«

»

Jun
27

Es lebe der Event-Charakter – Gedanken zur Frauenfußball-WM

74.000 Menschen im Stadion, im Schnitt 14 Millionen vor den TV-Geräten und bereits vereinzelte Deutschland-Fahnen auf Balkonen und an Autos – wenn man es nicht besser wüsste, könnte man annehmen, dass wieder Männer-WM ist. Wenn es nur so wäre.

Frauenfußball ist ein eigener Sport

Franz Beckenbauer beobachtete gestern das Spiel Deutschland-Kanada von der Ehrentribüne aus. Nicht auszudenken, was sich der stets grantelnde „Kaiser“ im stillen Kämmerlein gedacht haben muss bei all den Fehlpässen, Torwartfehlern, schlechten Abschlüssen und tempoarmen Laufduellen. Womöglich, dass man bei den Männern schon in die Niederungen des Amateurfußballs gehen muss, um so etwas zu sehen.

Der Vergleich mit den Männern ist genau das Problem des Frauenfußballs. In puncto Kraft und Dynamik werden die Frauen nie auch nur annähernd das Niveau der Männer erreichen können. Das führt dazu, dass das Spiel unfassbar langsam wirkt, die Aktionen behäbig erscheinen und man sich immer wieder fragt, warum die Spielerin XY den Ball nicht erlaufen kann.

Das alles wirkt jedoch weniger „schlimm“, wenn man in seinem Kopf den Vergleich ausblendet und den Frauenfußball als eigene Sportart betrachtet. Viele Zuschauer im Olympiastadion haben das scheinbar getan. So blieben selbst dann Pfiffe und entrüstete Schmährufe aus, wenn eine der Protagonistinnen einen Fünf-Meter-Rückpass zur zehn Meter entfernten Verteidigerin spielte. Im Männerfußball – da ist er schon wieder, der Vergleich – würde so etwas in der Regel zu einem Gegentor und vermutlich einer postwendenden Auswechslung führen. Aber wie Nico Rosberg schon sagte: „[unglücklicher Vergleich mit Behinderten…], aber unter sich ist es trotzdem spannend.“

Zum Glück wissen auch die Spielerinnen um die Unterschiede. Alle betonen brav, dass man sich mit den Männern nicht vergleichen könne. Auch die Zahl derjenigen, die sich über die Diskrepanz der Einkommen echauffieren (Philipp Lahm als einkommensstärkster Nationalspieler verdient über 10 Millionen im Jahr, Lira Bajramaj kommt auf geschätzte 150.000 Euro p.a.), hält sich in erfreulichen Grenzen. Manchmal muss man Unterschiede einfach akzeptieren.

Die Frauenfußball-WM ist ein künstlich aufgeblasenes Event

ARD, ZDF, Bild, Mercedes-Benz, Deutsche Post, adidas – alle fahren in diesen Tagen voll auf Frauenfußball ab. Lira Bajramaj hier, Kim Kulig dort, Alexandra Popp ist sicher auch noch irgendwo da hinten – am Frauenfußball gibt es momentan kein Vorbeikommen. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass hier eine gehörige Portion Opportunismus mit von der Partie ist. Denn machen wir uns nichts vor: Kein Großkonzern oder Fernsehsender zahlt dem Deutschen Fußball-Bund Millionen und Abermillionen für die Frauenfußball-Nationalmannschaft. DFB-Sponsoren kommen wegen Löw, Neuer, Schweinsteiger, Lahm oder Gomez. Nun ist es jedoch so, dass der DFB mit den Frauen noch ein Projekt hat, das die Sponsoren zu den Männern quasi „all inclusive“ mit dazu bekommen und damit in die Zwickmühle geraten: Wer sich als Sponsor nicht auch für die Frauen engagiert, hat schlechte Karten bei der Vertragsverlängerung. Schließlich stehen viele potente Unternehmen Schlange an der Otto-Fleck-Schneise.

