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Jul
13

Ein Jahr nach dem WM-Titel: Deutschland muss wieder Jäger werden

Heute vor einem Jahr wurde Deutschland durch das 1:0 nach Verlängerung gegen Argentinien Weltmeister. Die Nummer eins der Welt ist das Team aber derzeit nicht.

Seit vergangener Woche ist Deutschland zumindest inoffiziell nicht mehr die beste Nationalmannschaft der Welt: Trotz der Finalniederlage bei der Copa America zog Vize-Weltmeister Argentinien in der FIFA-Weltrangliste am Weltmeister vorbei, der sich auf den Tag genau vor einem Jahr durch das Jokertor von Mario Götze nach 24 Jahren wieder auf den Thron schwang.

Viele WM-Helden sind im Leistungsloch

Dass Deutschland nach objektiven Kriterien „nur“ noch die Nummer zwei der Welt ist, spiegelt die negative Entwicklung des DFB-Teams seit dem Triumph im Maracana wieder. Kapitän Philipp Lahm, Rekordtorschütze Miroslav Klose und Per Mertesacker beendeten ihre Laufbahn in der Nationalmannschaft und fehlen schmerzlich, viele andere Weltmeister erlebten ein Jahr zum Vergessen.

Bastian Schweinsteiger etwa, der just vor einem Jahr gegen die Gauchos das Spiel seines Lebens machte, scheint seinen Zenit mit bereits 30 Jahren überschritten zu haben. Der Wechsel des „Mister FC Bayern“ zu Manchester United ist ganz klar ein Abstieg.

Goldfuß Götze, der unter Trainer Pep Guardiola beim FCB ein Reservisten-Dasein fristet, aber auch André Schürrle (Reservist beim VfL Wolfsburg), Lukas Podolski (beim FC Arsenal ausgemustert, bei Inter Mailand gescheitert), Sami Khedira (bei Real Madrid abgeschoben) oder die Dortmunder „Bank-Weltmeister“ Roman Weidenfeller, Erik Durm, Kevin Großkreutz und Matthias Ginter haben empfindliche Karriereknicks nach dem Rausch erlitten.

Zu wenige Spieler mit Top-Entwicklung

Ihr hohes Level aus Brasilien gehalten haben nur wenige. Toni Kroos etwa überragte nach starker WM auch in seiner ersten Saison bei Real Madrid als umsichtiger Spielgestalter. Torjäger Thomas Müller spielte beim FC Bayern in seiner unbekümmerten Art eine weitere Saison auf internationalem Top-Niveau, ebenso wie mit leichten Abstrichen Welttorhüter Manuel Neuer und Innenverteidiger Jerome Boateng.

Der Kreis der neuen Spieler, die mit Macht in die Startelf des Weltmeisters drängen, ist noch überschaubar. Leverkusens Rechtsaußen Karim Bellarabi und der Kölner Jonas Hector auf der neuralgischen Position des Linksverteidigers haben bislang am Status Quo gerüttelt. Um eine ähnliche Ära wie die Spanier einzuläuten, die von 2008 bis 2012 alle großen Titel abräumten, muss die Nationalelf aber auch in der zweiten und dritten Reihe an Qualität gewinnen.

Der Weg nach Frankreich wird schwerer als gedacht

Das lässt sich nicht zuletzt an der Tabellenkonstellation in der Qualifikation für die Europameisterschaft 2016 in Frankreich ablesen. Glanz versprühte Weltmeister Deutschland in keiner Partie, selbst beim 7:0 im Juni gegen Zwerg Gibraltar wurden die erwarteten Tore erst in der Endphase erzielt – während sich Bundestrainer Joachim Löw auf der Bank arrogant die Fingernägel feilte.

Obwohl die beiden Bestplatzierten jeder Gruppe direkt nach Frankreich fahren und dort in zehn hochmodernen Stadien um den Titel kämpfen, muss sich Deutschland auf einen „heißen Herbst“ gefasst machen: Durch das 0:2 in Polen und das 1:1 gegen Irland werden die Rückspiele gegen beide Gegner sowie das schwere Auswärtsspiel in Schottland – das Hinspiel wurde mühevoll 2:1 gewonnen – auch zu Charakterproben.

Das Schaulaufen ist beendet

Zwar merkte Ex-Bundestrainer Berti Vogts zuletzt an, dass Deutschland „immer noch die beste Mannschaft der Welt sei“, ja „nicht aufzuhalten“ sei, wenn sie einmal wieder in Fahrt käme – doch dass die Spieler, von denen mindestens ein halbes Dutzend Weltklasseformat besitzt, auf Abruf mehrere Gänge hochschalten können, darf angesichts des pomadigen vergangenen Jahres ruhig einmal infrage gestellt werden.

Nicht zuletzt Löw als Kopf des Unternehmens EM-Titel wird ein Jahr vor dem Turnier in Frankreich alle Dankbarkeit über Bord werfen und einen knallharten Verdrängungswettbewerb ausrufen müssen. Bringt Lukas Podolski auch in Istanbul keine Leistung, darf er trotz 125 Länderspielen nicht mehr nominiert werden. Bleibt André Schürrle in Wolfsburg der teuerste Edelreservist der Welt, muss der Bundestrainer auch seine Rolle überdenken. Gleiches gilt für den bislang gesetzten Innenverteidiger Mats Hummels, der seine wohl schwächste Saison in Dortmund gespielt hat.

Die Konkurrenz aus Spanien, Italien, Frankreich, den Niederlanden, Belgien oder England ist gewiss mindestens so hungrig wie die deutsche Mannschaft es vor einem Jahr war. Mit der seither eingesetzten Sättigung wird für die DFB-Auswahl in Frankreich nicht viel mehr drin sein als das Viertelfinale. Der Countdown läuft. Das Finale in Paris steigt am 10. Juli 2016.

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