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Apr
10

Die Sommerpause abschaffen? Bitte nicht!

Karl-Heinz Rummenigge, seines Zeichens Vorstandschef des FC Bayern und Vorsitzender der Europäischen Klubvereinigung ECA, hat gestern mit einer nicht ganz neuen Idee für Aufsehen gesorgt: Der 57-Jährige sprach sich für die Abschaffung der Sommerpause aus – ein Vorschlag, für den er in mehreren Online-Votings große Zustimmung erntete. Doch ist das Modell wirklich die Lösung aller Probleme? Oder verschlimmert es sie letztlich sogar?

„Die Fußballfamilie ist sich einig: Entweder wird 2022 in Katar im Januar und im Februar oder im Oktober und im November gespielt. Ich sehe in diesem Modell auch eine Chance für die Bundesliga. Von Mai bis August wird bei uns in Deutschland nicht Fußball gespielt, obwohl in diesen Monaten das beste Wetter herrscht. Vielleicht sollten wir lieber pausieren, wenn das Wetter hier schlecht ist. Das könnte ein Vorteil sein.“ (Karl-Heinz Rummenigge, „Die Welt“, 9. April 2013)

Was der 57-Jährige im Gespräch mit dem Hamburger Blatt gesagt hat, klingt durchaus plausibel. Wer hätte keine Freude daran, häufiger in T-Shirt und Shorts ins Stadion zu gehen? Es ist ja auch nicht so, als würde dies nirgends praktiziert. In Ländern wie Schweden oder Norwegen wird bereits seit einer gefühlten Ewigkeit nach dem Kalenderjahr gespielt. Die Saison beginnt dort im März und endet im November, eine Sommerpause gibt es nicht.

Diese Regelung hat allerdings ganz simple Gründe: Im langen skandinavischen Winter ist an Fußballspielen unter freiem Himmel oft nicht zu denken. In unseren Breiten ist die Lage jedoch eine andere. Trotz des ungewöhnlich langen Winters 2012/13 sind die Plätze in den Eliteklassen Deutschlands, Englands, Spaniens, Italiens oder Frankreichs auch im Januar oder Februar oft gut bespielbar. Weiterhin gibt es kaum noch weite Ovale, in die der Wind nur so hineinbläst. Kurzum: In Mittel- und Südeuropa ist Fußball für Spieler und Zuschauer im Winter gewiss keine „Qual“ mehr.

Vorteile in der Vermarktung

Neben dem Luxusargument des besseren Wetters führt Rummenigge weiterhin Marketingaspekte an: Reisen der großen Vereine, die den Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad der Bundesliga erhöhen, seien in einer kurzen Sommer- oder Wintervorbereitung kaum zu realisieren, so der Europameister von 1980. Mit einer einzigen langen Saisonunterbrechung im Winter sähe das anders aus.

Rummenigge wird konkret: „Es hat auch für die DFL Nachteile, wenn der FC Bayern oder Borussia Dortmund nicht auf Reisen gehen können. Wenn wir die Auslandsvermarktung der Liga verbessern wollen, müssen wir in die USA, nach Asien oder auch nach Osteuropa.“ Die Klubs müssten zusehen, wie sie „mehr Geld verdienen“, um im Kampf um die Europapokaltitel häufiger ein Wort mitzusprechen, so der frühere Weltklassestürmer.

Eine Revolutionierung des Spielplans wäre erforderlich

Damit Rummenigges Idee greifen kann, müssten der Weltverband FIFA und in der Folge auch die Kontinental- und die Nationalverbände ihre Terminpläne umstellen. Denn die Bundesliga würde aus Angst, in den Achtel- und Viertelfinals der Europapokalwettbewerbe gegen die August-bis-Mai-Ligen im Nachteil zu sein, vermutlich nicht allein in den Kalenderjahr-Rhythmus wechseln wollen. Folglich müssten alle mitziehen, und zwar nicht nur die ersten und zweiten Ligen, sondern auch der komplette Amateurbereich. Anders ließe sich ein System mit Aufstieg und Abstieg nicht mehr umsetzten. Auch der DFB-Pokal und die Verbandspokale müssten diesem Rhythmus folgen.

