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Jul
01

Erste Allgemeine Verunsicherung

Das 2:1 der deutschen Nationalmannschaft nach Verlängerung im WM-Achtelfinale gegen Algerien war aus Sicht der Protagonisten ein Spiel der Marke „Mund abputzen, weitermachen“. Doch so einfach darf man es sich nicht machen.

Nennen wir das Kind beim Namen: Die erste Halbzeit gegen Algerien war wohl die grausigste einer deutschen Mannschaft bei einer Weltmeisterschaft seit dem schlimmen Turnier 1998 in Frankreich. Damals war im Viertelfinale Schluss. Bei einer Wiederholung der Leistung vom Montag dürfte dies auch anno 2014 der Fall sein. Denn Viertelfinalgegner Frankreich würde vermutlich nicht verschwenderisch mit den Chancen umgehen, die das DFB-Team den Algeriern im ersten Abschnitt erlaubt hat.

Mit Pauschalurteilen sollte man immer vorsichtig sein, doch in den ersten 45 Minuten haben zehn Schatten ihrer selbst und ein überragender Manuel Neuer in Porto Alegre auf dem Rasen gestanden. Für das Team spricht jedoch, dass nach dem Seitenwechsel die Kontrolle über weite Strecken hergestellt wurde. So wurde es das erwartete Geduldsspiel – und man konnte von Glück sagen, dass der Gegner die allgemeine Verunsicherung vorher nicht schon vorentscheidend genutzt hatte.

Was Löw nun aufarbeiten muss

Bundestrainer Joachim Löw wird nun aufarbeiten müssen, wie es zum 45-minütigen Blackout kommen konnte. Die Bedingungen waren mit mehr als gemäßigten Temperaturen bei leichtem Regen wie an einem normalen Bundesliga-Wochenende – eigentlich ein klarer Vorteil.

  • Eklatant waren aber wieder einmal die Abstände zwischen Angriff/Mittelfeld und Abwehr. Dadurch war frühes Stören quasi ausgeschlossen. Löw hat einen Narren daran gefressen, mit vier Innenverteidigern zu spielen. Die Devise: Dieses Quartett ist so zweikampfstark, dass man eins-gegen-eins-Duelle riskieren kann. Doch wieder einmal war augenfällig, dass über die Außenverteidigerpositionen wieder einmal nichts nach vorne angeschoben wurde. Höwedes war meist defensiv gebunden, Mustafi bis zu seiner Verletzung bemüht, aber ohne auch nur den Ansatz von Gefahr zu erzeugen.
  • Bezeichnenderweise wurde es erst besser, als Philipp Lahm nach dem Mustafi-Aus auf seine „angestammte“ Rechtsverteidigerposition ging. Löw muss nun einsehen, dass diese Lösung die beste für die weiteren Spiele ist. Zwar dürfte Mats Hummels gegen Frankreich wieder dabei sein, doch Lahm dann erneut ins Mittelfeld zu ziehen und sich so eines Spielmachers über den Flügel zu berauben, wäre beinahe hirnrissig.
  • Auch im Mittelfeld drückte der Schuh. Bastian Schweinsteiger fand auch im Zuge der Leistungssteigerung der gesamten Mannschaft nach der Pause nicht viel besser ins Spiel. Der Anführer, zu dem er vor dem Spiel medial stilisiert wurde, war der Münchner abermals nicht.
  • Auf den Flügeln muss man Mario Götze (zu Recht nach schwachen 45 Minuten ausgewechselt) und Mesut Özil (hätte es auch verdient gehabt) ein schwaches Zeugnis ausstellen. Einmal mehr wurde klar, dass beide gute Techniker sind, aber nicht den Zug zum Tor und die Kälte im Abschluss haben. Özil verschleppte immer wieder das Tempo in aussichtsreichen Situationen, selbst vor seinem Tor in der Nachspielzeit der Verlängerung. Bei ihm bleibt einzig die Hoffnung, dass dieser Treffer sein Selbstbewusstsein aufgebaut hat.
  • Ansonsten hat die Einwechslung von André Schürrle zur Pause gezeigt, welche Qualitäten ein Flügelstürmer eben auch haben sollte: Dynamik, direkter Zug, Qualität im Abschluss, Robustheit.
  • Als positive Erkenntnis bleibt: Abgesehen vom überragenden Manuel Neuer hatte jeder Spieler am Montag noch Luft nach oben. Das habe ich allerdings bereits nach dem Ghana-Spiel gesagt, und wenn dieser freie Raum nicht allmählich gefüllt wird und die meisten Spieler an ihre Leistungsgrenze herankommen, wird die Reise zum Frankreich-Spiel nach Rio wohl der einzige Auftritt im Maracana sein. Das Finale findet dann eben wieder einmal ohne deutsche Beteiligung statt…

3 Kommentare

2 Pings

  1. h.chinaski sagt:

    Wieder mal meine volle Zustimmung!

