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Jun
19

Ein Jahr vor der WM: 16 Plätze im DFB-Kader sind schon vergeben

In einem Jahr wird die Weltmeisterschaft in Brasilien (12.6. bis 13.7. 2014) bereits in vollem Gange sein. Viele Favoriten wie Spanien, Brasilien, Uruguay oder Italien testen gerade beim Confed Cup die Gegebenheiten und proben schon einmal den Ernstfall. Deutschland hat das Turnier verpasst. Die WM könnte trotzdem schon kommen, weil der DFB-Kader auf vielen Positionen bereits steht.

Im Sport kann es oft ganz schnell gehen. Eine Verletzung zur Unzeit, ein Trainerwechsel, eine Systemumstellung oder eine massive Formkrise können die Karriere eines Spielers ganz schnell wenden. Dennoch sollten die folgenden Spieler unter normalen Umständen ihre WM-Tickets bereits in der Tasche haben.

TORHÜTER

Manuel Neuer (27 Jahre/38 A-Länderspiele)
Seine Trainer und Mitspieler in der Nationalmannschaft und beim FC Bayern stehen bedingungslos hinter ihm. Wen man auch fragt, fast jeder wird Manuel Neuer Weltklasseformat bzw. zumindest das Potenzial zur Weltklasse attestieren. Auch wenn Neuer sich in den weniger wichtigen Spielen der abgelaufenen Saison auch mal eine Unkonzentriertheit geleistet hat, wird der Keeper des Triple-Gewinners Bayern München zur WM fahren – als Stammkeeper.

René Adler (28/12)
2010 kostete ihn eine Ellenbogenblessur die WM, zu der er voraussichtlich als Nummer eins gefahren wäre. 2012 war er nach einer langen Verletzungspause nicht einmal ein Randthema für eine EM-Nominierung. Erst sein Wechsel von Leverkusen nach Hamburg, gefolgt von einem sehr starken und einem immer noch überdurchschnittlichen Halbjahr, haben Adler wieder in den Kreis der Nationalmannschaft gebracht. Dort hat er die Jüngeren, die zwischenzeitlich um die vakante Position der Nummer zwei gekämpft haben, mit einer starken Leistung beim 2:1 in Frankreich direkt wieder in die Tasche gesteckt. Danach war Ruhe. Und allen war klar: Dieser Mann ist die Nummer zwei. Und im Fall der Fälle wäre er auch eine exzellente Nummer eins.

RECHTE VERTEIDIGUNG

Philipp Lahm (29/98)
Aufgrund seiner mitunter oberlehrerhaften Art menschlich durchaus angreifbar, aber sportlich über jeden Zweifel erhaben. Der beste deutsche Außenverteidiger seit Andreas Brehme brillierte in der abgelaufenen Saison mit vielen bärenstarken Spielen für Bayern München und die Nationalmannschaft. Das belegen auch die Statistiken des Kapitäns: 20 Torvorlagen in 54 Pflichtspielen sind der Karrierebestwert für Lahm. Kann links wie rechts verteidigen. Bei der EM 2012 zog Bundestrainer Löw ihn wegen mangelnder Alternativen von seiner bevorzugten rechten auf die linke Seite. Das dürfte 2014 nur dann passieren, wenn Marcel Schmelzer verletzt ausfallen sollte oder in ein Mega-Loch fällt.

INNENVERTEIDIGUNG

Mats Hummels (24/24)
Durch die lange Verletzungspause von Pechvogel Holger Badstuber, für den der WM-Zug bereits ein Jahr im Voraus abgefahren sein dürfte, ist der Dortmunder Mats Hummels zur Nummer eins im DFB-internen Verteidigerranking aufgestiegen. Auch wenn ihm im letzten Halbjahr der eine oder andere Fehler unterlief, verkörpert Hummels an seinen vielen guten Tagen die Aura eines Feldherrn. Fußballerisch ohnehin der beste deutsche Innenverteidiger, hat er auch ein gutes Stellungsspiel, einen starken Antritt und ein hervorragendes Timing im Tackling.

Per Mertesacker (28/90)
Der Bundestrainer steht auf ihn. Die Fans beim FC Arsenal stehen auf ihn (Fangesang: „Big fucking german, we’ve got a big fucking german“). Gunners-Coach Arsène Wenger steht auf ihn. Und in gewisser Weise ist Per Mertesacker auch ein guter Verteidiger, der zu Recht im deutschen WM-Kader stehen wird. Aber: Das Versprechen, das der Schlacks bei der WM 2006 gegeben hat, konnte er nie erfüllen. Irgendwann hat seine Entwicklung einfach gestoppt. Mertesacker wird nie der schnellste werden, und das kann auch niemand verlangen. Doch in vielen Situationen wirkt er zudem nicht ganz im Bilde, wenn nicht gar überfordert. Er dürfte sich mit Jerome Boateng um den Platz neben Hummels streiten.

