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Jan
23

Do it like Lance! – Dopingfälle im Fußball

Die belastenden Fakten, die in den letzten Monaten rund um den einstigen „Tourminator“ Lance Armstrong zu Tage gefördert wurden, lassen den Radsport in einem immer düsteren Licht erscheinen. Doch auch „König Fußball“ ist vor Dopingfällen nicht gefeit. Viele Spieler gingen den Fahndern aus Dummheit ins Netz. Doch manche Fälle lassen auch auf systematisches Doping schließen.

„Wer mit links nicht schießen kann, trifft den Ball auch nicht, wenn er 100 Tabletten schluckt.“ (Otto Rehhagel)

Dass Doping im Fußball angeblich nichts bringt, ist ein verbreitetes Mantra. Der oben genannte Otto Rehhagel ist sicherlich einer der bekanntesten Verfechter dieser These. Was Schusstechnik, Ballverarbeitung oder taktisches Verständnis angeht, mag der Europameistertrainer von 2004 sogar Recht haben. Doch unbestritten ist auch, dass sich Faktoren wie Ausdauer, Kraft oder Regenerationsfähigkeit, die ebenfalls über den Ausgang eines Fußballspiels entscheiden können, durch die Einnahme von Dopingmitteln verbessern lassen. Hinzu kommt, dass ein fitter Spieler einen Ball in der Regel besser verarbeitet als ein Akteur, der vor Erschöpfung jegliches Feingefühl in seinen Füßen verloren hat.

Wenig verwunderlich ist daher, dass es auch im Fußball immer wieder positive Dopingbefunde gegeben hat. In den meisten Fällen waren diese eher der Dummheit der Spieler geschuldet, die aus Eitelkeit und ohne Absprache mit dem Mannschaftsarzt zu Haarwuchsmittel (u.a. Nemanja Vucicevic) oder Appetitzüglern (u.a. Roland Wohlfarth) gegriffen oder sich von ihren üppigen Gehältern ein paar Party-Drogen gegönnt haben.

Dieser Umstand schließt allerdings nicht aus, dass nicht auch im Fußball mit unlauteren Mitteln „optimiert“ wird. Das nachzuprüfen, ist die Aufgabe der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und der nationalen Anti-Doping-Agenturen. Doch bereits in der Vergangenheit gab es unzählige Dopingfälle, die auf systematisches Doping schließen lassen.

Verdächtige Todeswelle in Italien

Ein knappes Dutzend Spieler, die in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren beim italienischen Erstligisten AC Florenz unter Vertrag standen, sind eines unnatürlich frühen Todes gestorben. In Italien ist längst vom „Fluch der Fiorentina“ die Rede. Spielerwitwen und noch lebende Akteure jener Zeit berichteten von mysteriösen Infusionen an den Spieltagen. In der Tat wurden den Fiorentina-Spielern damals Präparate wie Micoren und Cortex verabreicht. Micoren hat einen ähnlichen Effekt wie das aus dem Radsport der 1990er Jahre bekannte EPO: Es erhöht den Sauerstoffgehalt im Blut und verbessert so die Ausdauer. Cortex wiederum ist ein Anabolikum, es unterstützt also den Muskelaufbau.

Auch bei Inter Mailand, dem weltweit erfolgreichsten Klub der späten 1960er Jahre, sollen unter der Ägide des legendären Trainer-Diktators Helenio Herrera vor den Spielen mysteriöse Pillen in der Kabine verteilt worden sein. Auch aus der Ära des „Grande Inter“ sind bereits sieben Spieler eines frühen Todes gestorben.

Ein wissenschaftlich haltbarer Zusammenhang zwischen der Einnahme dieser Präparate und dem frühen Ableben vieler Männer, die diese Mittel über Jahre konsumiert haben, ließ sich bislang nicht herstellen. Hinzu kommt ein nicht ganz unwichtiger Umstand: Dopingkontrollen gab es zu dieser Zeit im Fußball offiziell noch gar nicht. Wie hätte man also etwas untersagen bzw. bestrafen sollen, das völlig legal war?!

Captagon – Was ging um in deutschen Kabinen?