Im nächsten Schritt würden sich die internationalen Wettbewerbe anpassen müssen. Der Europapokal wird sich immer am Rhythmus der größten Ligen orientieren, also müsste auch hier eine Reform erfolgen, wonach die Gruppenspiele von Champions League und Europa League im Frühling auf dem Programm stünden und die Endspiele am Saisonende im November über die Bühne gingen.

WM und EM dauerhaft im Winter?

Wenn das noch irgendwie tolerabel erscheint, wird es bei der Terminierung der Welt- und Europameisterschaften haarig. Die würden nämlich die Ligen gewiss nicht zu einer Unterbrechung von Mai bis Juli zwingen wollen – mit der Konsequenz, dass wir im Grunde die gleiche Konstellation hätten wie bisher. Allerdings mit dem feinen Unterschied, dass die großen Turniere dann dauerhaft in den Wintermonaten statt im Sommer stattfinden würden. Bei der WM 2022 in Katar mag das eine Notwendigkeit sein; sollte eine WM oder EM aber nach Mittel- oder Nordeuropa vergeben werden, hätte man gleich wieder Probleme mit dem Klima – ganz abgesehen davon, dass in Deutschland sicherlich nicht allzu viele Leute Lust hätten, sich bei Minusgraden in den Innenstädten vor Großleinwänden einzufinden und Siege ihrer Mannschaft mit Glühwein anstatt mit Bier zu begießen.

Weiter gedacht, käme wohl auch ein alter Blatter-/Platini-Plan wieder aus der Schublade. Der FIFA- und der UEFA-Boss hatten vor über zwei Jahren schon einmal angeregt, auch die Qualifikation für die großen Turniere in einem Block auszutragen. Wenn die Wochen vor und nach dem Jahreswechsel der Regeneration dienen und in den Ligen bzw. Europapokalwettbewerben der Ball von März bis November rollt, bliebe dann fast nur noch der Februar/März für Länderspiele. Wäre das nicht ein Fest, die Nationalmannschaft über Wochen im Samstag-Mittwoch-Rhythmus gegen Kasachstan, Färöer, Irland, Österreich und Schweden spielen zu sehen?!? Und was würden die Vereine sagen? Bezahlen ihre Profis zwölf Monate lang, bekommen ihre Nationalspieler aber von November bis März kaum zu Gesicht…

Mal an die anderen denken

Nicht zu vergessen: Bislang haben viele andere Sportgroßereignisse gezielt einen Bogen um die Zeit von Mai bis Anfang Juli gemacht, in denen die Entscheidungen im Klubfußball fallen und die WM- bzw. EM-Turniere über die Bühne gehen. Olympische Sommerspiele finden im August statt, Winterspiele im Februar, wenn die Fußballsaison noch weit von ihrem Kulminationspunkt entfernt ist.

Wenn jedoch Welt- und Europameisterschaften im Februar/März stattfänden, wären vor allem die Wintersportler die Gelackmeierten. Sollen Olympische Winterspiele etwa künftig auf den Dezember bzw. Januar oder auf ungerade Kalenderjahre ausweichen, nur weil der übermächtige Fußball in deren Territorium wildert?!?

Und was sagen die Familien? Papa will nur noch nach Holland in die Sommerferien, damit er an den Bundesliga-Samstagen und an den Europacupspieltagen seine Dauerkarte bei seinem Herzensverein wahrnehmen kann?!?

Grundsätzlich sind Reformen im Fußball zu begrüßen – weil sie oftmals überfällig sind. Den Spielplan zu verändern hätte aber so weitreichende Folgen, dass der gesamte Sport Schaden nehmen würde. Nur weil es 2022 einen Sonderfall geben muss/wird, sollte man nicht alles umstoßen, was sich bewährt hat.

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