Jerome Boateng (24/29)
Einst die „Sollbruchstelle“ im deutschen Team. Trotz toller Physis und fußballerisch guter Anlagen leistete sich Boateng immer mal wieder einen Bock in Form eines dummen oder überharten Fouls. In der überragenden Bayern-Saison 2012/13 brillierte er aber wie nie zuvor. Die Frage ist nun: Hat er im letzten Jahr einen so großen Sprung gemacht? Oder war er einfach nur so stark, weil alle so stark waren? Sein (Ex-)Trainer Jupp Heynckes attestierte ihm jedenfalls kürzlich, er habe das Zeug zu einem Weltklasseverteidiger. Im Interesse der Nationalmannschaft kann man nur hoffen, dass Heynckes Recht behält. Innen stärker, kann aber auch rechts verteidigen.

LINKE VERTEIDIGUNG

Marcel Schmelzer (25/9)
Der Linksverteidiger von Borussia Dortmund erreicht selbst an besten Tagen kein Weltklasse-Niveau. Doch Spieler dieses Formats kann man auf seiner Position weltweit bequem an einer Hand abzählen. Schmelzer hat es immerhin geschafft, sich zu einer überaus soliden Lösung zu entwickeln. Wurde er zu Beginn des Länderspieljahrs von Löw fast schon demontiert, scheint der Bundestrainer mittlerweile Vertrauen in ihn gewonnen zu haben. Weil er – von Philipp Lahm abgesehen – der Beste in Deutschland auf seiner Position ist. Nach Brasilien mitfahren wird er sicher. Ob auch als Stammspieler, wird das nächste Jahr entscheiden.

DEFENSIVES MITTELFELD

Bastian Schweinsteiger (28/98)
Wenn er im letzten halben Jahr gespielt hat, haben die Bayern immer gewonnen. Hat er gefehlt, wurde es auch schon mal eng, wie beim 0:2 gegen den FC Arsenal im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League, das den FCB fast das Viertelfinalticket gekostet hätte. Von vielen Seiten als bester zentraler Mittelfeldspieler der Welt gefeiert, neigt er in den ganz großen Spielen immer noch dazu, sich zurückzunehmen und anderen die Verantwortung zu überlassen (Beschwerdemails bitte an heibel@aktives-abseits.de). Löw wird ihn 2014 dennoch zum Abteilungsleiter Teamführung und Spielaufbau machen. Bleibt zu hoffen, dass seine Entwicklung mit dann 29 erst ihren Höhepunkt erreicht.

Ilkay Gündogan (22/7)
So etwas wie Schweinsteigers Kronprinz. Hat vor allem in der abgelaufenen Champions-League-Saison ein Weltklassespiel nach dem anderen gemacht. Auffälliger als Schweinsteiger, der jedoch für das Teamgefüge eine größere Rolle spielt. Gündogan bräuchte ein noch besseres Jahr, um bei der WM in die erste Elf zu rücken. Denn es scheint kaum vorstellbar, dass Löw in Brasilien auf zwei Spielmachertypen auf der Doppelsechs baut.

Sami Khedira (26/39)
Bei der EM 2012 noch bester deutscher Mittelfeldspieler, befindet sich der Abräumer von Real Madrid momentan in einer Phase der Stagnation. Als nimmermüder Zweikämpfer und Box-to-Box-Spieler nach wie vor ein Vorbild, doch selbst eine mäßige Saison seines Nebenmanns Xabi Alonso bei den Königlichen konnte Khedira nicht nutzen, um sich endlich die Chefrolle im Mittelfeld zu angeln. Gelingt ihm das auch im kommenden Jahr nicht, könnte er bei Real irgendwann durch das Raster fallen, zumal sein Standing bei Fans und Medien ohnehin nie das beste war. Bei Löw vermeintlich trotzdem gesetzt, weil er Abräumen mit Aufbauen kombinieren kann und bereits zwei Turniere als Stammspieler in den Beinen hat.

