«

»

Jul
25

Die Evolution des Angreifers: Von Luca Toni zur falschen Neun

„Irgendwas mit Luca Toni“ war die Vorgabe von „König Otto“, dem Aktives-Abseits-Quiz-Champion des Monats Juni für seinen Wunschartikel. Vorhang auf!

Gerade einmal fünf Jahre ist es her, dass der Italiener Luca Toni im Dress des FC Bayern mit 24 Treffern Torschützenkönig der Bundesliga wurde. Mittlerweile ist nicht nur Toni selbst aufgrund seiner 36 Jahre ein Auslaufmodell. Auch der Stürmertyp Toni (Marke „kantig, aber treffsicher“) scheint kaum noch gefragt zu sein. Wie schnell die Zeit vergeht.

Irgendwo zwischen Torlinie und Elfmeterprunkt positionierte er sich meist. Hier eine kleine Bewegung, da den Fuß ausgestreckt, und drin war der Ball. In der eigenen Hälfte sah man ihn nur beim Anstoß, und selbst in die Nähe des Mittelkreises verirrte er sich nur selten. Dennoch wäre es übertrieben, Luca Toni, der gerade bei Hellas Verona den 16. Profivertrag seiner Karriere unterschrieben hat, zum Standfußballer abzutun.

Vielmehr hatte Toni trotz seiner fußballerischen Mängel, die zum Teil auch auf seine Körpergröße von 1,94 Metern zurückzuführen waren, Qualitäten, die ihn zwischen 2004 und 2008 zu einem der treffsichersten Angreifer der Welt machten. In diesen vier Jahren gelangen ihm 92 Ligatore für Palermo, Florenz und Bayern München – ein Wert, für den man sich beileibe nicht entschuldigen muss und der seine Spielweise in gewisser Art rechtfertigt.

Klein und wendig statt groß und kantig

Und doch ist es fraglich, ob ein Jugendlicher mit den Körpermaßen Tonis im modernen Fußball als Angreifer überhaupt noch Fuß fassen könnte. Der Trend wird auch im Fußball immer von dem vorgegeben, der erfolgreich ist. Diesen Trend bestimmten in den letzten Jahren der FC Barcelona mit Lionel Messi und Welt- und Europameister Spanien. Prominente Nachahmer sind u.a. die deutsche Nationalmannschaft und Bayern München.

Sie setzen bevorzugt auf kleine, wendige, laufstarke und passsichere Akteure in der Spitze. Und weil der Rest der Fußballwelt den Erfolgreichen nachfolgt, würde ein junger Luca Toni heutzutage wohl eher zum Verteidiger umgeschult – wobei auch hier irgendwann kleinere Typen gefragt sein könnten, sollten die „falsche Neun“ weiterhin Schule machen.

Gomez ist ein Opfer des Trends

Dass er als Stürmertyp nicht mehr unbedingt en vogue ist, musste neulich auch Mario Gomez feststellen. Der 27-Jährige Angreifer mit dem Gardemaß von 1,89 Metern und der imposanten Bilanz von 262 Treffern in 451 Profieinsätzen war jüngst bei Champions-League-Sieger Bayern München mehr geduldet als gewollt und ging unter Marktwert zum AC Florenz.

Grund: Der neue Trainer Pep Guardiola, der den „echten“ Mittelstürmer schon beim FC Barcelona abgeschafft hat, möchte dies allem Anschein nach nun auch beim FC Bayern tun. Bundestrainer Jogi Löw, der seit jeher fast alles gut findet was aus Spanien kommt, ist auf diesen Zug ebenfalls schon aufgesprungen.

Zwar findet man nach wie vor echte Sturmkanten, wie Sascha Mölders beim FC Augsburg, doch grundsätzlich kann man sagen: Je größer die Ambitionen eines Vereins, desto mehr Mittelfeldspielermerkmale bringen die Angreifer mittlerweile mit. Schnelligkeit, großes Laufvermögen und eine exzellente Technik sind mittlerweile unabdingbare Voraussetzungen. Perfekt ist es dann noch, wenn ein solcher Spieler auch das Tor trifft.

Van Persie als Idealtypus des angelernten Mittelstürmers?

Robin van Persie von Manchester United ist so etwas wie das Paradebeispiel für die perfekte Symbiose. Der 29-jährige Niederländer hat es dank seiner Ausbildung als ehemaliger Flügelstürmer im Lauf seiner Karriere zu einem Top-Knipser gebracht. Schnell und laufstark war er seit eh und je, auch die Technik stimmte. Seit drei Jahren wird van Persie nun konsequent als Mittelstürmer aufgeboten. Seine Quote: 101 Premier-League-Spiele, 74 Tore.

Dabei muss man an dieser Stelle eigentlich noch einen Stürmertyp nennen, der – anders als Lionel Messi als Prototyp der falschen Neun – überhaupt nicht im Zentrum spielt: Cristiano Ronaldo, der bei Real Madrid seit vier Jahren in der Offensive mit einem Freibrief ausgestattet ist, kommt bevorzugt über die linke Seite und erzielte seit 2009 für die Königlichen dennoch unglaubliche 201 Tore in 199 Pflichtspielen. Dass der gesamte Defensivverbund Reals aufgrund von Ronaldos Sonderstellung des Öfteren in Schwulitäten gerät, sollte an dieser Stelle der Vollständigkeit halber aber auch erwähnt werden. Überspitzt kann man sagen: Ist der Gegner im Ballbesitz, ist Real immer in Unterzahl.

Wohin geht der Trend?

Letztlich ist die Entwicklung im Fußball immer vom Erfolg anhängig. Doch auch unabhängig davon scheint der moderne Profi mehr und mehr zum Alleskönner werden zu müssen: Torhüter müssen nicht nur Bälle halten, sondern als eine Art Libero-Nachfolger auch noch die eigene Abwehr absichern. Innenverteidiger müssen neben der Abräumarbeit auch das Spiel aufbauen können wie ein Mittelfeldspieler. Außenverteidiger beackern oftmals ihre komplette Seite. Sie initiieren Angriffe, halten ihre Seite dicht und sollen im Idealfall auch noch von der Torauslinie flanken. Mittelfeldspieler müssen Räume zu machen wie ein Verteidiger, zugleich aber auch erfolgreich abschließen können.

Im Grunde ist es da nur logisch, dass auch ein Angreifer immer mehr zum Alleskönner werden muss. Luca Toni hatte das Glück, seine beste Form in einer Zeit zu haben, in der ein reiner Knipser noch gefragt war und von einer Spitzenmannschaft getragen wurde. Unsere Kinder werden diesen Typus bald nur noch aus Erzählungen kennen. So wie wir uns beim Ansehen alter Sequenzen immer wundern, wieso Franz Beckenbauer ohne Gegenwehr vom eigenen zum gegnerischen Strafraum dribbeln konnte. Unterm Strich steht die Erkenntnis: Fußball wird immer totaler. Bleibt zu hoffen, dass wir uns auch in Jahren immer noch total mit ihm identifizieren und dass uns nicht irgendein Element der „guten alten Zeit“ fehlt.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*