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Okt
19

Die „Handreasen“-Affäre: Pro und Contra zum Videobeweis

Durch das Tor von „Volleyballer“ Leon Andreasen hat Hannover 96 das Bundesligaspiel beim 1. FC Köln mit 1:0 gewonnen. In der Folge entspann sich nicht nur eine Diskussion um Fairplay, sondern vor allem um die Notwendigkeit des Videobeweises im Fußball. Dabei neigt man in der Erregung dazu, die rasche Einführung zu fordern. Doch was ist mit dem Contra?

Timo Horn verstand die Welt nicht mehr. Der Torhüter des 1. FC Köln reklamierte nach dem Handtor von Leon Andreasen wort- und gestenreich bei Schiedsrichter Bastian Dankert. Als es nichts half, bestürmte er dessen Assistenten an der Seitenlinie. FC-Trainer Peter Stöger verschlug das entscheidende Tor beim 0:1 gegen Hannover 96 gar die Sprache, der Österreicher bot dem Schiedsrichter in einer Mischung aus Bitterkeit und Süffisanz seine Brille an.

Keine Frage: Im Millionengeschäft Bundesliga darf ein solches Tor nicht gegeben werden! Was, wenn Hannover 96 wegen der ergaunerten Punkte von Köln am Saisonende die Klasse hält und ein unbeteiligter Klub deswegen in die 2. Bundesliga absteigen muss? Losgelöst von der moralischen Frage, in der sowohl „Handreasen“ als auch 96-Trainer Michael Frontzeck ein professionelles, aber keineswegs faires Bild abgaben, fühlt man sich bemüßigt, die dringende Einführung des Videobeweises zu fordern.

In der Tat gibt es gute Gründe für den Videobeweis

  • Der Gewinn der Meisterschaft bringt nicht nur Ruhm und Ehre, sondern spült auch Unsummen in die Kasse eines Vereins. Genauso kostet ein Abstieg einen Klub nicht nur Millionen Euro, sondern kann im schlimmsten Fall auch das Nimmerwiedersehen aus der Bundesliga bedeuten. Mit dem Videobeweis könnte man zumindest dafür sorgen, dass die wichtigsten Entscheidungen am Ende einer Saison nicht von strittigen Szenen abhängen.
  • Im Eishockey oder Hockey ist der Videobeweis bei den wichtigsten Szenen (Tor oder nicht Tor? Strafecke oder nicht?) bereits gang und gäbe. Obwohl in diesen Sportarten im Schnitt mehr als doppelt so viele Tore fallen wie beim Fußball und einzelne Treffer damit nicht ganz so entscheidend sind, wird der Videobeweis dort nicht angezweifelt.
  • Die Schiedsrichter würden durch die Einführung des Videobeweises weiter entlastet. Trotz ihres geschulten Blickes können sie nicht alle relevanten Szenen eines Spiels mit Gewissheit erfassen. Jeden kapitalen Fehler ein (Schiedsrichter-)Leben lang vorgehalten zu bekommen, ist keine gute Grundlage bei der Entscheidungsfindung. Dies gilt für nicht nur für Torszenen, sondern auch für Abseitssituationen, Fouls und Handspiele.
  • Im Smartphone-Zeitalter weiß jeder Fan im Stadion spätestens nach wenigen Minuten Bescheid, ob ein Treffer regulär gewesen wäre oder nicht. Auch aus diesem Grund verschärfte sich in Köln die Stimmung gegen die Schiedsrichter.
  • Mit der Torlinientechnik ist die Zuhilfenahme technischer Mittel bereits geschehen. Das ganz große Tabu ist damit gebrochen, die Einsicht bei der FIFA zur weiteren Ausschöpfung der Möglichkeiten wäre eigentlich nur der nächste logische Schritt.

Doch auch das Contra zum Videobeweis ist ergiebig

  • Der Fußball ist nicht zuletzt deswegen so populär, weil das Spiel sich in seinen Grundfesten seit dem 19. Jahrhundert kaum verändert hat. Mit der Torlinientechnologie ist die wichtigste Frage bei Millimeterentscheidungen auf der Torlinie gefällt. Mehr Input würde das Spiel massiv verändern – und nicht zuletzt die Diskussionskultur einschränken.
  • Es ist fast unmöglich, beim Videobeweis ein Limit zu setzen. Schaut man sich nur Szenen vor Toren an? Nimmt man auch strittige Strafraumszenen hinzu und Zweifelsfälle beim Abseits? Irgendwann würde es um strittige Einwürfe und Ecken gehen, immerhin könnten ja auch die eine spielentscheidende Szene einleiten. Dies würde zu mindestens 30 Unterbrechungen in einer einzigen Partie führen und dem Spiel den Rhythmus nehmen. Selbst eine Lösung mit beispielsweise drei „Video-Jokern“ pro Mannschaft und Spiel wäre nicht optimal, weil diese Joker auch als taktisches Mittel eingesetzt werden könnten. Die Entscheidungshoheit über den Einsatz von Video müsste beim Schiedsrichter oder einem zu installierenden Oberschiedsrichter liegen.
  • Man müsste in der Folge überlegen, die Stadionuhr wie beim Eishockey oder Hockey zu stoppen, um aufgrund der vielen und langen Unterbrechungen nicht 10 oder 15 Minuten nachspielen zu müssen. Dies wäre eine Zeitspanne, die über den Ermessenspielraum des Schiedsrichters hinausgeht. Diskussionen wären vorprogrammiert, warum denn der Referee zu früh oder zu spät abgepfiffen hätte.
  • Szenen wie das Handtor von Andreasen hat man vielleicht alle paar Jahre. Vor Andresasen erzielte zuletzt Markus Schroth in der 1. Bundesliga ein solch eindeutiges Handtor – für 1860 München vor sage und schreibe 13 Jahren. Da sind selbst Situationen häufiger, in denen die Torlinientechnik Aufklärung bringt. Nur deswegen wäre der Videobeweis des Guten zu viel.

Fazit: Abseits muss fragwürdig bleiben, Falschspieler müssen Charakter zeigen

Der Videobeweis ist schön und gut. Er schafft Transparenz, strittige Entscheidungen im Fußball würden der Vergangenheit angehören. Auch gern benutzte Floskeln wie „Das gleich sich im Verlauf einer Saison aus“ wären hinfällig. Doch zugleich würde man mit dem Videobeweis den Fußball in seiner DNA verändern, ja mutieren. Nein, über Elfmeter und Abseits muss man weiter streiten dürfen. Nur dann kann das Spiel aller Skandale auf Funktionärsebene zum Trotz die Menschen weiterhin fesseln.

Und was Andreasen und Frontzeck angeht oder berühmte Vorgänger wie Diego Maradona, Markus Schroth oder Tor-Verhinderer per Hand wie einst der frühere Schalker Oliver Held, so liegt die Lösung nur im unbedingten Appell an das Fair Play. Wer solche krassen Regelverstöße nicht zugibt, ist des Fußballspielens auf der großen Bühne nicht würdig. Das ist mit Professionalismus nicht zu entschuldigen. Rudi Völler würde wohl sagen, dass so jemand das Spiel „nie geliebt“ hat. Und wer das Spiel nicht liebt, der sollte auch von den eigenen Fans ausgepfiffen werden. Damit man keine Fairplay-Preise mehr für Selbstverständliches vergeben muss.

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