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Okt
12

Ein Quantum Häme für Europa – Welcome-Tour zur EURO 2012

Die letzten regulären EM-Qualifikationsspiele für das Turnier in Polen und der Ukraine sind absolviert, 12 der 16 Teilnehmer stehen bereits fest. Acht Länder haben noch die Chance, sich über die Relegation einen der letzten vier Plätze zu sichern. Für den Rest heißt es heute schon: buchen oder fluchen.

Deutschland (Gruppe A, als Erster direkt qualifiziert)
Was soll man sagen? Es löwt einfach im deutschen Fußball. 10 Siege aus 10 Spielen. An uns führt kein Weg vorbei. Sagen alle. Nur der Badewannenkapitän – gestern laut Pass ältester, optisch und akustisch jüngster Spieler auf dem Platz – versucht die Erwartungen der Fußballnation zu dämpfen: „Spanien ist Top-Favorit, wir sind Mitfavorit.“ Lahm kennt den feinen Unterschied (sic!) zwischen Arroganz und sympathischem Understatement. Theo Zwanziger wird das gefallen haben.

Türkei (Gruppe A, als Zweiter in der Relegation)
Nach der Pleite gegen Deutschland am letzten Freitag noch am Boden zerstört, feiern die stolzen Türken nach dem 1:0-Schützenfest gegen Aserbaidschan bereits wieder ihre Lieblinge. Das ist die richtige Einstellung. In der Relegation sind die Türken ungesetzt. Mögliche Gegner: Irland, Kroatien, Portugal und Tschechien. Angenehm ist anders.

Russland (Gruppe B, als Erster direkt qualifiziert)
Auch die Russen sind bereits qualifiziert für das Endturnier in den beiden Nachbarländern. Europa freut sich auf Dick Advocaat und seine Mannen. Und die Ukraine freut sich über die Russen. Abgesehen vom Co-Gastgeber, sind die Russen nämlich nach aktuellem Stand das einzige Team, das seine Zelte in der sympathischen Schwarzmeer-Republik mit dem transparenten Rechtssystem aufschlagen möchte.

Irland (Gruppe B, als Zweiter in die Relegation)
Der „Mister“ Giovanni Trapattoni hat noch mal ein Ausrufezeichen gesetzt. Irland hat die Chance, sich über die Relegation erstmals seit 10 Jahren wieder für ein großes Turnier zu qualifizieren. Glaubt man dem ZDF-Kommentator des gestrigen Gruppen-High Noon gegen Armenien (!), ist das Spiel der Iren unter ihrem italienischen Trainer „variabler“ geworden… Kick and Rush meets Catenaccio. Sexy!

Italien (Gruppe C, als Erster direkt qualifiziert)
„La bestia negra“ ist mal wieder dabei. Noch nie hat Deutschland die Italiener bei einem großen Turnier geschlagen. Diese Serie gilt es zu brechen! (Wäre aber auch ok, wenn Italien einfach in der Vorrunde rausfliegt.) Zumindest ist die Mannschaft deutlich jünger geworden. Auf Sympathieträger à la Filippo Inzaghi und Mauro Camoranesi werden wir im nächsten Sommer also verzichten müssen. Auch „Sommermärchen“-Zerstörer Fabio Grosso ist mittlerweile im Ruhestand.

Estland (Gruppe C, als Zweiter in die Relegation)
Die Sensation der Quali. „Star“ des Teams ist ein gewisser Ragnar Klavan von AZ Alkmaar. Für die Esten wird’s in der Relegation gegen die Iren, Portugiesen, Tschechen oder Kroaten überaus schwer. Doch allein mit Platz zwei in der Gruppe haben sie den größten Erfolg ihrer gesamten Länderspielgeschichte errungen. Und: Dank Schützenhilfe der bereits ausgeschiedenen Slowenen haben sie den Serben frühzeitig einen langen Sommerurlaub beschert.

