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Jun
07

Endspurt bis zur EURO – Die Gruppe D im Überblick

Nur noch ein Tag bis zum Start der Europameisterschaft. Allerhöchste Zeit, sich einmal mit den Teilnehmern zu beschäftigen. Im vierten Teil geht’s um die Gruppe D mit der Ukraine, Frankreich, England und Schweden.

Ukraine: Finale dahoam? Keine Chance!

Co-Gastgeber Ukraine muss schon alles aufbieten, um eine Minimalchance auf das Viertelfinale zu haben. Zwar sind die Gruppengegner Frankreich, England und Schweden auch schon unter besseren Voraussetzungen zu einem großen Turnier angereist, doch die Osteuropäer sind trotz Heimvorteils eindeutig der Underdog in Gruppe D.

Die Mannschaft ist auf den Schlüsselpositionen überaltert: Sturm-Legende Andriy Shevchenko ist mittlerweile 35. Der einstige Weltklassespieler war bei der Generalprobe gegen Österreich (2:3) nicht in der Startelf, mittlerweile ist er als Identifikationsfigur fast wertvoller als auf dem Platz. Auch Kapitän Anatoliy Tymoshchuk (33) hat nicht mehr die Klasse früherer Jahre, der Abräumer und Chef im Mittelfeld pendelt beim FC Bayern zwischen Startelf und Bank und hat eindeutig an Dynamik verloren.

Das größte Problem der Ukraine steht im Tor: Die etatmäßigen Keeper Nummer eins und drei fallen verletzt aus, die Nummer zwei ist wegen Dopings gesperrt. So fahren die ukrainische Nummer vier, fünf und sechs zur EURO. Anders als Deutschland, Italien, Frankreich oder Spanien ist die Ukraine aber nicht gerade für ihre gute Torwart-Schule bekannt…

Ansonsten ist es bei den Ukrainern ähnlich wie bei den Russen: Die meisten Spieler kicken in der heimischen Liga oder beim großen Nachbarn, der mitteleuropäische Fan bekommt sie meist nur bei großen Turnieren zu sehen – wenn sie denn mal dabei sind.

Die Ukraine startet gegen die Schweden, die auf dem Papier der am ehesten zu schlagende Gegner sind. Nur wenn hier ein Dreier eingefahren wird und dadurch eine Euphoriewelle losgetreten wird, besteht eine Chance auf das Viertelfinale. An das Finale in Kiew sollten die ukrainischen Spieler aber keinen Gedanken verschwenden – es sei denn, sie wollen auf dem Schwarzmarkt noch irgendwo Tickets erstehen.

Frankreich: Wiedergutmachung ist angesagt

Die Franzosen waren die größte Enttäuschung bei der WM 2010 – nicht nur auf dem Platz, sondern auch charakterlich. In den Worten von Lothar Matthäus war die „Equipe Tricolore“ vor zwei Jahren eine „gut intrigierte Truppe“. Seitdem wurde allerdings aufgeräumt: Viele Querulanten wurden aussortiert, einige international noch unbekannte Gesichter sind dazu gekommen. Mit Franck Ribéry und Patrice Evra sind zwei Rädelsführer vom „Fiasko von Knysna“ begnadigt worden und kämpfen um ihre Reputation in der Heimat. Ein gutes Turnier wäre da sicher hilfreich…

Das Tor ist mit Hugo Lloris (25/Lyon) und seinen Ersatzleuten Steve Mandanda (27/Marseille) und Cédric Carrasso (30/Bordeaux) top besetzt. Schwächen gibt es in der Abwehr: Vor allem die drei Innenverteidiger im Kader, Philippe Mexès (30/Milan), Adil Rami (26/Valencia) und Laurent Koscielny (26/Arsenal) sind nicht die Schnellsten und vor allem am Boden anfällig.

Mittelfeld und Angriff sind mit Franck Ribéry (29/Bayern), Samir Nasri (24/Man City) und Karim Benzema (24/Real Madrid) deutlich besser besetzt. Auch dahinter lauern mit Yann M’Vila (21/Rennes/defensives Mittelfeld), Marvin Martin (23/Sochaux/offensives Mittelfeld) und Jérémy Ménez (25/PSG/Offensiv-Allrounder) drei interessante Spieler, die in der Ligue 1 zu den Besten gehören und sich bei der EURO auch international einen Namen machen könnten.

Der 2:1-Testspielsieg gegen Deutschland im Februar hat gezeigt, dass die Franzosen stärker sind als 2010. Auch die letzten Tests gegen Island und Serbien wurden – wenn auch knapp – gewonnen. Doch enge Spiele zu gewinnen, ist eine Qualität, die man bei Turnieren braucht. Frankreich ist Gruppenfavorit.

