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Mai
15

Europa-League-Finale: Warum Benfica gegen Chelsea gewinnen wird

Ich will mir nicht anmaßen, mich mit Franz Beckenbauer zu vergleichen, aber heute bin ich wirklich ein klein wenig wie der „Kaiser“: Ich widerspreche mir selbst. Vergesst meinen Blog von gestern, wonach Benfica aufgrund des Guttmann-Fluchs im Europa-League-Finale gegen Chelsea heute Abend keine Chance hat! Benfica hat richtig gute Karten – weil sie ein richtig starkes Team sind.

Nicht allein wegen des frühen Ausscheidens der deutschen Vertreter fristet die Europa League hierzulande ein Schattendasein. Sportlich und finanziell im Hintertreffen gegenüber der Champions League, vom Free-TV-Rechteinhaber „ProSieben Sat1-Media“ abgeschoben zu Tochtersender „Kabel eins“ – man muss klar sagen, die Europa League hat es hierzulande nicht leicht.

Weil ich mir Benfica allerdings im Verlauf des Wettbewerbs beruflich in fünf seiner acht K.O.-Spiele anschauen durfte/musste, kann ich nur warnend den Finger heben: Das ist eine richtig starke Truppe! Chelsea, das nicht nur bei den Buchmachern als Favorit ins Finale von Amsterdam geht, sollte sich auf unangenehme 90 bis 120 Minuten einstellen.

Meister der Tempoverschleppung

Gegen Bayer Leverkusen (1:0, 2:1), Girondins Bordeaux (1:0, 3:2), Newcastle United (3:1, 1:1) und Fenerbahce (0:1, 3:1) hat mich Benfica total überzeugt. Nun zählen diese Gegner nicht zur allerersten Garde im europäischen Klubfußball – deswegen spielten sie ja auch nicht in der Champions League –, doch in allen Duellen hat Benfica eine Qualität gezeigt, mit der man K.O.-Runden überstehet: Die Portugiesen sind unglaublich abgezockt, Meister der Tempoverschleppung, zugleich aber auch immer in der Lage aus dem Nichts ein Tor zu erzielen.

Vor allem gegen Bayer Leverkusen erweckten „die Adler“ zuweilen den Eindruck, als hätten sie überhaupt kein Interesse, Druck auf das gegnerische Tor auszuüben. Doch dann kam ihre Klasse zum Vorschein: Starkes Pressing im gesamten Teamverbund, schnelles Umschalten und den Ball irgendwie zu Oscar Cardozo bringen.

Cardozo: Ein eiskalter Killer

Der 29-jährige Paraguayer ist einer der letzten Torjäger der klassischen Prägung: Er hat Defizite im Antritt, hat in aller Regel hat er weniger Ballkontakte als der eigene Keeper, ist dafür aber brandgefährlich, wenn er 20 Meter vor dem Tor an die Kugel kommt. Gegen Bayer erzielte er im Hinspiel mit seiner ersten nennenswerten Szene die Führung, gegen Bordeaux sorgte er im Rückspiel mit dem ersten Ballkontakt nach seiner Einwechslung für die Entscheidung und im Rückspiel gegen Fenerbahce zeigte er bei seinem ersten Tor zum 2:1 seine individuelle Klasse und beim entscheidenden 3:1 seinen Instinkt.

Cardozo ist der herausragende Akteur einer Mannschaft, die ohne ganz großen Star daher kommt. Wie sollte es auch anders sein, schließlich muss Benfica alljährlich seine besten Spieler abgeben. In den vergangenen drei Spielzeiten hat der Klub durch die Verkäufe von Fabio Coentrao, Angel di Maria (beide Real Madrid), Ramires, David Luiz (beide Chelsea) oder Axel Witsel (Zenit St. Petersburg) ein Transferplus von mehr als 110 Millionen Euro erwirtschaftet.

Die Latino-Mischung macht’s

Als Architekt des Finaleinzugs gilt Trainer Jorge Jesus, unter dessen vierjähriger Ägide das Team gelernt hat, die Systeme 4-1-4-1, 4-2-3-1 und 4-4-2 nahezu perfekt zu beherrschen. Die aktuelle Mannschaft vereint acht Portugiesen, sechs Brasilianer, fünf Argentinier, zwei Uruguayer und zwei Paraguayer.

23 Latinos im Kader – da weiß man, was und wie gespielt wird. Der Fußball ist technisch anspruchsvoll, doch auch versteckte Fouls, große Theatralik und der Hang zum Zeitspiel bei Führung gehören zum Repertoire der Verteidiger Luisao, Ezequiel Garay, Maxi Perreira oder des vom international heftig umworbenen Flügelspielers Nicolas Gaitan.

Wie reagiert Benfica auf die verlorene Meisterschaft?

Ich würde sogar so weit gehen und Benfica zum Favoriten gegen die Star-Truppe von der Stamford Bridge erklären, die mit den Gegnern Sparta Prag, Steaua Bukarest, Rubin Kasan und dem FC Basel gewiss die leichtere Auslosung hatte – und in jeder Runde gerade defensiv seine Schwierigkeiten hatte.

Doch Benfica hat einen Nackenschlag zu verdauen. Am 29. und vorletzten Spieltag der portugiesischen Liga haben die Lissaboner am vergangenen Wochenende durch das 1:2 beim FC Porto vermutlich die Meisterschaft verspielt. Benfica war an den ersten 28 Spieltagen ungeschlagen geblieben und wird nun vermutlich mit einer einzigen Niederlage „nur“ Zweiter…

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