32 Meter mal 2,44 Meter, ist also ungefähr 18 Quadratmeter groß. Ein Torhüter kann mit seinem Körper maximal ein Drittel dieser Fläche abdecken. Ein durchschnittlich hart getretener Elfmeter von 90 km/h benötigt rund 0,4 Sekunden, um den Weg von elf Metern zurückzulegen. Die menschliche Reaktionszeit beträgt aber allein schon rund 0,2 Sekunden. Würde ein Torhüter also versuchen, auf die Flugrichtung des Balls zu reagieren, wäre ein halbwegs platziert geschossener Elfmeter nicht mehr zu halten. Im Grunde hält der Schütze vom Punkt also alle Trümpfe in der Hand. Und doch findet man in jeder Profi-Mannschaft nur sehr wenige Spieler, die gerne zum Elfmeter antreten. Das muss einen Grund haben.

Psychologischer Vorteil beim Torhüter

Die geringen statistischen Erfolgsaussichten bescheren den Torhütern einen nicht zu unterschätzenden psychologischen Vorteil. Auch die meisten Zuschauer erinnern sich eher an einen „Versager“ vom Punkt als an einen Keeper, der keinen Ball abgewehrt hat. Dem geneigten Fußballfan reichen Schlagwörter wie „Belgrad 1976“ oder „München 2012“, um sich an die Namen der Spieler zu erinnern, die im entscheidenden Moment gepatzt haben (Uli Hoeneß bzw. Bastian Schweinsteiger).

Mittlerweile neigen auch immer mehr Torhüter dazu, nicht mehr nur auf das zu warten, was auf sie zukommt. Noch bevor der Schütze anläuft, bieten viele Keeper eine Ecke an, tänzeln auf der Linie, fuchteln mit den Armen herum oder greifen zu Psychotricks, wie etwa Jens Lehmann mit seinem berühmten Zettel bei der WM 2006.

Psychospielchen mit ungewissem Ausgang

Ob diese Ablenkungsversuche allerdings etwas bewirken, hängt allein vom Nervenkostüm des Schützen ab, wie der Münsteraner Sportpsychologe Jens Heuer erklärt: „Die Torhüter können zwar versuchen, den Schützen zu verunsichern. Letztlich hängt es jedoch allein von dessen mentaler Verfassung ab, ob er sich beeinflussen lässt.“

Nichtsdestotrotz gibt es viele Punkte, die beim Schützen ein mulmiges Gefühl hervorrufen können. Auf Profiniveau etwa sind die meisten Torhüter mittlerweile über die Lieblingsecke des Schützen informiert. Auch Keeper, die im Ruf stehen, „Elfmeterkiller“ zu sein, können zur Verunsicherung des Schützen beitragen.

Andererseits kann der Schütze den Spieß natürlich auch umdrehen und mit dem Wissen des Torhüters spielen: Schließlich kann der Keeper seinerseits nicht wissen, ob der Schütze wirklich seine Lieblingsecke wählt. Auf die Spitze getrieben, entwickelt sich so ein mentales Schattenboxen mit unzähligen Variablen. Klar ist aber: Wer es schafft, sein Gegenüber zum Nachdenken zu bringen, der hat im Psychoduell zumindest einen kleinen Vorteil.

Überzeugung ist die beste Schussvariante

Ein Patentrezept für das Verwandeln von Elfmetern gibt es nicht. Sowohl der Niederländer Johan Neeskens (mit der Vollspann-Variante) als auch der Spanier Gaizka Mendieta (den Torwart „ausgucken“) erzielten mit ganz unterschiedlichen Techniken enorme Trefferquoten vom Punkt. Ihre Sicherheit hatte wohl eher mit ihrer Überzeugung zu tun, dass sie wirklich verwandeln werden.

Sportpsychologe Jens Heuer rät Schützen daher, sich voll auf ihre Aufgabe zu konzentrieren: „Sowohl beim Schützen als auch beim Torhüter erhöht der Glaube an sich selbst die Erfolgsaussichten enorm. Eine positive Körpersprache spielt hierbei eine wichtige Rolle.“

Aus dem möglichen Scheitern Stärke ziehen

Wichtig sei ferner, sich bereits im Vorfeld intensiv mit den Folgen eines verschossenen Elfmeters auseinanderzusetzen und dieses Bewusstsein in Stärke umzuwandeln: „Ich kann jedem Elfmeterschützen nur raten, die Bedeutung dieses einen Schusses zu relativieren. Er sollte sich vor Augen führen, dass er kein schlechterer Fußballer ist, sollte er den Elfmeter nicht verwandeln. Diese gedankliche Auseinandersetzung sollte allerdings über Wochen und Monate erfolgen. Unmittelbar vor einem Elfmeter würde sie zu misserfolgsorientiertem Denken führen.“

Einmaligkeitssituationen kann zwar nicht 1:1 trainieren, aber zumindest annähernd wettkampfnah simulieren, etwa durch das Verknüpfen von Elfmetern im Training mit gewissen Auflagen, wie vorgegebenen Ecken oder kleinen „Bestrafungen“.

Wie so oft im Leben, gilt auch beim Schießen vom Elfmetern: Übung macht den Meister – oder eben auch nicht, wie im Falle des Argentiniers Martín Palermo, der bei der Copa América 1999 gegen Kolumbien gleich dreimal zum Elfmeter antrat – und dreimal verschoss. Verglichen damit jammern die Deutschen immer noch auf hohem Niveau…

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