OFFENSIVES MITTELFELD

Mesut Özil (24/46)
Seit dem Spätsommer 2009 von gesetzt in der offensiven Mittelfeldzentrale. Seine Ballführung ist der Inbegriff von Eleganz, seine Pässe machen jedem Stürmer das Tore schießen leicht, mittlerweile kann er sogar selber erfolgreich abschließen – zumindest im Nationaldress. Das kritische Publikum von Real Madrid trägt den „Zauberer von Öz“ auf Händen, das will schon etwas heißen. Auch trotz der teilweise harschen Kritik von José Mourinho setzte sich Özil bei Real klar gegen namhafte Konkurrenten wie Kaka und Luka Modric durch. Gespannt sein darf man, ob auch der neue Real-Coach, der voraussichtlich Carlo Ancelotti heißen wird, auf ihn setzt. Nur wenn Özils Spielanteile zurückgehen sollten, könnte auch sein eigentlich sicherer Platz als Nummer zehn im deutschen Spiel wackeln.

Thomas Müller (23/41)
„Müller spielt immer“ sagte Louis van Gaal kurz nach seinem Amtsantritt als Bayern-Trainer im Sommer 2009 über den damals 19-jährigen Nachwuchsmann. Diese Devise galt bislang für alle Trainer des „Raumdeuters“, ob im Verein oder in der Nationalelf. Mit seinem Instinkt für die Situation ist Müller ein Phänomen, für keinen Gegner auszurechnen. In einem offensiven Mittelfeld der Virtuosen wirkt er mitunter wie ein Antipol. Doch gerade sein klares, schnörkelloses Spiel macht ihn so wichtig und unverzichtbar. Noch dazu ein mordssympathischer Typ. Man möge ihn mit persönlichen Auszeichnungen überhäufen.

Marco Reus (24/15)
Vor einem Jahr bei der EM trotz überragender Form nur die Nummer zwei auf der linken Seite, hat er die prominente Konkurrenz (Podolski, Schürrle, Draxler) klar im Griff. Seine Leistungen und seine Scorerquoten sprechen für sich. Sollte Löw in Götze eher einen Zehner oder eine falsche Neun sehen (wonach es im Moment aussieht), dürfte Reus seinen Stammplatz auch in einem Jahr sicher haben.

Mario Götze (21/22)
Der vielseitigste deutsche Mittelfeldspieler. Im offensiven Mittelfeld links und rechts stark, in der Mitte überragend. Kann dazu die „falsche Neun“ geben, bei Borussia Dortmund hat er sogar schon mal als Sechser ausgeholfen. Von seinen Anlagen her müsste Götze in Brasilien Stammspieler sein. Doch zum einen wechselt er im Prä-WM-Sommer den Verein, was schon bei vielen Spielern zu einem kleinen Knick geführt hat. Zum anderen sind im offensiven Mittelfeld Özil (zentral) und Müller (rechts) gesetzt, links hat sich Marco Reus im letzten Jahr einen Stammplatz erspielt. In Abwesenheit von Miroslav Klose wurde Götze zuletzt in der Spitze eingesetzt. Momentan scheint es so, als hätte „Götzinho“ hier am Zuckerhut die größten Einsatzchancen.

Toni Kroos (23/35)
Löws Liebling. Ein feiner Fußballer, der in der abgelaufenen Saison bis zu seiner schweren Verletzung (Muskelbündelriss im April) noch einmal einen Sprung gemacht hat. Steht aber vor einem entscheidenden Jahr in seiner Karriere, weil man noch nicht so recht weiß, in welcher Rolle der neue Bayern-Trainer Pep Guardiola ihn einplant. Im Nationalteam wird es auch schwer für ihn – zumindest mit einem Stammplatz. Kann einen offensiven Sechser ebenso spielen wie einen Zehner. Nur gibt es auf diesen Positionen im Normalfall mindestens einen besseren.

ANGRIFF

Miroslav Klose (35/127)
Der alte Mann und das Tor. Zwei braucht er noch, um Gerd Müller (68 Länderspieltreffer) als DFB-Rekordschützen zu überholen. Zwei Tore fehlen Klose ebenfalls noch, um den Brasilianer Ronaldo (15) als besten WM-Torschützen abzulösen. Sofern er seine Form trotz seines Alters noch ein Jahr konservieren kann und verletzungsfrei bleibt (was zuletzt immer seltener der Fall war), ist Klose als einziger nomineller Stürmer sicher in Brasilien dabei. Hat immer weiter an sich gearbeitet, ist mittlerweile ein kompletter Angreifer, der mitspielt und nicht „nur“ mit links, rechts und dem Kopf zur Stelle ist. Wäre er sieben Jahre jünger, würde sich der Transfermarkt nicht nur um Suarez, Cavani und Gomez drehen, sondern auch und vor allem um ihn.

Im zweiten Teil am Freitag: Warum Gomez und Podolski zittern müssen. Wer noch gute Chancen auf ein WM-Ticket hat.

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