Auch ARD und ZDF als übertragende Sendeanstalten verfolgen natürlich ihre Interessen. Zahllose Trailer, Nia Künzer im Vorprogramm zur Tagesschau und ellenlange Vorberichte haben dafür gesorgt, dass mittlerweile fast jeder weiß, was in diesem Sommer gespielt wird. Was sollen die Sender auch machen? Es gibt derzeit kein konkurrierendes Sportereignis, Olympia und Männer-EM sind erst im nächsten Jahr, und die Tour de France ist nach all den Doping-Skandalen der letzten Jahre zumindest hierzulande keinen Cent mehr wert. Mit Sommerfußball kann man dagegen Quote machen beim nach Events lechzenden Volk – wenn man denn vorher die Werbetrommel rührt und das Turnier groß redet.

Die Deutschen sind ein Event-Volk

Ob Weltjugendtag 2005, Männerfußball-WM 2006, Handball-WM 2007 oder eben jetzt Frauenfußball-WM – wann immer ein Großereignis auf deutschem Boden stattfindet, ist der Deutsche dabei und feiert. In vorderster Front findet man dabei meist die, denen es in erster Linie um den Spaß und erst in zweiter Linie um das Dargebotene geht. Ist das Turnier vorbei, legt sich auch die Euphorie wieder. Zurück bleibt der harte Kern derjenigen, die das ganze Jahr über bei der Stange bleiben. Das war schon nach 2006 so, als bereits zum Bundesligastart im August die „Eine Straße, viele Bäume, das ist eine Allee“-Fraktion lieber zu Hause geblieben ist. Und so wird es auch dieses Mal sein. Bis zum nächsten Event.

Die FIFA und der Frauenfußball

Interessante Randnotiz: Veranstalter FIFA geizt bei der Frauen-WM mit Infos. Konnte man vor einem Jahr in Südafrika noch den Top-Speed, die Ballkontakte, die Passquote oder die gelaufenen Meter eines jeden Spielers auf der Webseite nachlesen, beschränken sich die Statistiken bei den Frauen auf Tore, Vorlagen und Karten. Ob das Turnier der FIFA nicht wichtig genug ist oder man schlicht und einfach den Vergleich mit den Männern fürchtet, der die Unterschiede nur umso ersichtlicher machen würde, sei dahingestellt…

1 Kommentar

1 Ping

  1. Hafenkante sagt:

    Insbesondere der letzte Absatz ist interessant und der Grund warum ich überhaupt hier gelandet bin. Vergeblich suche ich nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit eben jene Statistiken, die die (Fehl-)Passquote und so weiter dokumentieren. Bisher ohne Erfolg.

    Die Diskussion über Frauen-Fussball vs. Männer-Fussball ist in manchen Foren ja recht hitzig und durchtränkt von Halbwahrheiten, verschrobenen pro-Argumentationen, Chauvinismusvorwürfen und „political correctness“. Es ist ja klar, dass ein Vergleich mit den Männern nur hinken kann, wenn es um Schusskraft oder Schnelligkeit geht, aber die Attraktivität eines Spiels ist in letzter Konsequenz davon ja nicht abhängig.

    Das müssten auch diejenigen zur Kenntnis nehmen, die all denen Macho-Gehabe vorwerfen, die sagen, dass es einfach schlechter Fussball ist, der da in der Breite abgeliefert wird. Ein langsames Spiel ohne Gewaltschüsse kann äußerst attraktiv sein, wenn z.B. viele Pässe ankommen, als intelligent und taktisch clever wahrgenommen werden, es tolle Ballannahmen & Stafetten, Stopper vor der Linie usw. zu sehen gibt und noch der ein oder andere Ball – auch langsam – über die Linie geht.

    Davon ist bei den Spielen – natürlich mit individuellen Ausnahmen – allerdings bisher eher das Gegenteil zu sehen gewesen und neben den fehlenden Statistiken ein Beleg für die fehlende Qualität des Frauenfussballs. Dieser hinkt gegenüber den Männern in der Gesamtheit derart hinterher, dass man sich noch nicht einmal traut die geschlechtsneutralen Statistiken wie Pass- und Schussgenauigkeit zu veröffentlichen. In diesem Sinne gebe ich diesem Blog völlig Recht: es ist ein aufgeblasenes Event.

  1. Frauenfussball WM2011 Deutschland - Postpla.net - die Forum Community sagt:

    […] […]

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Sie können diese HTML-Tags verwenden: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

*