«

»

Jun
17

Ein paar Eier gefällig, Herr Löw?

Michael Ballack spielt keine Rolle mehr in den Planungen von Bundestrainer Joachim Löw. Das wusste seit gut einem Jahr jeder, vermutlich auch Michael Ballack. Doch erst eine Pressemitteilung, die der DFB gestern um 11:02 Uhr rausgegeben hat, sorgte für endgültige Klarheit – und lässt den Bundestrainer als Zauderer dastehen.

Irgendwo zwischen Griechenland-Krise, Dirkules-Hype und EHEC-Hysterie wäre die Meldung, dass Michael Ballack keine Zukunft mehr in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft hat, beinahe untergegangen. Joachim Löw hätte sicher nichts dagegen gehabt.

Kicker online, Sport1 und spox, aber auch die Nachrichtenportale der großen Tageszeitungen griffen die Mitteilung dennoch dankbar auf. Erstaunlich war allerdings, wie nüchtern die Reaktionen ausfielen. Kritik an der Art und Weise der Verkündung übte kaum jemand. Warum eigentlich nicht?

Ballack: Nationalmannschafts-Aus mit Ansage

Spätestens seit dem Argentinien-Spiel bei der WM 2010 musste jedem klar sein, dass es für Michael Ballack keine Zukunft mehr im Nationaltrikot geben würde. Fast 12 Monate sind seitdem vergangen. 12 Monate, in denen Bundestrainer Löw, aber auch Nationalmannschaftsmanger Oliver Bierhoff unzählige Male nach der Zukunft des „Capitano“ befragt wurden. Die DFB-Verantwortlichen verwiesen dabei gebetsmühlenartig immer wieder auf „klärende Gespräche in der Zukunft“. Diese hat es denn auch zuhauf gegeben, das letzte große im März. Doch genau genommen haben beide Parteien bereits zuvor einige Chancen ausgelassen, die Diskussionen zu beenden und die Sache mit Würde über die Bühne zu bringen.

Ein Fest der ausgelassenen Chancen

Da wäre zum einen Michael Ballack selbst, der bereits während der WM 2010 von sich aus hätte zurücktreten und sein Gesicht wahren können. Schließlich sah die ganze Welt, dass die Nationalmannschaft auch ohne ihn, den 34-jährigen Leitwolf, funktionierte. Die Öffentlichkeit hätte seine Entscheidung mit Zustimmung, aber sicher auch mit einer großen Portion Respekt und Anerkennung aufgenommen. Diese Chance ließ Ballack jedoch aus, obwohl ein Comeback schon damals unwahrscheinlich schien.

Vor allem aber der Bundestrainer hatte gleich mehrere Gelegenheiten, die größte direkt nach der WM bzw. zu Beginn der neuen Saison. In der Euphorie um die „jungen Wilden“ hätte er verkünden können, dass man im Hinblick auf das große Ziel, 2014 Weltmeister zu werden, keine Spieler mehr berücksichtigen werde, die für dieses Turnier aus Altersgründen nicht in Frage kommen. Hart, aber konsequent. Löw hätte sich so monatelange Diskussionen ersparen können. Der ehemalige Stürmer ließ diese Großchance aber aus. Mit jeder Minute, die er wartete, wurde der Zeitpunkt nur schlechter.

Michael Ballack erholte sich derweil im Sommer 2010 von seiner Verletzung, kam schwer in Tritt, verletzte sich im Herbst wieder und kam bis zum Winter noch schwerer in Tritt. Löw vertröstete seinen (Ex-)Kapitän solange in der Öffentlichkeit. Michael Ballack müsse erst mal wieder richtig fit werden und sich dann über Leistung anbieten.

Der Bundestrainer drückte sich selbst im Frühling noch um eine Entscheidung, er wollte sich scheinbar keine Optionen verbauen. Denn was wäre gewesen, wenn Ballack in der Rückrunde brilliert hätte und Bayer Leverkusen zur Meisterschaft geführt hätte? Die deutsche Presselandschaft hätte den (von Löw zuvor ausgebooteten) Michael Ballack wieder in die Nationalmannschaft geschrieben, der Bundestrainer wäre angreifbar geworden.

Löw und Ballack: Es gibt nur Verlierer

Dieses Risiko wollte Löw nicht eingehen – doch genau das hätte er tun sollen, um heute nicht als Zauderer da zu stehen, der Konflikte und klare Worte scheut. Dass das Fällen von unpopulären Entscheidungen nicht Löws Stärke ist, hat bereits der Fall Torsten Frings vor über zwei Jahren gezeigt.

Um eines klar zu stellen: Dass es ohne Ballack weitergeht, ist der einzig richtige Weg. Doch bekanntermaßen macht auch der Ton die Musik. Und dass Löw Ballack mitten im Sommerloch abserviert, ist schlechter Stil. Da kann man es Michael Ballack auch nicht verdenken, dass er das „Gnadenbrot“ eines Abschiedsspiels gegen Brasilien allem Anschein nach ausschlägt. Schade für den „Unvollendeten“, dessen Stellenwert man wohl erst in 10, 15 Jahren zu schätzen wissen wird, dass es so enden musste.

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*