    Jogi Löw und sein Team haben mit Sicherheit keinen einfachen Job. Vermutlich sogar einen sehr schweren. Allerdings zeigt sich der Bundestrainer immer wieder sehr lernresistent.

    Ein „echtes“ 4-3-3 mit Flügelstürmern und einem Mittelstürmer (bspw. Schürrle – Klose – Müller) wird er nicht spielen. Dazu hängt er zu sehr an den Technikern Götze/Özil. Aber gerade diesen beiden will wenig bis gar nichts gelingen.

    Gestern fehlte es in erster Linie an Sicherheit im Spiel. Lahm wirkt – auf mich – schon in der kompletten WM auf der 6 völlig fehl am Platz. Zudem hat sich das Fehlen von Hummels extrem negativ ausgewirkt. Allen anderen Innenverteidigern fehlt es leider an „Spielmacherqualitäten“. Das Außen-Innen-Verteidigerduo Boateng/Höwedes ist im 1:1 mit Sicherheit nicht verkehrt. Aber zur Grundlinie gehen und eine Flanke schlagen ist einfach nicht ihr Metier. Wobei Boateng gelegentlich gute Ansätze dazu hat.

    Mertesacker spielt seinen Stiefel gewohnt souverän (bzw. gelegentlich gewohnt unsouverän) runter. Da gibt es kaum Grund für ernsthafte Kritik.

    Bei Schweinsteiger/Khedira merkt man immer noch die erst kürzlich auskurierten Verletzungen. Allerdings haben beide immer wieder angedeutet was sie zu leisten im Stande sind. Aber wenn man sich die körperliche Präsenz der beiden anschaut sind sie nahezu unverzichtbar. Ähnliches gilt für Toni Kroos. Weniger von der körperlichen Präsenz, als von der Vielfalt mit der er sein Spiel spielt. Mal ein tiefer Pass, mal eine butterweiche Flanke und hier und da ein strammer Schuss aus der zweiten Reihe. Das ist in Ordnung. Wobei ich mir bei ihm mehr direktes Spiel wünschen würde. Auf mich wirkt er immer ein wenig phlegmatisch.

    Müller wirkt immer wie ein Storch im Salatfeld. Das wird er auch nie los. Aber er macht seine Tore, ist gefährlich und eröffnet Räume für Mitspieler – wenn er von Außen kommt. Schürrle hat mir – in der Nationalelf – immer gut gefallen. Hängt sich rein, geht Wege die für ihn und den Gegner unangenehm sind und er will spielen. Auch mit Risiko. Was einigen anderen momentan abgeht.

    Welche Rolle Klose spielen soll erschliesst sich mir nicht ganz. Zudem bin ich mir nicht sicher ob er die Kraft hat über 90 Minuten zu gehen. Ein Experiment sollte es allerdings wert sein. Gab es sonst noch Einwechselspieler? Podolski und Mustafi sind verletzt. Kramer vermutlich noch kein Kandidat für die Startelf.

    Ich fürchte es wird auf die gleiche Startelf hinauslaufen wie in der Gruppenphase. Wünschen würde ich mir:

    Neuer – Lahm, Mertesacker, Hummels, Durm – Kroos, Khedira, Schweinsteiger – Schürrle, Klose, Müller

  2. Heibel sagt:

    Diese Aufstellung würde ich auch gern einmal sehen. Wahlweise auch Großkreutz als RV und dafür Lahm anstelle von Durm auf LV. Gibt es unter diesem Bundestrainer nicht. Ebenso wenig wie die Option, mal ohne Özil zu spielen…

  3. h.chinaski sagt:

    Wenn man der Gerüchteküche glauben darf (aka Bild, Express und abgeschwächt auch der kicker) werden unsere Hoffnungen wahrscheinlich vielleicht eventuell erhört.

  1. Deutschland vs. Algerien: Erste Allgemeine Verunsicherung - WM 2014 sagt:

    […] Originalartikel zu erst erschienen auf http://www.aktives-abseits.de […]

  2. Deutschland vs. Algerien: Erste Allgemeine Verunsicherung sagt:

    […] Originalartikel zu erst erschienen auf http://www.aktives-abseits.de […]

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