Frankreich (Gruppe D, als Erster direkt qualifiziert)
Mon Dieu! Das war ganz schön knapp für den Europameister von 2000. Erst ein verwandelter (und vom Bosnier Spahic geschenkter) Elfmeter hat den Franzosen das direkte Ticket für die EURO beschert. Dort werden sie bereits wieder zum Favoritenkreis gezählt – aber wohl eher aus Tradition als aus Überzeugung, n’est-ce pas?

Bosnien-Herzegowina (Gruppe D, als Zweiter in die Relegation)
Von Quali zu Quali steigern sich die Bosnier immer ein bisschen. Geht diese Serie weiter, müsste sich die Mannschaft um Weltklasse-Stürmer Edin Dzeko endlich mal für ein großes Turnier qualifizieren. Wenn Emir Spahic (immerhin Kapitän und einst heftig mit dem 1.FC Köln in Verbindung gebracht) da immer noch so rumstolpert, sollten sie aber kein unlösbarer Stolperstein sein.

Niederlande (Gruppe E, als Erster direkt qualifiziert)
Es war mal wieder eine typische Quali für unsere Nachbarn: Dankbare Gegner, Schützenfeste und vor allem Tore satt durch Klaas-Jan Huntelaar, den Inbegriff des Quali-Spielers. Bei der EURO könnte Deutschland die für Topf eins gesetzten Niederländer schon in der Vorrunde zugelost bekommen. Die Qualität der Viererkette (gestern: Gregory van der Wiel, Joris Mathijsen, Jeffrey Bruma, Erik Pieters) kann die DFB-Elf ja schon beim Freundschaftsspiel im November testen.

Schweden (Gruppe E, als bester Gruppenzweiter direkt qualifiziert)
Auch ohne ihren gesperrten Star Zlatan Ibrahimovic haben die Schweden das EM-Ticket gelöst. Immer ein Farbtupfer bei großen Turnieren, dazu meist mit den attraktivsten weiblichen Fans. Achtung: Aufgrund der identischen Landesfarben besteht Verwechslungsgefahr mit den Ukrainern. Schade für die Ladys: Unterwäschemodel und Mittelfeldspieler Freddie Ljungberg (in der Reihenfolge!) ist nicht mehr in Kader.

Griechenland (Gruppe F, als Erster direkt qualifiziert)
Auch der Fleisch gewordenen Albtraum fast jedes Fußballfans gibt sich 2012 die Ehre. Ich sehe die Bilder schon vor mir: 1.7.2012, 22:33 Uhr. Angelos Charisteas und Theofanis Gekas liegen sich freudestrahlend in den Armen. Ihre griechische Mannschaft hat mit Hurra-Fußball erst Frankreich, dann England, die Niederlande, Deutschland und Spanien in die Schranken gewiesen und den EM-Titel gewonnen… Glücklicherweise sind beide zu dem Zeitpunkt schon seit zwei Wochen im gemeinsamen Urlaub und spielen das Turnier nur auf ihrer Playstation nach (Entschuldigung für diesen alten Gag, aber manchmal muss man sich Pointen auch er-asmussen).

Kroatien (Gruppe F, als Zweiter in die Relegation)
„La bestia negra II“ muss noch zittern. 1996 haben uns die Kroaten vor immense, 1998 und 2008 vor unlösbare Probleme gestellt. Nennen wir das Kind beim Namen: Teams aus Ex-Jugoslawien, allen voran Kroatien und Serbien, liegen deutschen Nationalmannschaften nicht sonderlich. Blöd, dass es mittlerweile sechs von der Sorte gibt. Gut, dass sich maximal drei qualifizieren werden – die aber alle erst noch die Relegation überstehen müssen. Antrag an die UEFA: Kann man nicht wenigstens zwei davon gegeneinander losen?