England: EURO ist nicht des Engländers Sache

Europameisterschaften waren bislang kein gutes Pflaster für das Mutterland des Fußballs. Nur einmal – 1996 im eigenen Land – erreichte man das Halbfinale. Ansonsten war immer frühzeitig Endstation. Die Tatsache, dass der Posten des Nationaltrainers mehr als zwei Monate vakant war, ehe er Ende April mit Roy Hodgson besetzt wurde, dürfte auch dieses Mal dem Erfolg nicht gerade zuträglich sein. Auch die Rotsperre von Stürmerstar Wayne Rooney in den ersten beiden Vorrundenspielen ist alles andere als hilfreich.

Immerhin: Mit Joe Hart (25/Man City) hat England wieder einen Torwart, der diese Bezeichnung auch verdient. Durch die Ausbootung von Rio Ferdinand darf gerätselt werden, wer den zweiten Innenverteidiger neben John Terry (31/als Kapitän abgesetzt wegen vermeintlich rassistischer Äußerungen gegen Ferdinands Bruder Anton) geben darf. Gary Cahill (26), mit dem Terry auch bei Chelsea Seite an Seite spielt, verletzte sich im letzten Test und fällt für die EURO aus. Alle anderen Innenverteidiger-Kombinationen sind nicht eingespielt.

Vor allem beim Blick auf das Mittelfeld fällt mir nur ein Wort ein: „bieder“. Strategen auf der einen Seite, „Leichtathleten“ auf der anderen Seite – die Spieler ähneln sich vom Typ her stark. Ob das reicht? Im Angriff fehlt ein zweiter „Killer“ hinter Wayne Rooney (26/Man United), der gegen Frankreich und Schweden ersetzt werden muss. Schlüpft weder Jermain Defoe (29/Tottenham) noch Danny Welbeck (21/Man United) noch Andy Carroll (23/Liverpool) in diese Rolle, könnte es eng werden mit dem Weiterkommen. Normalerweise wäre England ein sicherer Anwärter auf das Weiterkommen. Doch die Rückschläge der letzten Wochen machen die „Three Lions“ zu einem Wackel-Kandidaten.

Schweden: Alle für einen?

Zugegeben, es ist ein wenig provokant, die Schweden auf Zlatan Ibrahimivc (30/Milan) zu reduzieren. Doch wenn der On-Off-Nationalstürmer dabei ist, spielt alles für ihn – weil man um seine Klasse weiß. Fehlt er, ist die Mannschaft weniger ausrechenbar – und schneidet kaum schlechter ab. Das ist eine knifflige Entscheidung für jeden Trainer. Weil Erik Hamren aber glaubt, dass ein Weltklassespieler nicht schaden kann, ist „Ibrakadabra“ nun einmal dabei.

So oder so sollte man die Schweden auf dem Zettel haben. Denn auch hinter dem alles überstrahlenden Star gibt es einige interessante Spieler, wie die Offensivkräfte Ola Toivonen (25/Eindhoven) und Rasmus Elm (24/Alkmaar), die zu den besten Akteuren der niederländischen Eredivisie gehören. Auch Sebastian Larsson (26/Sunderland/rechtes Mittelfeld) hat eine starke Saison in der Premier League hinter sich.

Schwachpunkt ist die Abwehr, wo Nationaltrainer Erik Hamren im Vorfeld viele Kandidaten ausprobiert hat. Gesetzt scheint hier nur Oldie Olof Mellberg (34/Piräus/Innenverteidigung). Überhaupt setzen die Schweden auf Erfahrung. Spieler unter 25 sind die Ausnahme, der Nachwuchs gibt momentan einfach nicht mehr her. Mit dabei sind daher wieder einmal die „unverwüstlichen“ Andreas Isaksson (30/Eindhoven/Tor), Anders Svensson (35/Mittelfeld/Elfsborg) und Kim Källström (30/Lyon/Mittelfeld). Alle drei werden zum Stamm zählen.

Aus der Bundesliga ist nur Stürmer Markus Rosenberg (29/Werder Bremen) dabei. Andere Deutschland-Legionäre, wie Oscar Wendt (Gladbach), Marcus Berg (HSV) oder Denni Avdic (Bremen) sind ihrer schwachen Bundesliga-Saison zum Opfer gefallen.

Schweden kann – wenn alles gut läuft – die Engländer durchaus gefährden und Zweiter werden. Ein Sieg zum Start gegen die Ukraine und dann mindestens ein Remis im direkten Duell mit den „Three Lions“ scheint nicht ausgeschlossen.

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