Die Veröffentlichung seines Buches „Anpfiff“ bedeutete im Jahr 1987 den Abpfiff für die Karriere von Harald „Toni“ Schumacher im Tor des 1. FC Köln und der deutschen Nationalmannschaft. Schumacher behauptete damals, dass in deutschen Kabinen die Aufputschmittel Captagon und Ephedrin in rauen Mengen konsumiert würden.

Auch Trainer Peter Neururer äußerte in diese Richtung: „Es ist mir bekannt, dass früher Captagon genommen worden ist. Bis zu 50 Prozent haben das konsumiert. Nicht nur in der zweiten Liga. Auf Schalke habe ich das 1989/90 auch mitbekommen”, sagte Neururer vor ein paar Jahren der Sport Bild. Wenige Tage spöter ruderte Neururer allerdings in einem Interview mit den Ruhr-Nachrichten zurück. Was den möglichen Missbrauch von Captagon & Co. in den 1980er Jahren angeht, gilt bis heute: Nichts Genaues weiß man nicht. Doch die Gerüchte halten sich hartnäckig.

Nandrolon – Ein dunkler Pep auf Guardiolas weißer Weste

In den frühen 2000er Jahren war die Einnahme des anabolen Steroids Nandrolon vor allem in Südeuropa „en vogue“. Selbst der in diesen Tagen beinahe mystifizierte künftige Bayern-Trainer Pep Guardiola wurde 2001, zu seiner Zeit beim italienischen Erstligisten Brescia Calcio, des Nandrolon-Dopings überführt und anschließend für vier Monate gesperrt. 2005 wurde Guardiola als erster Spieler überhaupt wegen Dopings gar zu einer Haftstrafe von sieben Monaten und einer Geldstrafe von 9.000 Euro verurteilt – zumindest in erster Instanz. Denn jetzt kommt die Pointe: Guardiola legte Berufung ein und wurde später von sämtlichen Dopingvorwürfen freigesprochen…

2000er: Nandrolon-Doping mit System in Südeuropa?

Weitere prominente Nandrolon-Dopingsünder der frühen 2000er Jahren waren u.a. Frank de Boer (FC Barcelona), Christophe Dugarry (Olympique Marseille), Jaap Stam (Lazio Rom), Fernando Couto (Lazio Rom), Edgar Davids (Juventus Turin), Mohammed Kallon (Inter Mailand) und As-Saadi Al-Gaddafi, für Perugia, Udinese uns Sampdoria Genua spielender Sohn des ehemaligen libyschen Diktators Muammar Al-Gaddafi.

Bei all diesen Spielern wurden zunächst drastische Sperren ausgesprochen, die später deutlich reduziert wurden. Im Falle Dugarrys spielte sich dabei die größte Posse ab: Das Doping des französischen Weltmeisters von 1998 stellte niemand in Abrede. Gesperrt wurde der Stürmer dennoch nicht – wegen eines Formfehlers: Der durchführende Arzt hatte keine Verbands-Lizenz…

Wer kennt die Wahrheit? Und wer will sie kennen?

Ich möchte nichts unterstellen, aber ich befürchte, dass wir als Außenstehende nur einen Bruchteil der Dopingfälle kennen, die es im Sport tatsächlich gibt. Der Spitzensport ist nun einmal ein Milliardengeschäft, in dem nur die Leistung zählt und keine Schwäche geduldet wird. Für die Akteure stehen hochdotierte Verträge auf dem Spiel. Für die Vereine und Verbände geht es um Titel, Preis- und Werbegelder. Und jede Sportart profitiert am meisten von spektakulären Bilder und übermenschlichen Leistungen, die ihrerseits den Markenwert steigern und somit gigantische Summen generieren.

Provokant gefragt: Kann man es da den Protagonisten verdenken, wenn bei den Dopingtests manchmal nicht ganz so genau hingeschaut wird? Und womit sind wir als „Konsumenten“ des Sports glücklicher: Mit dem schönen Schein eines Sports, dem wir uns mit Leib und Seele verschreiben können? Oder mit der – womöglich – traurigen Wahrheit?

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