England (Gruppe G, als Erster direkt qualifiziert)
Auch der gealterte Star-Trainer Fabio Capello hat es noch einmal geschafft. Mit deutlich verjüngter Mannschaft – wenn auch immer noch mit den Alt-Stars Ferdinand, Terry, Lampard und Gerrard – wollen die Engländer es 2012 noch mal wissen. Der FC Schalke unter den Nationalmannschaften muss aber dank eines saublöden Platzverweises mindestens zwei, vielleicht sogar drei Spiele auf Stürmerstar Wayne Rooney verzichten. Das erleichtert das Projekt „Erster Titelgewinn außerhalb Englands“ nicht gerade. Schade für jeden Gegner: Torwart David James ist mittlerweile aussortiert. Das wiederum erleichtert das Projekt „Erster Titelgewinn außerhalb Englands“ sehr wohl…

Montenegro (Gruppe G, als Zweiter in die Relegation)
Erstmals winkt Montenegro eine Teilnahme bei einem großen Turnier. Unterschätzen sollte man die kleinste Teilrepublik Ex-Jugoslawiens nicht. Gerade vorne ist man mit den Italien-Legionären Vucinic und Jovetic mehr als passabel besetzt.

Dänemark (Gruppe H, als Erster direkt qualifiziert)
Auf den letzten Drücker haben die Dänen den Portugiesen noch das direkte EM-Ticket weggeschnappt. Wie alle skandinavischen Teams ein gern gesehener Gast bei Turnieren, nicht zuletzt dank der gut gelaunten und trinkfesten Anhänger. Kein Wunder: Meistens ist frühzeitig Schluss, da muss man jedes Bier mitnehmen. Nur 1992 haben die „McDonald’s-Europameister“ alle überrascht. Tendenz dieses Mal: Klarer Außenseiter. Aber das waren die Dänen ja auch 1992…

Portugal (Gruppe H, als Zweiter in die Relegation)
In ihren Vereinen sind der Argentinier Lionel Messi und der Portugiese Cristiano Ronaldo eine Klasse für sich, in der Nationalmannschaft kriegen die beiden womöglich besten Einzelspieler der Welt selten ein Bein auf den Boden. Das ist – neben der Neigung zur brotlosen Kunst – mit ein Grund, warum die Portugiesen den Umweg über die Relegation gehen müssen. Viel individuelle Klasse, aber selten ein Team.

Spanien (Gruppe I, als Erster direkt qualifiziert)
„La bestia negra III“ – allerdings nicht nur für die Deutschen, sondern für so ziemlich jede Nationalmannschaft auf diesem Planeten. In den letzten vier Jahren in wichtigen Spielen unschlagbar. Dabei oft brillant und immer abgeklärt. Doch es gibt Hoffnung: Auch die scheinbar unschlagbaren Franzosen haben nach dem WM-Titel 1998 und dem EM-Titel 2000 bei der WM 2002 kein Bein auf den Boden gekriegt. Außerdem kocht die alte Rivalität zwischen Real und Barca wieder auf, das kann die Seleccion durchaus spalten. Also heißt es beten, dass José Mourinho noch lange Real-Trainer bleibt.

Tschechien (Gruppe I, als Zweiter in die Relegation)
Die tschechische Mannschaft von 2004 war ein Team, das Fußballromantikern heute noch Tränen der Freude in die Augen treibt. Ihr 3:2 in der Vorrunde gegen die Niederlande nach 0:2 war mit Sicherheit eines der besten Spiele der letzten zehn Jahre. Pavel Nedved auf dem Zenit seines Könnens, daneben Petr Cech, Milan Baros, Karel Poborsky, Jan Koller oder Tomas Rosicky in der Form ihres Lebens. Zum Titel hat es dank der griechschen Mauertaktik dann aber nicht gereicht. Seitdem sind die Tschechen älter, aber nicht besser geworden. Einige Spieler von damals sind immer noch dabei. Das ist selten ein Zeichen von übermäßiger Qualität – wie auch die Tatsache, dass die Tschechen die letzten beiden großen Turniere verpasst haben.

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