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Jan
11

Die Doppelmoral zur Mega-WM

In Deutschland verteufelt, in den Schwellenländern des Fußballs bejubelt: Die Aufstockung der Fußball-Weltmeisterschaften ab 2026 von 32 auf 48 Teilnehmer spaltet Fans, Spieler und Funktionäre. Doch hinter den Argumenten der Befürworter und Gegner verbirgt sich auch eine Doppelmoral.

Der Sturm der Entrüstung setzte auf Ansage ein. Als „idiotisch“, „erschreckend“ oder gar „gefährlich“ brandmarkte die deutsche Fußballbranche am Dienstag den Beschluss der FIFA-Exekutive, die Fußball-Weltmeisterschaften aufzublähen und so „mehr Ländern die Chance zu geben, beim größten Fest des Fußballs dabei zu sein“, wie Weltverbandsboss Gianni Infantino voller Pathos schwadronierte.

FIFA schiebt falsche Motive vor

Dass mehr Teams bei einer WM etwas Völkerverbindendes haben, lässt sich nicht bestreiten. Doch auch Infantino muss klar sein, dass die Qualität leidet, wenn beispielsweise Venezuela, Burkina Faso, Usbekistan oder Vanuatu bei der WM mitmischen. Bis es richtig spannend wird, was für gewöhnlich erst ab dem Viertelfinale der Fall ist, wären 2026 bereits 72 von 80 Spielen gelaufen. Da braucht man einen langen Atem.

Man wird froh sein müssen, wenn das Niveau auch nur annähernd das der EM 2016 in Frankreich erreicht – die durch die UEFA kürzlich erst von 16 auf 24 Starter erweitert und damit sportlich verwässert wurde. Das ist auch beim Weltverband registriert worden. Gestört hat es nicht.

Niemand bei der FIFA spricht es aus. Aber mehr Länder an der WM teilnehmen zu lassen, hat vor allem zwei Gründe: Geld und Macht. Die Aufstockung der Endrunde soll dem Weltverband zwischen 600 Millionen und 1 Milliarde Euro mehr als bislang in die ohnehin zum Bersten gefüllte Kasse spülen. Und nebenbei löst Infantino mit der Aufstockung auch noch sein größtes Wahlversprechen ein und zementiert damit seine Stellung an der Spitze des Weltverbandes. Seit dem 10. Januar 2017 muss man davon ausgehen, dass dem Schweizer in den nächsten Jahren höchstens die FIFA-Ethikkommission gefährlich werden kann. Jeder Gegenkandidat bei Präsidentenwahlen steht dagegen wohl auf verlorenem Posten.

Der DFB sorgt sich um den Wert von „La Mannschaft“

Von den großen Fußballverbänden hat der Deutsche Fußball-Bund am lautesten gegen die Mega-WM gewettert. „Meine große Sorge ist, dass sich der Fußball an sich verändert, dass die Attraktivität des Spiels leidet“, sagte DFB-Präsident Reinhard Grindel nach dem Beschluss und schob hinterher: „Wenn die Fußball-WM insgesamt an Attraktivität verliert, leidet die Akzeptanz bei Fans und Sponsoren, und dann leidet zwangsläufig auch die Vermarktung.“

Mit diesem Satz hat sich der DFB-Boss selbst entlarvt. Im Zuge der seit 2004 beständig fortschreitenden „Bierhoffisierung“ der Nationalmannschaft ist die Elite des deutschen Fußballs nämlich mehr als eine Mannschaft. Sie ist „Die Mannschaft“! Wenn aus marketingstrategischen Gründen hilfreich, auch gerne mal „La Mannschaft“. Und wer weiß was sonst noch in den nächsten Jahren.

Sponsorendeals in zwei- bis dreifacher Millionenhöhe mit Big Playern wie adidas oder Mercedes-Benz lassen sich natürlich auch für den Weltmeisterverband nur dann weiter erzielen, wenn das Premium-Produkt, also „Die Mannschaft“, auch Hochglanz liefert. Bei WM-Gruppengegnern wie beispielsweise Gabun und Tahiti und einem Sechzehntelfinalgegner vom Range Albaniens dürfte es allerdings schwierig werden, das gewisse Etwas zu versprühen. Gegen mauernde Außenseiter muss solange angerannt werden, bis das erste, zweite oder vielleicht auch dritte Tor gefallen ist. Und wenn man Pech hat, macht der Gegner dann erst recht die Schotten dich, um den Schaden zu begrenzen.

Die Motive der Ligen sind scheinheilig

Die großen Doppelmoralisten kommen aber aus den Ligen, vor allem aber aus der Interessenvertretung der europäischen Großklubs (ECA). ECA-Boss Karl-Heinz Rummenigge hatte in der Vorwoche unverblümt erklärt, was sein großes Problem mit der Mega-WM ist. „Hier spielen politische und finanzielle Gründe eine Rolle“, sagte der Vorstandsvorsitzende von Bayern München.

Diese Aussage ist durchaus interessant. Immerhin war Rummenigge eine treibende Kraft bei der jüngsten Reform der Champions League, welche den Klubs aus Deutschland, England, Italien und Spanien ab 2018 noch mehr Sicherheit (sprich: Geld) einbringt und damit das Leistungsgefälle im europäischen Klubfußball nochmals vergrößern wird.

Und die Ligen, ob Bundesliga, Premier League, La Liga oder Serie A, tun seit Jahren alles, um bei den Fernseheinnahmen und beim Marketing möglichst viel herauszuschlagen. Wenn es um das eigene Interesse geht, ist es nur recht und billig, asien-freundlichen Anstoßzeiten zuzustimmen oder ein Trainingslager am anderen Ende der Welt zu veranstalten. Die Belastung der Spieler rührt daher natürlich nicht, die entsteht nur bei den Nationalteams. P.S.: Auch bei der Mega-WM werden wie bislang 7 Spiele zum Titel reichen.

Die Doppelmoral der Fans

Ja, auch die Anhänger sollten sich in hitzigen Stammtisch-Diskussionen über die Mammut-WM selbst hinterfragen. Wen man auch fragt, jeder Fan in Deutschland findet die Aufstockung schlicht und einfach scheiße. Dem ist kaum zu widersprechen. Allerdings hat auch so ziemlich jeder Fan das mit der Aufstockung der EM 2016 auf 24 Starter für eine mäßige Idee gehalten.

Und doch haben ARD und ZDF im letzten Jahr bei der EURO Traumquoten erzielt: 19 der 20 meistgesehenen Sportübertragungen 2016 in Deutschland waren Spiele der Europameisterschaft. Die erfolgreichste Olympia-Übertragung kam nicht einmal unter die Top 40.

2026 müssten die schimpfenden Fans eigentlich so konsequent sein den Fernseher bei China gegen Togo oder Rumänien gegen Nordkorea einfach mal auslassen. Wetten, dass trotzdem mehr als 10 Millionen Deutsche einschalten werden?

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